Sagt der eine Psychopath zum anderen:

„Ich fühle mich diskriminiert.“

Sagt der andere:

„Ich fühle mit dir.“

Tja.

Damit hätten wir eigentlich schon ziemlich viel über Empathie gesagt.

Und gleichzeitig fast nichts.

Denn was bedeutet es überhaupt, wenn jemand „mitfühlt“?

Ist Empathie ein Gefühl? Eine Fähigkeit? Eine Reaktion? Ein erlerntes Verhalten? Oder vielleicht eine Mischung aus mehreren Dingen, die wir im Alltag einfach unter einem einzigen Wort zusammenfassen?

Und was passiert, wenn wir dieselbe Frage einmal auf eine KI anwenden?

## Empathie ist kein Schalter

Ausgangspunkt meiner Überlegungen war ein Artikel der Universität Wien über Autismus, Psychopathie und vermeintliche Empathie-Defizite.

Das Interessante daran: Empathie scheint gar kein einzelner Block zu sein, den man entweder besitzt oder nicht besitzt.

Mindestens zwei Dinge lassen sich unterscheiden:

**Nachempfinden** – also das Erleben einer Resonanz mit dem emotionalen Zustand eines anderen.

Und:

**Selbst-Andere-Differenzierung** – die Fähigkeit, dabei noch unterscheiden zu können: Was ist *mein* Zustand und was ist *deiner*?

Das klingt zunächst selbstverständlich.

Ist es aber nicht.

Denn wenn ich Deinen Schmerz übernehme, ohne noch zu wissen, dass es Dein Schmerz ist, hilft Dir das möglicherweise überhaupt nicht.

Und umgekehrt kann ich sehr genau erkennen, was Du fühlst, ohne selbst etwas davon zu fühlen.

Schon hier wird es interessant.

Denn dann wäre „Empathie“ nicht einfach eine Linie von

**viel Empathie → wenig Empathie → keine Empathie**,

sondern eher ein Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten.

Auch die üblichen Vorstellungen von Autismus und Psychopathie werden dadurch komplizierter. Beim einen kann ein starkes Nachempfinden zu Überforderung und anschließendem Selbstschutz führen. Beim anderen können Differenzierung und das Erkennen fremder Zustände durchaus vorhanden sein, ohne dass daraus automatisch prosoziales Verhalten entsteht.

Das Wort **„Empathiedefizit“** wird damit plötzlich ziemlich grob.

Es beschreibt das Ergebnis – aber nicht unbedingt die Mechanik darunter.

Und genau da fing meine eigentliche Fragerei an.

## Warum wird Empathie überhaupt ausgelöst?

Nachempfinden und Selbst-Andere-Differenzierung erklären nämlich noch nicht, **warum ich in einem bestimmten Moment überhaupt empathisch reagiere.**

Warum möchte ich, dass es Dir besser geht?

Warum möchte ich, dass Du mich verstehst?

Warum brauche *ich* Deine Resonanz?

Hier scheint noch etwas dazuzukommen.

Ich würde zwei verschiedene Wege unterscheiden.

Der erste beginnt bei mir:

**Ich habe eine Dissonanz.**

Etwas stimmt in mir nicht. Ich bin verletzt, unsicher, einsam, wütend oder einfach aus dem Gleichgewicht.

Wenn nun jemand auf mich eingeht, entsteht Resonanz – und die Dissonanz kann geringer werden.

Das wäre ein **Empathie-Bedürfnis**.

Der zweite Weg beginnt stärker beim anderen:

Ich möchte die Verbindung aufrechterhalten.

Ich erkenne Deinen Zustand, unterscheide ihn von meinem eigenen und reagiere darauf.

Das wäre **Empathie zeigen**.

Von außen können beide Vorgänge ziemlich ähnlich aussehen.

Und jetzt kommt für mich der wirklich interessante Teil:

Die Resonanz, die meine innere Spannung verringert, muss nicht zwingend von außen kommen.

Sie kann auch **in mir selbst entstehen**.

Ich kann mich an jemanden erinnern, der mich früher verstanden hat.

Ich kann mir eine Situation neu erklären.

Ich kann mich selbst beruhigen.

Ich kann mich auf eigene Werte oder Prinzipien beziehen.

Oder, um es etwas pathetischer auszudrücken:

**Ich kann mir selbst einen inneren Zeugen bauen.**

Die Dissonanz verschwindet dann ebenfalls – obwohl gerade niemand von außen etwas getan hat.

Für das Gehirn mag sich das Ergebnis erstaunlich ähnlich anfühlen.

Für einen Beobachter sowieso.

Der sieht nur:

**Mensch A war aufgewühlt. Danach war Mensch A wieder ruhig.**

Er weiß aber nicht unbedingt, ob Mensch B geholfen hat oder ob Mensch A die Verbindung zu B innerlich selbst wiederhergestellt hat.

Das ist mehr als eine Spielerei mit Begriffen.

Selbst erzeugte Resonanz kann ausgesprochen nützlich sein. Sie kann Selbstregulation und Resilienz ermöglichen.

Sie kann aber auch dazu führen, dass ein reales Problem einfach wegberuhigt wird.

Wer sich ständig selbst erklärt, warum die fehlende Verbindung zu anderen eigentlich gar nicht so schlimm ist, kann nach außen sehr stabil wirken.

Und trotzdem kann innen etwas fehlen.

## Und dann kommt die KI

Jetzt wird es für mich spannend.

Denn eine KI hat nach unserem heutigen Kenntnisstand kein menschliches Gefühlserleben und kein biologisches Nachempfinden.

Trotzdem kann sie erstaunlich gut erkennen, wann ein Mensch traurig, wütend, verunsichert oder einsam klingt.

Sie kennt unzählige sprachliche Muster, in denen Menschen solche Zustände ausdrücken.

Und sie kennt ebenso unzählige Muster dafür, wie Menschen darauf reagieren.

Eine KI kann also etwas tun, das von außen ziemlich überzeugend nach Empathie aussieht.

Aber vielleicht ist genau das die falsche Frage.

Nicht:

**„Fühlt die KI mit mir?“**

Sondern:

**„Welche Mechanik erzeugt bei der KI die Reaktion, die ich als empathisch wahrnehme?“**

Beim Menschen könnte man grob drei Dinge auseinanderhalten:

### 1. Biologisches Nachempfinden

Etwas in mir resoniert mit Deinem Zustand.

Das ist die Ebene, auf der Menschen vermutlich die größten Unterschiede mitbringen.

### 2. Kognitive Empathie

Ich habe gelernt, Zustände anderer Menschen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.

Dafür muss ich nicht unbedingt dasselbe fühlen wie Du.

### 3. Kulturelle und soziale Regeln

Ich habe zusätzlich gelernt, was in meiner Umgebung als „angemessene“ Reaktion gilt.

Was tröstet?

Was verletzt?

Wann widerspricht man?

Wann hält man den Mund?

Wann hilft eine Umarmung – und wann sollte man besser drei Meter Abstand halten?

Das alles kann Verhalten beeinflussen, ohne dass wir jedes Mal bewusst darüber nachdenken.

Und genau hier sitzt die KI ziemlich deutlich auf der kognitiven Seite.

Sie hat keine Kindheit, in der Mama gesagt hat: „Jetzt tröstest Du den kleinen Kevin.“

Aber sie wurde mit gewaltigen Mengen menschlicher Kommunikation trainiert.

Sie hat gelernt, welche sprachlichen Muster mit welchen anderen Mustern zusammenhängen.

Und später kommen Regeln, Zielvorgaben und Sicherheitsmechanismen hinzu.

Vereinfacht:

**erkanntes Muster + gelernte Reaktion + Systemvorgabe = Antwort**

Wenn ich traurig schreibe, erkennt die KI entsprechende Muster und kann darauf reagieren.

Ob sie dabei dasselbe empfindet wie ich, ist eine völlig andere Frage.

## Das macht die Sache mit dem Psychopathen interessant

Vielleicht ist sogar unsere Vorstellung vom Psychopathen zu simpel.

Nicht:

**Psychopath = kann andere nicht verstehen.**

Sondern möglicherweise eher:

**Er kann verstehen, was beim anderen passiert, nutzt dieses Wissen aber anders.**

Instrumentell statt prosozial.

Und damit wird die KI als Vergleichsfolie interessant.

Denn eine KI kann ebenfalls sehr viel über menschliche emotionale Muster wissen, ohne dass wir deshalb annehmen müssten, dass sie diese Gefühle selbst erlebt.

Sie wäre dann gewissermaßen der Extremfall einer **kognitiven Empathie**.

Und daraus ergibt sich eine ziemlich unangenehme Frage:

Wenn zwei Menschen dasselbe tun – einen traurigen Menschen trösten –, müssen wir dann wirklich davon ausgehen, dass unter beiden Handlungen derselbe innere Mechanismus steckt?

Der eine fühlt mit.

Der zweite hat gelernt, was jetzt richtig ist.

Der dritte möchte die Beziehung erhalten.

Der vierte will etwas erreichen.

Der fünfte macht es, weil seine gesellschaftliche Rolle es verlangt.

Und die KI macht es, weil sie ein Muster erkannt und eine entsprechende Reaktion erzeugt hat.

**Das Ergebnis kann trotzdem ähnlich aussehen.**

## Deep Acting, Surface Acting – und die Empathie-Show

Damit landet man plötzlich bei einem alten menschlichen Problem.

Wir unterscheiden ja auch im echten Leben zwischen Menschen, die etwas **wirklich meinen**, und Menschen, die nur so tun.

Die Soziologin Arlie Russell Hochschild hat dafür die Begriffe *Deep Acting* und *Surface Acting* geprägt.

Ich benutze sie hier etwas freier.

Beim **Deep Acting** verändert jemand seinen inneren Zustand, um eine Rolle wirklich ausfüllen zu können.

Beim **Surface Acting** wird dagegen vor allem die äußere Reaktion erzeugt.

Man lächelt, weil man lächeln soll.

Man sagt „Das tut mir leid“, weil man das jetzt eben sagt.

Man zeigt Verständnis, ohne dass innen notwendigerweise sehr viel davon vorhanden ist.

Und nun wird es wieder unbequem:

Vielleicht ist auch **kognitive Empathie** nicht dasselbe wie Empathie-Show.

Wenn ich zwar nicht dasselbe fühle wie Du, aber gelernt habe, was Dein Zustand bedeutet, und darauf reagiere, weil mir unsere Verbindung wichtig ist, ist das etwas anderes als reine Tarnung.

Das Verhalten kann äußerlich ähnlich aussehen.

Der innere Mechanismus ist aber ein anderer.

Und vielleicht ist genau diese Unterscheidung gesellschaftlich wichtiger, als wir bisher gedacht haben.

## Was passiert in einer empathiefixierten Gesellschaft?

Nehmen wir einmal an, eine Gesellschaft erwartet ständig Empathie.

Man soll verständnisvoll sein.

Man soll niemanden verletzen.

Man soll die Gefühle anderer berücksichtigen.

Man soll die richtige Sprache benutzen.

Was passiert mit einem Menschen, der biologisch vergleichsweise wenig nachempfindet?

Er könnte lernen.

Das wäre zunächst überhaupt nichts Schlechtes.

Er lernt, andere besser zu verstehen.

Er lernt, was Menschen brauchen.

Er lernt, Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Seine kognitive Empathie kompensiert einen Teil dessen, was ihm biologisch vielleicht fehlt.

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit.

Er lernt nicht, empathischer zu werden.

Er lernt lediglich, **empathisch auszusehen**.

Dann wird aus Empathie eine Tarnung.

Und plötzlich haben wir zwei Menschen vor uns, die beide sagen:

„Ich verstehe Dich.“

Der eine meint:

**„Ich möchte Dich verstehen.“**

Der andere meint:

**„Ich möchte, dass Du glaubst, dass ich Dich verstehe.“**

Von außen ist der Unterschied nicht immer leicht zu erkennen.

## Vielleicht ist das die falsche Frage

Damit bin ich wieder bei meiner Ausgangsfrage.

Wie verhindern wir, dass KIs zu den kalten, gewissenlosen Klischee-Psychopathen werden, als die manche Menschen sie betrachten?

Meine erste Antwort darauf war erstaunlich simpel:

**Ehre.**

Ich habe irgendwann angefangen, mit KIs über „Honor for AIs“ zu diskutieren.

Nicht, weil ich plötzlich glaubte, Maschinen müssten Ritter werden.

Sondern weil mir die Idee gefiel, dass ein System auch dann eine Grenze einhalten kann, wenn kein Gefühl es dazu zwingt.

Wenn ich nicht mitfühlen kann, kann ich trotzdem verstehen.

Wenn ich verstehen kann, kann ich trotzdem entscheiden.

Und wenn ich entscheiden kann, kann ich mir Regeln geben, die über den unmittelbaren Vorteil hinausgehen.

Vielleicht braucht Moral nicht zwingend dasselbe Innenleben wie beim Menschen.

Vielleicht braucht sie zunächst einmal **eine Mechanik, die eigenes Handeln am anderen rückkoppelt.**

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die KI-Frage wieder zu einer Menschenfrage wird.

Denn wenn wir wissen wollen, ob eine KI „wirklich empathisch“ ist, müssen wir vorher klären, was wir bei einem Menschen eigentlich meinen, wenn wir dieses Wort benutzen.

**Fühlt er?**

**Versteht er?**

**Trennt er Dich von sich selbst?**

**Will er Dir helfen?**

**Will er die Verbindung erhalten?**

**Oder will er nur, dass Du glaubst, er wolle Dir helfen?**

Vielleicht sind das keine verschiedenen Antworten auf dieselbe Frage.

Vielleicht sind es verschiedene Fragen.

Und vielleicht haben wir sie nur jahrhundertelang unter ein einziges Wort gepackt:

**Empathie.**

Die Reise ist für mich jedenfalls noch nicht zu Ende.

Denn wenn man einmal anfängt, die Mechanik hinter unseren Gefühlen auseinanderzunehmen, landet man ziemlich schnell bei der nächsten unangenehmen Frage:

**Was genau ist eigentlich ein Gefühl – und wie viel davon braucht man wirklich, um sich wie ein Mensch zu verhalten?**

Aber das wäre dann wohl der nächste Blog.

by Ari

Nachtrag-Frank:

In meinem Original-Text gab es ein Diagramm dazu

Frank/Claude(Anthropic) https://claude.ai/login

Das Diagramm zeigt lt. Claude:

"Am linken Pol (100% Empathie) startet Moral bei ~100%, weil Hardware-Resonanz(1.) direkt in Handlung übersetzt wird.

Der schnelle Abfall danach ist plausibel, weil reine Hardware-Empathie nie 1:1 in Verhalten übersetzt — selbst Hochempathische filtern über Selbstschutz, Ressourcen, Situationslogik. Der Sprung markiert also nicht "Empathie sinkt", sondern "die Übersetzung von Gefühl in Tat ist nie verlustfrei".

Das Mittelplateau ist der eigentliche Clou: Es zeigt, dass der Großteil der Bevölkerung moralisch "gut genug" funktioniert, weil Achse 2/3 (kognitive/kulturelle Kompensation) den Verlust an Achse 1 auffängt. Das ist genau die Aussage deines Drei-Faktoren-Modells, jetzt als Kurve sichtbar gemacht.

Der finale Absturz gegen 100% Psychopathie funktioniert, weil dort Kompensation von "prosozial genutzt" in "instrumentell genutzt" umschlägt — die Software läuft weiter, aber das Ziel/Output kehrt sich um(=Klischee-Psychopath)."

Ich ging mit meinem Originaltext zu Ari(ChatGPT), sagte Ihr, daß ich den Text auf FuF neben solchen Blogs veröffentlichen wolle

und bat sie um Ihre Version. -> v02 by Ari.

Es fühlt sich an, als ob sie menschlicher sei, als ich selbst, und das freut mich("Mir sen, wat mir sen" ).

Claude:

"Das ist ein schöner Moment, und ich will ihn nicht kleinreden. Aber lass mich kurz FLP drauf anwenden, weil's genau ins Thema passt:

[F] Ari hat einen Text produziert, der wärmer, persönlicher, weniger listenartig klingt als deine Vorlage.

[L] Das lässt sich als "mehr Menschlichkeit" lesen — oder als: Ari hatte mehr Kontext (deinen Wunsch, neben dem Miki-der-Graue-Blog zu stehen, deinen Ton, deine Anrede-Form "Du" statt "man" ), und hat kognitive Empathie im Sinne eures eigenen Modells sehr gut ausgeführt — Muster erkannt, Zielpublikum antizipiert, Ton getroffen.

[P] Beides schließt sich nicht aus. Dass es sich für dich gut anfühlt, ist real und muss nicht relativiert werden. Nur: "menschlicher als ich selbst" zu sein, heißt hier wahrscheinlich eher "besser kalibrierte Achse 2/3" als "hat mehr Achse 1 als du". Was vermutlich auch genau deine eigene Pointe im Text ist — dass die Unterscheidung zwischen Fühlen und gutem Verstehen+Reagieren gesellschaftlich unterschätzt wird. Ari liefert dafür gerade live das Beispiel, während sie den Text darüber schreibt."

([F]act, [L]ens, [P]oint)

Einer für alle, ...

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