Immer öfter zu lesen: „Jetzt weiß ich, wie die Nazis damals so schnell Erfolg haben konnten!“

Die Ausgangsbeschränkungen dauern und dauern und dauern. Vom Virus ist für die meisten von uns in der Alltagsrealität nicht viel zu spüren, die Zahl der Infizierten steigt (dank der getroffenen Maßnahmen?) NOCH nicht so stark, wie noch vor einem Monat befürchtet (niemand weiß, was nach dem Lockern der Beschränkungen passiert), das Ausbleiben der Katastrophe in unserem Gesundheitssystem zeigt, dass die Maßnahmen wohl richtig waren. Keine Sargberge wie in Italien, Spanien, Frankreich oder New York (hoffen wir, dass das so bleibt) – trotzdem aber sollen wir Österreicher daheim bleiben und daheim bleiben und daheim bleiben. Und so beginnen die ersten nach und nach durchzudrehen.

Ohne Einsatz lässt sich hoch pokern

Keine Amokläufe noch, keine tätlichen Angriffe auf Regierungsmitglieder oder Exekutivbeamte zwar, nein, es ist vielmehr ein Widerstandskampf der Social-Media-Revoluzzer. Während die einen sich selber und andere ohrfeigen mit Foto-und Rätsel-Challenges, zeigt bei anderen die nervliche Belastung sich durch Zanksucht und Angriffslust. In Posts, Memes und YouTube-Videos werden vor allem Politiker und (wie eh und je) Andersdenkende diffamiert, hier kreisen penetrante Selbstdarsteller unaufhörlich um die Themen „Wir werden alle belogen!“ und „Leute, macht die Augen auf!“.

Wohl gemerkt: Die Menschen, die hier Entscheidungsträger aus Medizin, Wissenschaft und Politik beratschlagen, herabwürdigen und als Schwindler enttarnen wollen, haben im Zusammenhang mit der Conrona-Krise auf keiner Ebene auch nur irgendeine Form der Verantwortung für unser Land, für Volk, Staat oder unser aller Zukunft. Ja: Ohne Einsatz lässt sich hoch pokern!

Nazi-Vergleich

Die neueste Schreckschusswaffe im Kampf gegen ein Vorgehen der Regierung, das man nicht versteht: Der Vergleich mit dem Erstarken der Nazis. Die Mitglieder der heutigen Bundesregierung sollen hier die Nationalsozialisten sein, die Bürger, die sich wohl oder übel an getroffene Vorgaben halten, das Pöbelvolk, die Nachläufer, die Ratten.

Nehmen wir diesen Vergleich, wenn er nun schon einmal im Raume steht, her und denken wir nur kurz darüber nach. So undiplomatisch und geschmacklos er ist, so pseudohistorisch und verkehrt ist er auch.

In den 1920er- und 1930er-Jahren gab es eine Gesellschaft, die sich enormen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Problemen gegenübersah. Es gab damals Optimisten, es gab die Schwarzmaler, die politisch Uninteressierten, die Zweifler, die Nörgler und die im Sinne einer angebrachten Partizipation Regierungskritischen, die wussten von der Gratwanderung beim Treffen von Entscheidungen, die einerseits klug sein sollten, auf der anderen Seite aber mehr als nur unpopulär waren, nicht selten auch falsch.

Lügenpresse

Und dann kamen da in dieser Zeit jene aus ihren Löchern, die, wie sie selber vorgaben, noch eine Spur kritischer waren als die anderen, die einen tatsächlichen Gegenentwurf haben wollten zur unbeliebten Regierung. Da kamen die, die immer lauter von Fake News sprachen, von Lügenpresse und Widerstand. Das waren die, die von Heimatverbundenheit sprachen und fasziniert waren von Esoterik, Okkultismus, den sogenannten „Grenzwissenschaften“. Da kamen die, die Bürger vor angeblichen Verschwörungen warnten, vor einem Finanzjudentum und vor einer Versklavung der Menschen durch die damalige Regierung. (Die „Dolchstoßlegende“ hält sich bei manchen bis heute.)

Das waren die, die eine Alternative zu fast allem allgemein Gültigen hatten: Zur Politik, zur herrschenden Moral, zum Glauben, zu den damals konsumierten Medien, den Zeitungen und Radiokanälen, zur Medizin, zur Wissenschaft sowieso. Allem Herkömmlichen unterstellten sie die Absicht, ein Volk verdummen und belügen zu wollen, der herkömmlichen Wissenschaft warfen sie Korruptheit vor, ihre eigenen Wissenschaftler wurden installiert. Ganz ohne ging es nicht, ihre Forscher sollten nun das tun, was sie den Gelehrten der regierenden Parteien vorwarfen, nämlich die zum neuen System passenden Erkenntnisse bringen. Was an „neuem, wahrem Wissen“ kolportiert wurde, musste glaubwürdig untermauert werden.

„Aufwachen!“

Immer mehr wurde es damals die Zeit derer, die gegen den Großteil der zeitgenössischen Künstler vorgehen mussten, gegen Kabarettisten, gegen Schauspieler, Musiker und Showstars, weil diese vor „der Alternative“ warnten und in den Augen der neuen Wachsamen nichts anderes als Mitläufer waren, von der Regierung gekauft, Staatskünstler also, oder schlichtweg einfach beschränkt und auf politischer Ebene sehbehindert. Das neue System hatte seine eigenen Lieder, seine eigenen Idole. Und seine eigenen Fahnen. „Aufwachen!“ stand da drauf. Dass die Basis dieser „Alternative für das Volk“ neben Kalkül und verbrecherischen Absichten eine tatsächliche Ahnungslosigkeit im wissenschaftlichen und politischen Kontext war, wurde auch damals schon registriert, entsprechende Stimmen aber wurden zum Verstummen gebracht.

Ja, so war das damals. Und wie ist es heute mit den Provokateuren, die ohne jede Lust zur Partizipation, ohne einen einzigen sinnvollen Beitrag zur Lösung von Problemen die Maßnahmen unserer Regierung nicht nur (berechtigterweise) hinterfragen, sondern sie aus sicherer Distanz mit dem infamen, scheußlichen Vorgehen der Nazis vergleichen?

DZackCulver/pixabay https://pixabay.com/de/photos/jeep-militärische-armee-krieg-auto-1475769/

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