Viele Überzeugungen, die völlig bescheuert sind, darf man in unseren Breiten öffentlich äußern. Und das ist gut so. Religion ist eine Frage des Glaubens. Was für den Einen falsch ist, erscheint dem Anderen richtig und umgekehrt. Jahrhunderte voller blutiger Kriege und Bürgerkriege in Europa zeugen davon. Daher gehört die Burka zu Deutschland, aber natürlich auch zu Österreich.

Es ist ein unglaublicher zivilisatorischer Fortschritt, wenn heute das deutsche Grundgesetz folgenden Passus enthält: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ In Österreich gilt das übrigens ähnlich. Allerdings greifen hier die Regelungen der Menschenrechtskonvention von 1950 gemeinsam mit dem Gesetz über religiöse Bekenntnisgemeinschaften von 1998. Es mag noch andere Rechtsquellen geben, die mir allerdings nicht bekannt sind.

Man kann den Islam (oder die islamischen Bekenntnisse) mögen oder auch nicht mögen. Man kann diese Bekenntnisse für dumm und rückständig halten. Man kann den Islam aus tiefster persönlicher Überzeugung ablehnen, und man kann Mohammed für einen pädophilen Kriegsherren halten. Genau so, wie man den Katholizismus, den Buddhismus und die Zeugen Jehovas mögen oder ablehnen kann, ihren Glauben annehmen kann oder auch nicht. Man kann auch die Burka (meist meinen diejenigen, die: "Burkaverbot jetzt!" rufen ohnehin den Niqab) mögen oder ablehnen. Sie allerdings zu verbieten ist ein ungerechtfertigter Eingriff in die ungestörte Religionsausübung.

Gerne greifen die illiberalen Strömungen den Schutz der Frau vor Unterdrückung auf. Doch abgesehen, davon, dass Frauenrechte gerade diese politischen Strömungen offenbar nur im Zusammenhang mit dem Islam interessieren, greift die Argumentation in Summe zu kurz. Oftmals trügen Frauen die Verschleierung nicht freiwillig, heißt es. Abgesehen davon, dass sich das anhand von Aussagen von Frauen, die diesen Schleier tragen nicht belegen lässt, ist Freiwilligkeit immer eine Frage der Perspektive. Spielt gesellschaftlicher Zwang bei der Bekleidung eine Rolle? Ja selbstredend. Immerhin trage ich beruflich Krawatte, obwohl ich das Ding nicht leiden kann. Es wird eben erwartet.

"Ja, aber die Burka und das Kopftuch stehen gar nicht im Koran.", heißt es dann. Als bekennender und praktizierender Katholik weiß ich, dass auch nicht alle zentralen Elemente des Katholizismus in der Bibel stehen. Keine jungfreuliche Geburt Christi, keine Marienverehrung, und seit 1000 Jahren streiten wir mit den Orthodoxen über die zentrale Glaubensfrage ob nun die Vorhaut Christi mitauferstanden sei, oder nicht.

"Der Islam ist politisch und wer so etwas trägt zeigt damit seine Ablehnung der zentralen Werte der Demokratie.", sagt man dann. Möglich. Das Gute in einer Demokratie ist, dass man sie ablehnen darf. Es hilft einem nur nichts. Man darf sogar die Scharia als Maßsstab für das Strafgesetz fordern, aber auch hier: hilft leider nichts, Grundgesetz bzw. Verfassung sprechen dagegen. Wer sie trotzdem versucht umzusetzen begeht letztlich Selbstjustiz und die ist zu ahnden. So funktioniert eine freiheitliche Demokratie, jenseits populistischer Marktschreierei. Wer übrigens der Meinung ist, dass das Christentum unpolitisch sei, der hat vom Christentum keine Ahnung. Glaubensbekenntnisse sind Lebensüberzeugungen und haben daher von Haus aus immer eine politische Dimension.

"Ja, aber die strenge Islamauslegung begünstigt den Terror.", sagen die schlauen Verbotsbefürworter. Nun, mal ganz unter uns: Die meisten Terrororganisationen weltweit sind verboten. Nützt das was? Sind die Menschen deshalb weniger radikal? Das ist doch Unfug. Je stärker abgegrenzt, je verbotener, desto radikaler ist die simple Faustregel, die sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht. Das Verbot von Kopftuch und Burka wird den radikalen Islam nicht verhindern, sondern nur verfestigen. Wünschen wir uns das?

Es mag sein, dass sich Menschen durch Kopftuch oder Schleier gestört fühlen. Aber das ist eine individuelle Befindlichkeit. Ich störe mich z.B. an Hotpants bei Teenagerinnen und Baggypants und Käppies bei Teenagern, mindestens ebenso wie am Ganzkörperschleier. Noch lange kein Grund, das zu verbieten.

"Die Religions- und Bekenntnisfreiheit darf nicht Gegenstand anderer als vom Gesetz vorgesehener Beschränkungen sein, die in einer demokratischen Gesellschaft notwendige Maßnahmen im Interesse der öffentlichen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung, Gesundheit und Moral oder für den Schutz der Rechte und Freiheiten anderer sind", sagt uns die Menschenrechtskonvention.

Angesichts der vielen Opfer, die es unsere Vorfahren gekostet hat die Religionsfreiheit zu erstreiten, sollten wir sie achten und ehren. Wir sollten sie vor den falschen Freunden der Freiheit bewahren, die sie, aus welchen Motiven auch immer, einschränken wollen, die Gesinnung und Religion gesetzlich normieren oder abschaffen wollen.

Es gibt viele Nebenaspekte, die in einem einzigen Blogbeitrag nicht erörtert werden können, wie beispielsweise Auftreten vor Gericht, Beweisaussage, wo natürlich das Gesicht sichtbar sein muss oder auch während der Arbeit. Ich persönlich kann mir sogar vorstellen, die Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt in Frage zu stellen, wenn jemand nicht auf eine bestimmte Bekleidung verzichten kann. Aber das sind alles Nebenaspekte, die trotzdem bedeuten: Die Burka gehört zu Deutschland. Nicht, weil sie so vorteilhaft wäre, sondern, weil wir uns das Recht dumme Überzeugungen zu haben, blutig erstritten haben.

DIE WELT Video https://www.youtube.com/watch?v=Yso164J1D_c

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