Und als ich meinen Kopf an deine Brust drückte, warst du nicht mehr da. Es hat lange gedauert, weil die Ärztin dich langsam einschlafen ließ. Aber dann hat dein krankes Herz nicht mehr geschlagen.
Das war am Nikolaustag 2022. Oh, wie du mir gefehlt hast. Wenn es dunkel war, bin ich an deinem Grab gestanden. Das letzte in der Reihe. Links neben dir liegen der Ozzy und der Pierro. Das Graben ist mir wieder schwergefallen. Der Boden ist steinig, und ich war, auch diesmal, verwundet, als ich den Spaten aus der Gartenhütte geholt habe. Ich habe oft raufgeschaut. Manchmal konnte man Sterne sehen. Ich kenne mich damit nicht aus und habe mir den hellsten ausgesucht. Und dann habe ich mir gewünscht, glauben zu können, dass du und die anderen auf mich runterschauen. Es war aber noch lange nicht so, dass sich der warme Trost in den Brustkorb schleichen konnte.
Und dann sind die Tage vergangen, aus denen Wochen und Monate wurden. Es ist jetzt besser als bei den früheren Schmerzen. Nicht, weil dieser weniger wehtut, aber ich weiß, dass er irgendwann nachlassen wird. Zuerst drückt dir die Erinnerung den Hals zu. Das ist kein Denken an schöne Zeiten, sondern ein Sichquälen, weil jetzt alles anders ist und du gar nichts dagegen machen kannst.
Irgendwann war es so, dass ich wieder zu suchen begonnen habe. Ich kannte noch viele Züchter, weil ich das Geschehen über Jahre beobachtet habe. Wo sind Welpen angekündigt? Die Vermehrer habe ich ausgelassen. Wer stolz seinen Zuchtrüden mit HD-C präsentiert, dem liegt die Rasse nicht am Herzen. Wenn ich bei den erfolgreichsten Züchtern nach den verstorbenen Tieren suchte, war das nicht einfach. Die Erinnerungsseiten werden nicht gezeigt oder gut versteckt. Trotzdem war bald klar, dass du mit über acht Jahren älter wurdest, als es eine Bordeauxdogge im Allgemeinen wird.
Warum, habe ich mich gefragt, zieht es mich zu einer Rasse, bei der so viel Leid und Schmerz zu erwarten ist? Langsam wurde mir klar, dass ich einfach dich wiederhaben wollte. Und näher als mit einer kleinen, faltigen Bordeauxdogge konnte ich dir halt nicht kommen. Und trotzdem wärst es nicht du, mein großer Freund. Das wurde mir langsam klar.
Irgendwann habe ich das auch so gespürt. Und dann wurde der Blick weiter. Du warst mein großer, freundlicher Bär. Molosser sollten in unseren Breiten seit vielen Jahren sehr kräftig, aber ruhig, mit hoher Reizschwelle sein. Ein Musterbild dafür ist der Bernhardiner. Der hat mich schon lange fasziniert. Ich habe die Szene auch immer ein wenig verfolgt. Es gibt in Österreich einige ausgezeichnete Züchter. In meiner Nähe, in Niederösterreich, eine junge Züchterin, die ich für besonders gut hielt. Und die hatte gerade einen Wurf. Da passt alles: Vater und Mutter HD-0 (Hüften), ED-0 (Ellenbogen) und herzgesund. Das ist ganz wichtig, weil diese Dinge bei allen riesenwüchsigen Rassen kritisch sind. Ich überlege. Die Tochter ist sofort dabei, meine Frau ist aber auch schnell überzeugt. Na gut, ich schreibe mal hin, frage an und stelle mich vor – klick, gesendet. So, jetzt ist die Entscheidung gefallen.
Aber schnell kommt die Antwort: Die Welpen sind längst vergeben. Ich kann mich nur für den nächsten Wurf anmelden. Das war am 8. Dezember 2025, also fast genau drei Jahre, nachdem ich dich verloren habe. Ich war schon traurig, weil es auch irgendwie um das Weitertun nach dir ging. Ein großer Freund, dem dein Halsband passen würde. Gut, es sollte nicht sein. Wir warten ab.
Am 17. Dezember um 20:31 plötzlich eine Nachricht: Der kleine Kunibert ist nicht abgeholt worden. Schon wieder. Seine Sachen waren gepackt. Die Leine, sein Brustgeschirr und der Stoffhase. Aber eine Stunde vor dem Termin wurde abgesagt. Ich mache das nicht zu lange, du weißt ohnehin, wie es ausgeht. Ich sitze am nächsten Tag im Auto und fahre zur Züchterin und zum Kunibert. Der ist, wie ich, am 6. Oktober geboren. Er ist schon etwas älter als Welpen, die ich bisher hatte. Dich habe ich geholt, als du acht Wochen alt warst. Ich halte vor einem schmucken Wirtshaus. Ich wusste aber eh, was mich erwartet. Es wurde alles per Street View ausgekundschaftet. Lach nicht, so bin ich halt. Mein Bruder ist auch mitgekommen. Er soll den Welpen beim Heimfahren halten. Wir werden erwartet. Der Kunibert und seine Schwester kommen uns schwanzwedelnd entgegen. Sie waren in der Wirtshausküche und haben geschaut, ob für sie vielleicht was abfällt. Wir werden kritisch beäugt – das Gefühl habe ich wenigstens. Gut so. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, so einen wehrlosen Knirps aus der Hand und in eine ungewisse Zukunft zu geben. Fürchterlich. Für mich ist das so, wie ich es erwartet habe: ein perfektes Umfeld. Die Kleinen leben im Familienverband, sind aufgeweckt und nicht ängstlich. Sie werden geliebt, und ich bin sicher, dass die wichtige Prägungsphase perfekt gestaltet wurde. Wir plaudern, unterschreiben den Vertrag und erhalten alle Papiere.
Du weißt eh, dass ich schon wieder ziemlich unrund bin. Das, was jetzt passiert, wird dem Kleinen wehtun. Und das ist irgendwie meine Schuld. Ich spüre das im Magen. Jetzt wird es Zeit. Wir stehen auf. Der Zwerg wedelt aufgeregt mit dem Schwänzchen. Das ist es wohl, was mich so umwirft. Dieses grenzenlose Vertrauen, das wir – sind wir ehrlich – als Menschen so überhaupt nicht verdient haben. Die Manuela, die Züchterin, nimmt ihn rauf, drückt ihn an sich, eine Träne rinnt über ihre Wange und flüstert: „Alles Gute, Berti.“ Ich habe das schon öfter erzählt, es nimmt mich aber immer wieder mit. Es war an der Zeit, dass ich schnell wegschaue und zum Auto komme. Aber in der Minute habe ich mir noch einmal geschworen, dass sich dieses Wesen auf mich verlassen können wird. Egal, was passiert und wie viele Jahre wir auch zusammen haben werden.
Eigentlich hätte der Kleine „Edmund“ heißen sollen. Als zukünftiger Wiener wäre wohl bald „Mundi“ daraus geworden. Ich fand aber „Kunibert“ schrullig genug – der Name bleibt. Obwohl es inzwischen Variationen gibt. „Kuni“, aber auch „Bertl“, kennst du schon.
Kunibert ist jetzt bald sieben Monate alt. Der Alltag hat sich eingespielt. Er gehört zu uns. Er kennt im Garten jede Ecke und liegt dort, wo du gelegen bist. Im Wald geht er auf unseren gemeinsamen Wegen und hat auch deine Freunde kennengelernt. Er ist ein toller Hund. Freundlich zu jedem, selbstbewusst und lernwillig. Obwohl – du weißt es eh – ich kein guter Ausbildner bin. Er ist, wie du es warst, mein Baby. Er schläft, wenn er mag, bei uns im Bett. Scharfe Ansagen sind nicht so meine Sache. Aber ich bemühe mich diesmal um ein wenig Erziehung. Du, der wird noch größer und schwerer, als du es warst. Und ich bin wieder einige Jahre älter. Also versuche ich, das mit dem „Hier“ und „Fuß“ irgendwie hinzukriegen.
Der Kuni hat jetzt etwa 45 kg. Ich weiß es nicht genau, weil meine Bandscheiben, wenn ich mit dem Baby auf dem Arm auf die Waage steige, „Feuer“ schreien. Ich habe mir aber jetzt so eine Hundewaage für Riesen bestellt. Bald kann ich dir das genau sagen.
Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn er in deiner Wiese liegt. Weil ich ihn jetzt so lieb habe. Und weil es ja deine Wiese war. Aber vor dir habe ich mit dem großen Baloo und dem lustigen Pierro dort Ball gespielt. Bald gibt es wieder ein Treffen der K-Welpen und ihrer Menschen. Nicht alle werden da sein, weil die Geschwister auch im Ausland leben. Aber sein Brüderchen, das beim ersten Treffen noch etwas tapsiger und größer war als der Kuni, oder die kleine Schwester, die das Rudel von Karin vervollständigt, die ihre Bären heiß liebt, und all die anderen. Kriemhild ist zuhause bei ihrer Mama geblieben und wird alle begrüßen.
So, ich habe dir jetzt erzählt, was sich getan hat. Aber weißt du was? Ich stelle mir vor, dass du das ohnehin weißt. Du schaust uns mit meinen anderen alten Freunden zu. Und wenn der Kunibert zu wild die Stufen runterspringen will, dann hältst du deine große Pfote dazwischen und passt auf, dass er sich nicht wehtut.
Ich habe dich nicht vergessen, Willi.