Was bedeutet die "Weihnachtsgans" für Sie?

Meinung von Ingrid Newkirk, 1. Vorsitzende von PETA Deutschland e.V.

Jedes Jahr werden schätzungsweise mehr als eine halbe Million Gänse alleine in Deutschland getötet. Viele Deutsche zelebrieren vor allem an den Festtagen das Essen der sogenannten Weihnachtsgans. Sie sind regelrecht vom Geschmack des Muskel- und Fettgewebes der Vögel besessen. Die Tierleiche wird in die Mitte des Tisches gestellt, so als wäre der Massenmord an Gänsen integraler Bestandteil des Weihnachtsfests. Die meisten von uns sind sich einig, dass wir empfindungsfähige Lebewesen mit Empathie und Mitgefühl behandeln sollten. Trotzdem dreht sich für viele an Weihnachten alles um das Essen eines getöteten Vogels. Das ist kognitive Dissonanz aus dem Lehrbuch: Unsere Handlungen stehen im Widerspruch zu unseren Überzeugungen.

Ich verstehe schon. Wie viele Menschen habe auch ich mich viele Jahre lang als „Tierfreundin“ gesehen und sie trotzdem gegessen, ohne mir dabei irgendwelche Gedanken zu machen. Ich war die Fleischesserin schlechthin und folgte den Ernährungsgewohnheiten meines Vaters, der ein echter „Feinschmecker“ war: Ich war verrückt nach Leber mit Zwiebelchen und rohen Austern. Nur bei Zunge (weil es offensichtlich eine Zunge war) und bei Kalbshirn auf Toast, einem seiner Lieblingsgerichte, habe ich mich gesträubt.

Das alles änderte sich aber, als mir während eines Urlaubs ein Buch in die Hände fiel: „Animal Machines“ von Ruth Harrison öffnete mir die Augen. Es beschrieb die Schrecken, welche jene lebenden Wesen durchleiden, die wir als „Tiere“ bezeichnen. Ein Wort, das uns Menschen oft ganz beiläufig ausschließt, als würden wir unter eine andere Kategorie des Lebens fallen, vielleicht Halbgötter.

PETA wurde 1980 ins Leben gerufen, um das Leid von Vögeln aufzudecken, bevor ihre Schenkel unsere Esstische erreichen. Ungeachtet allem, was seitdem dazu geschrieben und gefilmt wurde, bleiben viele Mitglieder unserer Spezies ungerührt. Selbst wenn sie hören, dass ihre tierischen Verwandten (denn auch wir sind Tiere) vor Angst versteinern, wenn sie aus den Massenhaltungsställen gerissen, in Kisten gestopft, durch alle Wetterextreme gekarrt und dann kopfüber an ihren Beinen aufgehängt werden, bevor ihnen schließlich die Kehle aufgeschlitzt wird. Ralph Waldo Emerson hatte recht, als er das Folgende schrieb: „Sie haben gerade ein Stück Fleisch zu Mittag gegessen, und egal in welch taktvoller Distanz der Schlachthof von Ihrem Zuhause entfernt liegt – und seien es auch mehrere Kilometer außerhalb der Stadt –, Sie sind mitschuldig!“ (Das Originalzitat im Englischen: “You have just dined, and however scrupulously the slaughterhouse is concealed in the graceful distance of miles, there is complicity.”)

Noch immer habe ich nicht die eine perfekte Strategie, um die Herzen, Köpfe und alten Gewohnheiten der Bequemlichkeit von Menschen so zu ändern, dass sie andere Tiere einfach leben lassen. Manche Leute werden aufgrund ihrer Gesundheit Veganer:innen, manche der Umwelt zuliebe, andere, weil sie durch Bilder der unaussprechlichen Dinge beeinflusst werden, die wir Tieren antun, nur um Würstchen, Nuggets, Omeletts, Käse und (Gänse-)Fleisch aufzutischen.

Ich möchte vorschlagen, dass wir dieses Jahr die vielen bewundernswerten Eigenschaften von Gänsen statt den Geschmack ihrer Körperteile in den Mittelpunkt stellen. Sie sind fürsorgliche Eltern und lebhafte Entdecker, die sich gerne zu Musik bewegen, sich gerne streicheln lassen, gerne frisches Obst und Gemüse essen und gerne Zeit mit Freunden verbringen. Ein pensionierter Geflügelwissenschaftler beschreibt Vögel als „intelligente Tiere mit Persönlichkeit und Charakter sowie einer feinen Wahrnehmung für ihre Umgebung.“

Und genau wie alle anderen Tiere, Menschen mit eingeschlossen, fühlen Gänse Schmerz, Trauer, Liebe und Freude. Warum gönnen wir ihnen diesen Dezember nicht einfach eine Pause und feiern ein veganes Weihnachtsfest. Alle, die auch nur einen Schritt oder sogar einen großen Satz in Richtung eines veganen Lebens machen möchten, finden auf PETAs Website eine Auswahl an kostenlosen herunterladbaren veganen Starterkits, Rezepten, Tipps und vielem mehr.

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ÜBER DIE AUTORIN

Ingrid Newkirk ist die Autorin von Tiere: Wer sie sind und was das für unser Zusammenleben bedeutet und die Gründerin und Präsidentin von PETA Deutschland e.V., Friolzheimer Str. 3, 70499 Stuttgart; www.PETA.de

Pixel2013/pixabay/freefotos https://pixabay.com/de/photos/g%c3%a4nse-gans-familie-g%c3%a4nsek%c3%bcken-2494952/

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