Ich habe jetzt schon lange nicht mehr geblogged und ganz offen: mir ist auch ziemlich die Lust daran vergangen, sowohl am Schreiben, am Lesen und am Kommentieren. Ein Anlass für mich über das Thema Meinungsfreiheit zu reflektieren - und was Meinungsfreiheit auf F+F aktuell bedeutet.

Karl Kraus formulierte treffend: "Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken." und Rosa Luxemburg meint: “Freiheit ist immer auch Freiheit des anders Denkenden.” Beides würde ich zu 100% unterschreiben - und: beides läuft letztlich auf das Denken hinaus.

Meinungen sind wie Arschlöcher

Der Nachteil an Meinungsplattformen wie F+F ist wohl, dass auch die trivialsten und irrigsten Gedanken und Meinungen bis zum Erbrechen wiederholt werden können. Nicht falsch verstehen, ich liebe die Meinungsfreiheit und ich finde es gut, dass auch Deppen alles sagen und schreiben dürfen was sie wollen. Nur ändert auch die Freiheit der Meinung nichts daran, dass eben nicht jede Meinung auch "richtig" ist. Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eines, ohne es kann man nicht leben, und vieles was rauskommt sollte schnellstens dem Vergessen anheim fallen und oft wird es von üblem Geruch begleitet.

Wir tanzen den Qualitätslimbo

Was mir an F+F in letzter Zeit immer mehr auffällt ist eine Selektion hin zum stilistischen, inhaltlichen und intellektuellen Minimum, Qualitätslimbo, sozussagen. Von denen, die wirklich etwas zu sagen haben, anstatt einer Agenda liest man hier kaum noch ein Wort. Das ist schade. So bleibt nur die tausendste Wiederholung von "Warum ich Gutmenschen nicht mag" oder "Die Doppelmoral der Guten/Linken/Gutmenschen". Irgendwie fühle ich mich an eine hängen gebliebene Schallplatte erinnert.

“Wenige sind imstande, eine von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinung gelassen auszusprechen; die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.”, Albert Einstein.

Ich meine es ist halt so, auf einer Meinungsplattform kann jeder seinen geistigen Stuhlgang posten, unabhängig von jeder journalistischen Qualität und Ethik. Jene, die einen kleinen Hauch von Anspruch in sich verspüren scheinen das Weite zu suchen. Die, die bleiben können nicht diskutieren. Jeder Kritik am Artikel wird mit einem argumentum ad hominem (Angriff auf die Person) quitiert, selbst wenn man versucht noch so höflich und wertschätzend zu sein. Ich habe daraus eine Konsequenz gezogen: Von nun an werde ich Unsinn einfach als Unsinn bezeichnen und halte es mit Jean Paul Sartre, der sagt: “Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen”

Wahrheit und Konsequenzenlosigkeit

Es scheint ein weit verbreiteter Irrtum zu sein, dass jede Meinung gleichwertig sei, und dass Meinung zu verbreiten konsequenzenlos sein müsse. Doch das ist eben ein Irrtum. Menschen suchen sich ihre Freunde schon immer auch danach aus ob sie mit diesen Menschen eine Verbindung spüren. Daher wirkt natürlich jede Äußerung auf die Beziehung zwischen Menschen ein. Das gilt natürlich insbesondere dann, wenn man keine andere Beziehung hat, als die der geschriebenen Meinung. Meinungen können auch schlichtweg falsch sein. Lange Zeit waren viele Menschen der Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei. Bei aller Freiheit dies zu formulieren, ist es dennoch einfach falsch. Ich finde es entsetzlich, dass in vielen Blog-Artikeln einfachst zu recherchierende Fakten ignoriert, verdreht oder verleugnet werden. Das hat mit Meinung nichts zu tun, sondern ist entweder einfach gelogen oder das Resultat einer Wahrnehmungsstörung. Vielleicht ist es ja auch nur das Repetieren von oft gehörten Lügen, ich will ja niemandem etwas böses unterstellen, wer weiß ich will nicht einmal ausschließen, dass das auch mir passiert. Richtiger macht es die Meinung jedenfalls nicht, wenn sie nur viele haben - ganz im Gegenteil, die Gefahr, dass eine Meinung Unfug ist, ist, meiner Erfahrung nach, umso größer, je mehr Menschen sie teilen. Doch der Aufschrei ist schnell groß hier auf F+F, oder wie es Max Frisch formuliert hat: “Die das Nest schmutzig machen, zeigen empört auf einen, der ihren Schmutz bemerkt und nennen ihn den Nestbeschmutzer.”

Fazit

Natürlich ist Meinungsfreiheit wichtig. Richtig verstanden ist sie sogar das Rückgrat der Demokratie. Dennoch gehört zur Meinung auch der Prozess der Meinungsbildung, und dazu gehört im Grunde genommen auch sich mit den relevanten Fakten zu beschäftigen, egal ob das Statistiken sind, Rechtsnormen, etc. Solange dieser Prozess nicht passiert ist handelt es sich nicht um eine veröffentlichte Meinung, sondern nur um geistigen Dünnschiss, dessen stete Wiederholung lediglich den üblen Geruch verstärkt, den er verströmt.

Ja, ich bin ein arroganter, selbstgefälliger Fatzke. Es macht mir etwas aus, wenn ich feststelle, dass all zu viele Menschen, all zu häufig, einfach unglaubliches Pech beim Denken haben. Es ist nämlich, wie Theodore Rosevelt einmal gesagt haben soll, Teil der Meinungsfreiheit seine Meinung auch mal für sich zu behalten.

In diesem Sinne komme ich zurück auf Karl Kraus. "Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken." Ich bin gespannt wie sich F+F weiterentwickeln wird und hoffe das Beste, weil ich die Plattform wirklich mag und das Team das Herz am rechten Fleck hat. Aber auf die Auflösung des Spannungsthemas Meinungsfreiheit und Qualität bin ich schon sehr gespannt.

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