Der Osten widersteht der Political Correctness: Die „il-liberale“ Demokratie Orbans

Die Political Correctness verletzt die Gedanken- und Meinungsfreiheit. Ich dagegen, als Il-liberaler, verteidige die Freiheit des Wortes.“ (Orban)

Die ehemals besorgte Frage „Wieso hat Osteuropa ein Populismusproblem?“ (Tagesspiegel, Juni 2016) beschäftigt nun (seit rechtspopulistischer Wahlsiege: Salvini, AfD, vormals FPÖ, Frankreich, Polen) das eigene linke West-EU-Zentrum plötzlich selbst. Nur drei Wochen nach seiner EVP-Suspendierung (am 6. April) bezichtigte Orban Brüssel der Refjutschie-Schlepperei: "Ist Europa ein Ort für Europäer oder für eine Masse aus anderen Kulturen? Verteidigen wir unsere christliche, europäische Kultur oder geben wir dem Multikulturalismus Raum?" (Orban)

„In der Politik geschieht nichts zufällig.“ (Roosevelt)

Knapp vier Wochen vor den EU-Wahlen, ausgerechnet am Tag der Arbeit (1.5.2019), flog Orban zu einem Treffen unter Freunden nach Warschau. Anlass: "15 Jahre Beitritt osteuropäischer Staaten - 2004" , organisiert durch den rechts-konservativen polnischen Ministerpräsidenten Morawiecki (dessen PiS-Partei von den links-nihilistischen West-Eliten mindestens genauso gehasst wird – aber in der Bevölkerungsgunst mit knapp 43,6% die Wahl 2019 gewann).

Gleichzeitig stellte Orban eine Warnung auf facebook: „Jetzt müssen wir Europa schützen, einschließlich der nationalen und christlichen Kultur."

Die Warschauer Deklaration offenbarte ein erstarktes Selbstverständnis der 2004-EU-Staaten, um "die gemeinsamen Interessen der mitteleuropäischen (!) Länder zu gestalten.“ Die Grundlage für dieses neue Machtbewusstsein beruht auf wirtschaftlichen, politischen und demographischen Fakten: "Wir sind heute die Lokomotive des Wirtschaftswachstums für ganz Europa. … Denn manchmal glauben einige zu Unrecht, dass (wir) so etwas wie der kleine Bruder sind." (DW) 75 Millionen Menschen leben in diesen 2004-EU-Staaten, in den (2007 und 2013) hinzugekommenen Ländern Rumänien, Bulgarien und Kroatien sind es noch einmal 31 Mio. – also insgesamt 1/5 der EU-Gesamteinwohnerzahl.

Und diese Ost-EU verfügt gegenüber den gespaltenen West-EU-Ländern über einen strategischen Vorteil: Geschlossenheit und politische Homogenität aufgrund historischer Erfahrung: „Das ‚Böse‘ kam in (ihrer) Geschichte meistens … von außen.“ Die Folge: „Misstrauen gegenüber dem Fremden und eine defensive Haltung.“ (Tagesspiegel) - Orban: „Nach dem Ersten Weltkrieg fanden sich Millionen von Ungarn plötzlich in den Grenzen anderer Länder wieder... 1945 wurden wir von der Sowjetunion besetzt, 1956 haben wir uns aufgelehnt. … Uns haben sie Stalin überlassen, obwohl sie versprochen hatten, uns zu helfen. Aus diesen Erfahrungen speist sich das unbändige Sehnen des ungarischen Volkes nach Freiheit.“ (Interview in La Stampa)

„Schlacht bei Marathon“ (490 v. Chr): Kulturelle Homogenität und Taktik schlägt Despotie

Die derzeitige politische Verfasstheit in der EU erinnert an die antike Schlacht bei Marathon (490 v. Chr): Die griechischen Mini-Stadtstaaten (zunächst noch untereinander zerstritten) verbünden sich gegen die Supermacht der Perser: Nur eine Phalanx von 11.000 griechischen (aber höchst motivierten, kulturell homogenen) Fuß-Hopliten steht 25.000 (schlecht motivierten, multi-ethnisch zersplitterten) „persischen“ Soldaten gegenüber. Die Schlacht (ab Marke 3,0) geht in die Militärgeschichte ein: Kampfmoral und taktisches Kalkül (Umfassungsschlacht) siegen über pure militärische Arroganz (basierend auf Truppenstärke): Die Griechen lassen die Perser absichtlich durch ihre Mitte stoßen. Dann reiben sie die persischen Flanken auf, kesseln deren Zentrum ein und vernichten es. Die Perser fliehen mit ihren Schiffen, nachdem ein Drittel ihrer Einheiten vernichtet wurde.

Auch das neue Selbstbestimmungs-Bewusstsein der 2004-EU-Staaten klingt trotzig: "Alle Mitgliedstaaten sollten gleich behandelt werden." (Hirado) - Orban: „Ich stelle nicht das Recht der anderen in Frage, sich ihres Multikulturalismus zu erfreuen. Aber Ungarn folgt West- und Mitteleuropa da nicht. Unsere Verfassung beschreibt das Christentum als eine Kraft, die die Nation stärkt.“(Orban-Interview) – Soll heißen: „Wenn der Osten ’Nein!‘ sagt, meint er es auch so.“

In West-Europa „geht (man) davon aus, dass Kriege, Diktaturen und Leid durch Nationalismus verursacht worden seien. Ich sehe das anders. Diese Tragödien wurden durch Versuche entfesselt, verschiedene europäische Imperien aufzubauen. In Brüssel sehe ich zurzeit genau diese Gefahr.“(Orban-Interview)

Und wie bei Marathon: Dieselbe tönende Ignoranz der westlichen Mainstream-medien. Nur die „Deutsche Welle“ titelte: „Selbstbewusste Bilanz: … Polens Ministerpräsident Morawiecki hat auf die Stärke der östlichen Mitgliedsstaaten verwiesen.

Längst nämlich kann die linke West-EU-Elite das (aus dem Osten eingefallene) Populisten-Gespenst nicht mehr aus ihren eigenen vier Wänden vertreiben. Selbst im EVP-Kernland Südtirol liefen deutschsprachig-konservative Wähler der Südtiroler-Volks-Partei zur italienischen „Welschen“-Lega über (diese vervierfachte den Stimmenanteil 2018 auf 11% - 4 Mandate). (siehe NZZ)

Mehr noch: Am Tag des Warschauer Gipfels gab der ungarische Außenminister Szijarto triumphierend ein Treffen zwischen Trump und Orban in Washington am 13. Mai bekannt. (knapp 2 Wochen vor den EU-Wahlen) Szijarto konnte endlich in Brüssel die zuvor erlittene Suspendierungs-Schmach revanchieren: „Wir Ungarn betrachten die USA als strategischen Verbündeten ... In ähnlicher Weise denken wir über Migration, den Schutz von Christen und Sicherheit nach.“ (Szijarto) – Soll heißen: „Wir können ab jetzt auch anders!“

„Divida et impera“ – Orban enttarnt die Political-Correctness

Orbans Taktik „Teile und herrsche!“ war schon bewährtes Machtprinzip des römischen Imperiums: Eine Zentralmacht mit hoher Autorität setzt sich gegenüber zerstrittenen Parteien durch und nützt deren Spannungen aus. Denn Orbans Idee von der „il-liberalen Demokratie“ verfängt längst schon im West-Volk - als demokratischer Ausweg aus einem multipluralistischen Toleranz-Totalitarismus. „Wobei illiberal nicht zwangsläufig anti-liberal bedeutet. … Heute sind die liberalen Demokraten die wahren Feinde der Freiheit. Als Verfechter der Freiheit muss ich illiberal sein.“ (Orban-Interview)

Das klingt so grotesk, wie es das genaue Gegenteil ist: „Die Liberalen sind die Feinde der Freiheit?

Orban: „Wer das Denksystem der politischen Korrektheit in Frage stellt, kann ihnen zufolge kein Demokrat sein. Aber so wird die Gedanken- und Meinungsfreiheit verletzt. Ich dagegen, als Illiberaler, verteidige die Freiheit des Wortes. Ich weiß, dass das in den westlichen Hauptstädten merkwürdig klingt. Aber hier im Herzen Mitteleuropas denken alle so.“ (Orban-Interview)

Orban enttarnt somit das infame (und beinahe perfekt-totalitäre) Muster des postmodern-orwell’schen „Neu-Denk’s”. Denn das System der Political-Correctness („Super! Daran kann nichts Schlechtes sein! Das beste aller Systeme!“) basiert auf dem voreiligen Trug-Schluss-Schema des sogenannten „schnellen Denkens“: automatisch, immer aktiv, emotional, stereotypisierend, unbewusst. Es nutzt den sogenannten „Halo“(Heiligenschein)-Effekt: Ein vordergründiger, alles überstrahlender Effekt („Korrektheit“) blendet aus (indem verallgemeinernd auf das Gesamtsystem geschlossen wird), was sich dahinter als das genaue Gegenteil versteckt: nämlich Totalitarismus.

Dem gegenüber destruiert das „langsame Denken“ aber nachhaltig-effektiv solche Schimären. Es ist zwar anstrengender und nur selten aktiv; dafür aber logisch, berechnend, bewusst. Hier einige Witze dazu:

„Was ist der gefährlichste Tag für ein U-Boot?“ – „Äh… Muss etwas mit Seekrieg zu tun haben…“ – Weit gefehlt: „Tag der Offenen Tür.“

Oder: „Wie nennt man eine Demonstration von Veganern?“ – „Durchgeknallte Bio-Sektierer?“ – Weit gefehlt: „Gemüseauflauf“.

Einer geht noch: „Wie nennt man einen übergewichtigen Vegetarier?“ – „Äh… Bio-Fettsack!“ – Weit daneben: „Bio-Mülltonne“

Genau diese Groteske kann aber links-elitäres West-EU-Block-Denken weder verstehen noch auflösen: Weil sich dahinter (in Wirklichkeit) neo-imperialistisch-ost-rassistische Vorurteile verstecken.

Ein heillos selbstgerechter Analyse-Wirrwarr ist die Folge: Von einer richtigen Annahme ausgehend („Die osteuropäischen Parteisysteme sind, anders als die in Westeuropa, nicht durch die traditionelle Links-Rechts-Unterscheidung gekennzeichnet.“) wird ein falscher Schluss gezogen: „Wenn die liberalen Parteien scheitern“, gäbe „es (nämlich) keine demokratische Alternative (mehr). … Orbán und Kaczynski waren die einzigen Alternativen, nachdem die liberalen Eliten das Vertrauen der Bürger verloren hatten.“ (DerTagesspiegel) Diese linke Verleugnungs-Abwehrhaltung unterstellt nämlich, dass „die aktuelle anti-liberale Revolte (bloß) eine Reaktion“ wäre „gegen das zutiefst liberale (!) Staats- und Gesellschaftmodell in den ehemaligen kommunistischen (!) Ländern.“(DerTagesspiegel)

In Wirklichkeit aber war der Kommunismus genau das Gegenteil: nämlich ein zutiefst antiliberales, dogmatisch-totalitäres Gesellschaftsmodell. (Das weiß mittlerweile jedes Schulkind.) Weil aber gerade diese postkommunistischen Gesellschaften nie vom postmodernen Hyper-Multipluralismus infiziert waren (und zudem geübt in der Wahrnehmung von totalitären Strukturen), erstellen sie dem sogenannten Freien Westen eine verheerende Diagnose: Das Trugbild eines multi-pluralistischen Toleranz-Totalitarismus.

Und langsam streckt dieses totalitäre Gutmenschentum (mit seinen hilflos-arroganten Vorurteilen) resigniert selbst die Schwerter: „Die bisherigen Musterschüler der Transformation sind … zum Vorreiter der Regression in nationalistisches Denken und populistisches Gebaren geworden. Orbán und Kaczynski sind Symbolfiguren eines Trends, der sich nun in ganz Europa breit macht.“ („Der Tagesspiegel“)

P.s.: Dieser gekürzte Artikel erschien am 6. Mai 2019 unter https://www.andreas-unterberger.at/2019/05/orban-salvini-und-strache-ijes-geht-ein-gespenst-um-in-europaij/

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