Jetzt ist es schon ein paar Jahre her. Heute kann sich Kurt wieder an diesen Tag im Spätherbst 2009 erinnern. In allen Details, als wäre es gestern erst gewesen. Das war nicht immer so. Eine Zeit lang hatte er versucht, seine Situation durch das Leugnen der damaligen Diagnose einfach wegzudenken. So zu tun, als wäre alles so, wie er es als normal kennengelernt hatte. Was nicht ging. Was den Schmerz und die Frustration nur noch wachsen ließ: dieses Gefühl, für nichts mehr gut zu sein und nichts von alldem mehr machen zu können, wovon er immer gedacht hatte, es für sein persönliches Glück zu brauchen, nur noch nährte. Irgendwann hat er es dank der liebevollen Unterstützung seiner Familie und jener Menschen in seinem Umfeld, die gerade in diesen Monaten bewiesen hatten, dass er sie zurecht als seine Freunde bezeichnet, geschafft: er hat es akzeptiert, dass er entsprechend der Diagnose an diesem unsäglichen Herbsttag vor nun schon mehr als 5 Jahren tatsächlich sein Augenlicht verloren hat. Er hat aufgehört, sein Hirn zu martern mit dem Versuch, aus den schematischen Umrissen, mit denen er sein Umfeld noch visuell wahrnehmen konnte, mit den Augen Details und Farben zu erkennen. Er hat gelernt, sich auf seine anderen Sinne zu verlassen – und dabei Seiten zu entdecken, denen er zuvor kaum Bedeutung beigemessen hat: wie die Umfeld auch durch Tasten, Hören, Riechen und vor allem den viel gepriesenen sechsten Sinn, das Gspür, erfahren werden kann. Selbst beim Essen konzentriert er sich nun wesentlich mehr auf seinen Geschmacksinn – und kann dabei neue Dimensionen des Genießens auskosten; von Wegen die Augen essen mit.

Kurt ist einer von den allein in Deutschland rund 1 Million Menschen, bei welchen ein so genanntes primäres Offenwinkelglaukom diagnostiziert wurde. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Zahl jener Personen, bei welchen ein Frühstadium des Glaukoms, das auch als „Grüner Star“ bezeichnet wird, zu erkennen ist, im Jahr 2030 sogar mehr als 1,6 Millionen betragen wird – allein in Deutschland (vgl. „Weißbuch zur Situation der ophthalmologischen Versorgung in Deutschland“ von Christian Wolfram und Norbert Pfeiffer). Kurt hatte das Pech, dass bei ihm keine Medikation mehr angeschlagen, da der Sehnerv durch das fortgeschrittene Stadium der Erkrankung bereits zu stark beschädigt war. 2000 Fälle gibt es pro Jahr, bei welchen tatsächlich eine Erblindung eintritt.

Wenn in der Öffentlichkeit über „Barrierefreiheit“ diskutiert wird, dann zeigt dies, in welchem Ausmaß daran gedacht wird, dass Menschen mit Kurt sich Unterstützung dabei verdient haben, am Alltag teilzuhaben. Tastbare, klar strukturierte und intuitiv erfassbare durchgehende Orientierungssysteme, tastbare erhabene Beschriftungen (Symbole, Normal- und Brailleschrift), intuitiv auffindbare Bedienelemente, akustische Wiedergabe von visuellen Signalen und Informationen und tastbare Kennzeichnung beziehungsweise bauliche Absicherung von Hindernissen werden zunehmend geboten. Man merkt dies bei den im Boden eingearbeiteten Leitsystemen an öffentlichen Plätzen wie etwa Bahnhöfen, den tastbaren Informationen im Handlauf zu Treppen an Beginn und Ende, an den ertastbaren Informationen zu den Stockwerksangaben in Aufzügen, an den akustischen Leitsystemen von Ampelanlagen und an zahlreichen anderen baulichen Maßnahmen. Mittlerweile wurde auch erkannt, dass bei zunehmender Bedeutung des Internets im Alltag auch hier entsprechende Adaptionen zur Inklusion von Menschen mit Sehbehinderung erforderlich sind: Internetbasierte Angebote haben zum Beispiel entsprechende Software zu unterstützen, welche die auf dem Bildschirm angebotenen Informationen in akustische Beschreibungen übersetzt. Sehr ähnlich dem Zweikanalangebot von Fernsehsendern.

Kurt freut sich darüber, dass er nun, wo er sein Schicksal annehmen konnte, soviel Unterstützung dabei erkennen kann, seinen Alltag eigenverantwortlich so zu gestalten, wie er es für sein Selbstwertgefühl braucht. Er will nicht auf seine Blindheit reduziert werden, fangt mit dem Mitleid der Menschen nichts an. Er will seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten wie er es auch vor dieser Erkrankung gemacht hat, fordert allerdings auch ein, dass ihm keine Steine in den Weg gelegt werden. Er ärgert sich daher, wenn er Informationen im Internet nur schwer bekommt, weil ein Betreiber hier noch nicht umgestellt hat trotz eigentlich bestehender gesetzlicher Verpflichtung. Auch empfindet er es als ärgerlich, wenn er trotz der Blindenschleife und dem Blindenstock, gegen die er sich so lange aus Stolz gewehrt hat, in der U-Bahn herumgestoßen wird.

Dass der Gesetzgeber hier entsprechende Verpflichtungen vorgesehen hat, die stufenweise eine Verbesserung der Barrierefreiheit auch für Menschen mit Sehbehinderung bringen soll, ist gut und wichtig. Im Jahr 2016 sollte es bereits selbstverständlich sein, dass bauliche und auch technische Maßnahmen erfolgreich umgesetzt wurden. Wer das noch nicht gemacht hat – etwa seine Homepage noch nicht nach den Empfehlungen der Web Accessibility Initiative (WAI) des World Wide Web Consortiums (W3C) aktualisiert hat – sollte dies, nicht bloß wegen der drohenden Sanktionen, schleunigst nachholen.

Damit ist es allerdings noch nicht getan. Inklusion bedeutet nämlich mehr, als nur entsprechend einer Checkliste vorzugehen: es bedeutet auch eine selbstverständliche Verinnerlichung der Bedürfnisse dieses Personenkreises, um zu erkennen, welche weiteren Hürden im Miteinander es da noch auszuräumen gilt. Da kann sogar das Einkaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten mithelfen. Nicht nur, wenn es um die Bäurinnen und Bauern auf amerikanischen Plantagen geht, kann bewusstes Einkaufen helfen. Auch das ganz gezielte Einbeziehen von entsprechenden Angeboten von Unternehmen, die erkannt haben, dass Menschen mit Sehbehinderung ebenso gute Leistung bringen und diese daher nicht nur wegen einer Quote aufnehmen, kann hier Wertschätzung zum Ausdruck bringen und wichtige Zeichen setzen. Menschen wie Kurt freuen sich wie auch jeder andere Mensch, wenn erkannt wird, dass ihre Leistung nicht nur wichtig ist, sondern auch Freude bereiten kann – und auch dafür sorgt, dass ihre Dienstgeberinnen und Dienstgeber durchaus auch Gewinn machen können. Das gibt Selbstwertgefühl; das gibt das Gefühl von sozialer Anerkennung, von Bedeutung für die Gesellschaft und in dieser. Dinge also, die sich wohl jede und jeder für sich wünscht und damit selbstverständlich auch gegeben werden soll.

Vielleicht kommt Ihr Valentinstagsgeschenk von einem Unternehmen wie jenem der Öber-GmbH in Graz (www.oeber.at)? Barrierefreie Geschenke können vielleicht sogar helfen, weitere Barrieren zu beseitigen ...

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FraMoS

FraMoS bewertete diesen Eintrag 04.02.2016 18:53:45

G. Szekatsch

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Hansjuergen Gaugl

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