In verschiedenen Medien erschienen in den letzten Monaten Berichte, dass die russische Armee ihre eigenen Soldaten erschiesst, bzw. erschiessen läßt.
Vermutlich ist richtig, dass die russische Armee gegenüber den eigenen Soldaten grausamer ist als die ukrainische.
Aber es ist keineswegs so, dass westliche bzw. "demokratische" Armeen der Vergangenheit wesentlich humaner waren.
Die Erschiessung eigener Soldaten kann verschiedene Hintergründe haben: erstens täterseitig und zweitens motivseitig. Hinter der Erschiessung eigener Soldaten, bzw. eigener Kameraden kann als Motiv stehen, dass diese kriegsverbrecherisch agierten, es kann aber auch um Sachverhalte gehen, wie die angebliche "Feigheit vor dem Feind". Diesbezügliche Rehabilitationen fanden z.B. in GB 90 Jahre nach dem ersten Weltkrieg staat. Drittens kann es auch Fälle geben, dass man Kameraden erschiesst, weil sie ein Sicherheitsrisiko darstellen, z.B. weil sie zu langsam marschieren oder weil sie z.B. wegen körperlicher Überforderung zu laut schleichen, was den Standpunkt der Einheit verraten kann.
Die frühere öst. Aussenministerin Karin Kneissl, die nun bei russischen Institutionen arbeitet, meinte in einem Kleine-Zeitung-Interview, Alkoholimus sei in Russland ein großes Problem.
Das stimmt vermutlich, aber ebenso stimmt vermutlich, dass der russische Präsident Putin viel getan hat, um den Alkoholimus in Russland zurückzudrängen (auch mit dem autoritären Touch, den seine Entscheidungen oft haben), mit vermutlich beträchtlichem Erfolg (auch wenn ich derzeit keine Studien zur Hand habe, die das belegen). Erstaunlich oder auch nicht, dass niemand im Westen Putin in der Alkoholismusfrage verteidigt, aber so sind Kriege und Kriegspropaganda eben: mit eingeschränkter Meinungsäußerungsfreiheit und Faktenberichtfreiheit (wobei die Einschränkungen im Russland vermutlich immer noch beträchtlicher sind als im Westen).
In Anbetracht des jahrzehntelang aufgestauten Konflikts, und in Anbetracht zahlreicher Aktionen des Westens, die man als Mitschuld oder Teilschuld (im Sinne von z.B. Bestimmungstäterschaft bzw. Beitragstäterschaft) am Ukrainekrieg betrachten kann (NATO-Beschluss Bukarest 2008, mögliche Kriegsprovokationen durch Merkels Atomenergieausstieg 2011 und Kohleverstromungsausstieg 2020, der bei Putin vermutlich die Hoffnung geweckt hat, chancenreich den Krieg beginnen zu können, Deutschland wegen der Energieabhängigkeit rausbrechen zu können aus der EU), stellt sich auch die Frage der weiteren Entwicklung nach einem etwaigen Putin-Sturz: wird dann Russland zu einer Demokratie westlichen Stils, EU-Stils? Oder wird genau das Gegenteil passieren? Wird Russland nach einer Phase der Krise erneut eine vielleicht radikalere Feindschaft mit dem Westen entwickeln, mit starken Revanchegefühlen, mit Gefühlen der Verbitterung über den Westen, weil dieser eine Mitschuld, Teilschuld am Ausbruch des (ersten) Ukrainekriegs trägt?
Es könnte in Russland nach einem etwaigen Putin-Sturz zu einer Entwicklung kommen ähnlich der Weimarisierung, ähnlich Deutschland zwischen 1914 und 1945: dass auf die Niederlage im einen Krieg (für D erster Weltkrieg) eine Phase des Chaos und dann der Aufstieg einer extremen Partei (im Falle von D NSDAP) erfolgt. Anders gesagt, die Folge des jetzigen Ukrainekriegs könnte auch sein, dass in 20 Jahren der nächste Ukrainekrieg folgt, mit vielleicht erheblich mehr Toten und Schwerverletzten, sagen wir mal 10 Millionen.
Es stellt sich auch die Frage, ob die deutsche Politik der vermutlichen Kriegsprovokation Polen und das Baltikum antagonisiert, d.h. ob eine Folge des Ukrainekrieges massive Spannungen innerhalb der EU sein werden. Z.B. könnten Polen und Balten, aber auch Finnen und Schweden, also die "Frontstaaten", bzw. Ostseenachbarn von Russland, dem weiter westlich gelegenen Deutschland vorwerfen, erst jahrelang die baltischen/polnischen Warnungen vor Nord-Stream, extremer Energieabhängigkeit Deutschland von Russland ignoriert zu haben, und dann den Frontstaaten zuwenig Hilfe geleistet zu haben. Der Ukrainekrieg bewirkt auch erhebliche Verwerfungen in westlichen Demokratien/Parteiensystemen, es könnte sich wie als Folge des ersten Weltkriegs ein beiderseitiger Regimechange ergeben: damals Herrschaftsende der russischen Zarendynastie, der Habsburger-Dynastie und der Hohenzollern-Dynastie. Ähnlicherweise könnte der Ukrainekrieg auch das Ende der Putin-Partei und gleichzeitig das Ende von CDU/CSU, FDP und vielleicht auch SPD bedeuten, wenn auch von der SPD vielleicht nur ein Rest überbleibt.
Auf jeden Fall ist ein Siegfrieden nicht immer das Beste (der brüchige Versailles-St.Germain-Trianon-"Frieden" 1919, der bereits den Keim des Zweiten Weltkriegs in sich trug, ist ein Beispiel dafür), sondern oft sind es Kompromißfrieden nach langen Phasen des Krieges, bei beiderseitig gleichzeitigem Eintreten von Kriegsmüdigkeit, die die besten Friedensschlüsse ergaben.
In Zusammenhang damit stellt sich auch die Frage der Reparationen: Reparationen, stark belastende Reparationen, waren im Fall von Deutschland 1919-1933 einer der Gründe, warum die Weimarer Republik/Demokratie nicht funktionieren konnte, und warum statt einer Demokratisierung ein neuer Totalitarismus erfolgte. Ob die Reparationsforderungen westlicher PolitikerInnen nun reines Säbelrasseln sind oder ernstgemeint, sei einmal dahingestellt.
Der Krieg dauert auf jeden Fall länger, als alle Seiten geplant hatten. Die westliche Hoffnung, Putin auf die Schnelle stürzen zu können, weil EU und USA das 20-fache Bruttonationalprodukt von Russland haben, ist der Ernüchterung gewichen, als Begleiter dieser Ernüchterung, als Folge der Kriegspropaganda und des langen Krieges scheint sich im Westen immer mehr anti-russischer Rassismus zu verbreiten, so nach dem Motto: "Diese blöden, totalitarismus-gewohnten Russen, die stürzen den Putin einfach nicht, auch nicht nach viereinhalb Jahren, und tun nicht das, was wir erhofft haben". Auch diese Tendenz zum anti-russischen Rassismus im Westen kann einen skeptisch machen, was die Folgen eines etwaigen Siegfriedens betrifft, eine neue russische Schwächephase wie in den 1990er-Jahren könnte auch zu neuer Ausplünderung Russlands durch West-Konzerne bzw. West-Investoren und dem anti-westlichen Backlash als Reaktion darauf führen.
Auch mit der Hoffnung auf ewige US-Unterstützung scheinen sich EU-PolitikerInnen verkalkuliert zu haben: prinzipiell dürfen Republikaner/Trump andere Akzente setzen als die Demokraten/Biden, es ist aus US-Sicht verständlich, China für das größere Problem zu halten, und Russland für eine vergleichsweise Kleinigkeit, auch wenn wir Europäer diese Wahrheit gar nicht gerne hören.