Das Pflegewesen ist in Österreich in einer Krise. Nach Außen hin ist der Fachkräftemangel das größte Problem, im Inneren ist die Problemlage wesentlich komplexer. Hier ist die These: Es fehlen klare Ziele.

Die Pflege teilt sich im Wesentlichen in zwei Bereiche:

-) Die Pflege von Menschen in Krankenhäusern oder Rehabilitationszentren, weil sie krank oder verletzt sind. Sie werden kurzfristig wieder gesund oder müssen langfristig gepflegt werden. Eine langfristige Pflege zielt darauf ab, den Menschen wieder ihr "altes" Leben zu ermöglichen oder um den Umständen gemäss ein "neues" einer Behinderung angepasstes Leben anzufangen.

-) Die Pflege von alten Menschen, die kurz oder mittelfristig mit dem Tod und dem darüber hinaus konfrontiert sind.

Welche Ziele verfolgt die Pflege in Österreich in diesen beiden Bereichen?

Wenn es klare Ziele gibt, dann sind sie einseitig und unvollständig. Die Pflege richtet sich, wie es historisch gewachsen ist, nach den medizinischen Erfordernissen. In einer dem Menschen gerechten Praxis müsste Pflege aber wesentlich mehr sein, als die Unterstützung medizinischer Behandlungen. Die Pflege müsste sich von der Medizin loslösen und eigenständig werden.

Der Bereich von Krankheit und Verletzung, ohne gleich den Tod vor Augen zu haben, hat eine sehr professionelle Komponente. Hierbei haben Medizin und Pflege die Chirurgie oder Behandlungspraxis standardisiert und professionalisiert. Es gibt aber auch hier zwei Bereiche: Behandlungen, die für die Menschen ein "Segen" sind und uneingeschränkt hilfreich sind. Behandlungen, die vermeidbar wären, wie z.B. die zu frühe Implantation von Gelenken oder Vorsorgeuntersuchungen, die nach Erkennen einer Krankheit erst zur menschlichen Tragödie führen. Die Patienten können dabei ohne Bewusstseinsarbeit oft nur den Todeskampf als schicksalhafte Realität annehmen. Überleben die Patienten, steht ihnen ein chronischer Prozess des krank Seins bevor, der ebenfalls nach Bewusstseinsarbeit schreit. Bewusstseinsarbeit ist etwas, was es in der Apparate- und Medikamentenmedizin nicht gibt. Wird sie behauptet, geht es doch wiederum nur um den Einsatz z.B. von Psychopharmarka.

Für die Pflege bedeutet diese Art der Medizin eine Sackgasse, ohne dass im Pflegewesen selbst Auswege gesucht werden. Die können nur über eine neuartige Bewusstseinsarbeit gefunden werden.

Ein weiterer wichtiger Bereich bleibt gänzlich unterbelichtet: Menschen erleiden eine Krankheit oder einen Unfall, weil die Entwicklung ihres bewussten Denken und Handelns in ihrem Leben nicht in dem Ausmaß möglich ist, wie es nötig wäre. Das hängt oft mit der Auswahl eines nicht passenden Berufes oder mit ungelösten Konflikten in der Familie zusammen. In diesem Bereich geht die Pflege über medizinische Aspekte hinaus. Die Bewusstseinsentwicklung müsste ein mit der Medizin gleich berechtigter Bereich sein. Rein materialistische Denkformen, die den Tod als Grenze oder Ende und nicht als Übergang bzw. als Teil eines größeren Ganzen sehen, müssten überwunden werden. Bisher gibt es in der Pflege für diesen Bereich nicht einmal Ansätze von sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Man könnte von den Religionen Hilfe erwarten, war doch die Krankenschwester historisch religiös geprägt. Im Einzelfall ist der Glaube vielleicht hilfreich, gesellschaftlich ist er nicht fassbar und für die Pflege unbedeutend.

Im Alter kommt zu den grundlegenden Problemen eben die Frage des Sterbens dazu. Was ist das Ziel der Pflege im Fall eines 90jährigen pflegebedürftigen Menschen, der in Windeln im Pflegebett liegt? Er darf nicht an einer Corona Infektion sterben und tut es dann doch? Er stirbt in jedem Fall? Die Tochter sagt aber "Du darst nicht sterben?". Sterben ist das große Tabuthema in unserer Gesellschaft. Anstatt dass der Sterbenden ins Zentrum der Familie rückt, gerät er oft an die anonyme Peripherie. Sterben wird nicht zur möglichen Explosion von Bewusstsein sondern zum Eintritt ins unbegreifliche Fegefeuer bzw. ins Ungewisse.

Hier soll die These aufgestellt werden: Am Übergang zum Tod geht es nicht mehr um gesund oder krank, sondern um das Bewusstsein für den Übergang von einer Bewusstseinsebene in die andere. Der markante Punkt ist dabei, dass der körperliche Leib zurückgelassen wird und das geistige Wesen eine andere Wahrnehmungsebene betritt. Wir können dabei als Menschen bewusst zurück schauen, aber nicht nach vorne. Diesen Prozess des Bewusstseins kann man nur im Jetzt "sein" und nicht "haben".

Die Vorbereitung auf diese Phase des Alters scheitert gänzlich, weil die Medizin dabei scheitern muss und die Pflege für die Bewusstseinsentwicklung keinen Auftrag hat. Die Ziele sind daher einseitig und im Bereich des Bewusstseins unwirksam. Die Beachtung aller relevanten Ebenen wäre aber eine zentrale Aufgabe der Pflege und genauso wichtig, wie die Unterstützung medizinischer Behandlungen. Medizinische Hilfswissenschaften wie Psychologie, Philosophie oder Theologie sind dabei ebenso materialistisch verblendet, wie die Medizin oder die Pflege selbst. Die Pflege wird dem entsprechend, solange keine anderen Ziele definieren können, solange sie nur eine Unterstützungsebene für die Medizin bleibt. Weil die Medizin immer am Tod des matierellen Körpers scheitert und vom ewigen Bewusstsein nichts wissen will, steckt die Pflege in einem Dilemma. Denn in diesem Bereich kann man nur fühlen, um zu wissen. Die medizinische Forschung reicht für eine ganzheitliche Erkenntnistheorie nicht aus.

Es bleiben viele Fragen:Wie können die Ziele der Pflege erweitert und klarer formuliert werden? Wie kann der Bereich der Selbstheilungskräfte in der Pflege genützt werden? Kann die Medizin den Vorrang vor der Pflege behalten bzw. gibt es für jede Krankheit ein stoffliches Mittel?

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