Wie bei so vielen anderen Diskussionen im Alltag auch, neigen Menschen bei Gesprächen rund um das Thema "Flüchtlinge" dazu, dem ganzen die Komplexität nehmen zu wollen. Wenn es eh schon schwer genug ist, sich überhaupt mit etwas auseinanderzusetzen, das Gefühle aufwühlt und die eigenen Wertevorstellungen ins Wanken zu bringen, dann soll es wenigstens übersichtlich sein: gut oder böse, richtig oder falsch, schwarz oder weiß.

Und weil auch das manchmal noch nicht reicht, werden gleich die dahintersteckenden Menschen, die da Ansichten haben und über ihre Emotionen und Erfahrungen berichten, die nicht so ganz in die eigene Welt zu passen scheinen, zur personifizierten Einteilung gemacht. Auf die Schublade, rein mit dem ganzen Menschen, und schon ist die Übersicht gegeben und man muss sich nicht weiter auseinandersetzen mit Argumenten. Mit Argumenten, die vielleicht das ungute Gefühl aufkommen lassen könnten, dass es doch gute Gründe geben kann, die Dinge ein wenig anders zu sehen, als man es gerne würde.

Beobachtet man die zahlreichen Diskussionen zu jenen Menschen, die aus diversen Gründen in den letzten Monaten nach Europa gekommen sind, um hier ihr Glück zu finden - sofern man sie nicht schon leid ist und konsequent ausblendet - so ist sehr gut zu beobachten, dass es verdammt schnell geht, in eines der beiden Lager, auf welche zu der ganzen Thematik die Menschheit offenbar gerne reduziert wird, gesteckt zu werden. Und sofort mit unschönen Bezeichnungen versehen zu werden. Sagen Sie einmal laut, Sie hätten Angst, dass Österreich die Herausforderungen nicht stemmen wird: weil zu wenige Schulplätze da sind, zu wenig Betreuung, zu wenig konkrete Integrationsanbote; weil die hierher flüchtenden Menschen falsche Erwartungen haben und sich damit zur Verzweiflung nun auch Frust mischt, der mit jedem Tag, den sie zur Untätigkeit verdammt in einem Massenlager leben, noch steigt,... Sagen Sie einmal, Sie hätten Angst, weil Sie ein ungutes Gefühl haben, wenn eine Menschenmenge, deren Sprache Sie nicht verstehen, in der Nacht auf Sie zukommt und Sie befürchten, dass diese Begegnungen nun Alltag werden, ...

Ja, selbst das Bekenntnis, Angst zu haben, reicht bereits aus, um in eine Schublade gesteckt zu werden - egal wie herzensgut Sie sind. Sprechen Sie Ihre Angst daher ja nicht direkt an. Reden Sie lieber dreimal ums Eck oder verstecken Sie Ihre Gefühle überhaupt, da sie sich nicht gehören - sagt man zumindest. Denn sonst sind Sie schneller ein Ausländerfeind, als Sie schauen können.

Und umgekehrt: berichten Sie einmal, dass Sie sich ehrenamtlich engagieren, um den bei uns Unterschlupf gefunden habenen Menschen dabei zu helfen, Deutsch zu lernen, die Gebräuche hier kennenzulernen, zu sehen, dass sie auch hier ihren Selbstwert bestimmen können und wertvolle Mitglieder auch dieser Gesellschaft sein können ... kurz: dass Sie dabei helfen, das zu ermöglichen, was gefordert wird: Integration: Ja dann sind Sie schneller, als Sie schauen können, als "Gutmensch" - übrigens ein grauenhaftes Wort mit Vergangenheit - abgestempelt. Werden als naiv hingestellt.

Weshalb ist es so verpönt, Stellung zu beziehen - Stellung zu beziehen, die sowohl von Angst, als auch von Menschlichkeit geprägt sein darf? Was ist so schlimm, Augenmaß zu fordern, das bereits seit Jahrzehnten im Schulalltag etwa als notwendig erkannt wird, wenn ein zu hoher Anteil an nicht der deutschen Sprache mächtigen Kindern einfach das Erreichen der Lernziele enorm erschwert und damit die Chancen für das gesamte Leben verringert? Weshalb gibt es dieses Außenmaß nicht auch bei der Aufteilung der Quartiere und Definition einer Höchstgrenze, die gut bewältigbar ist und daher allen Seiten hilft? Sicher ist es toll, die gesamte Welt retten zu wollen - denn auf der ganzen Welt gibt es leider unzählige Menschen, die einen tatsächlichen Asylgrund angeben können wie etwa die Verfolgung in ihrer Heimat wegen der sexuellen Ausrichtung; auf der ganzen Welt gibt es auch humanitäre Gründe wie Hungersnot und Zukunftsangst. Alle die sagen, Höchstgrenzen gingen nicht, sollen das zu Ende denken: wenn über eine Milliarde Menschen plötzlich in Spielfeld steht ...

Ja, ich helfe ehrenamtlich mit, Integration zu ermöglichen; doch auch ja, auch ich habe Bedenken - Angst habe ich allerdings eher davor, dass es uns selbst als Gesellschaft zerreisst an dieser Frage. Und, was bin ich jetzt?

Ich verdrehe meine Worte nicht - ich stehe zu ihnen; und nicht ich habe ein Problem, wenn mich Menschen denken in eine dieser Schubladen stecken zu müssen, sondern diese Menschen haben es, weil sie nicht zuhören wollen, weil sie nicht verstehen wollen, weil ihnen das fehlt, was für Menschlichkeit unverzichtbar ist: Wertschätzung dem Menschen gegenüber - egal welcher Gesinnung er zu sein scheint und welcher Herkunft, sexueller Ausrichtung oder Religion. Doch: ich verstehe es, wenn Menschen die Notwendigkeit erkennen, jedes Wort dreimal überdenken zu müssen, da es sie einfach schmerzt, sofort in einen Topf geworfen zu werden, in dem sie sich gar nicht wohlfühlen. Und ich finde das traurig. Und entbehrlich. Und wenig hilfreich: weder für Österreich, noch für die hier ihre Zukunft suchenden Menschen.

Wann beginnt endlich der Dialog zur konstruktiven Gestaltung der Zukunft? Zäune allein sind ebensowenig Antwort, wie es bedingungslose Aufnahme all jener ist, die noch kommen werden. Die Lösung kann nur miteinander gefunden werden - ansonsten wird der Stacheldrahtzaun, welcher quer durch die eigene Gesellschaft errichtet wird, unüberwindbar. Und tiefere Spuren hinterlassen, als es der Flüchtlingsstrom jemals könnte.

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