Die Situation ist etwas verwirrend und umstritten. Laut Koalitionsvertrag sei Deutschland reich, weshalb es selbstverständlich mehr für Europa zahlen soll. Der gleiche Grundgedanke findet stets Anwendung, wenn diverse Verpflichtungen zu Lasten des deutschen Volkes (auch bekannt als "die die schon länger hier leben";) übernommen werden. Also beispielsweise "Wir schaffen das" und viele Milliarden Euro für die etwas stockende "Integration", Entwicklungshilfe, Milliarden für Erdogan, oder aber Rettungspakete für Banken und Pleitestaaten. Nebstbei hat die Bundesbank auch noch 900 Mrd. Euro(!) in Form von Target2 Salden "verliehen". Ein Klacks! Wobei dieser Betrag seit 2014 und somit nach überwundener Eurokrise stetig steigt. Allerdings sollte man sich angesichts so solventer Gläubiger wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland da wohl keine Sorgen machen.

Auch bei der Rettung vor dem Klimawandel ist klotzen, nicht kleckern angesagt. Einen Strompreis von 30Ct/Kwh können sich die reichen Deutschen locker leisten, wenn es beim "CO2 Ausstieg" hilft. Oder aber auch wenn es nicht hilft, denn die CO2 Intensität der deutschen Stromproduktion ist trotz des Milliardenaufwands bisher um keinen Deut gesunken. Egal.

Selbst der Diesel Skandal hat ein seltsames Geschmäckle. Anders als in den USA bleiben die Autohersteller weitgehend unbehelligt, Schadenersatzklagen von Konsumenten werden reihenweise abgeschmettert. Das könnte man an sich noch irgendwie mit nationalem Interesse argumentieren, Arbeitsplätze vs. Gerechtigkeit oder so, zumal die Stickoxidbelastung in den letzten Jahrzehnten ohnehin stark gesunken ist, neuere Diesel jedenfalls sauberer sind als ältere Modelle usw. Nichts desto trotz werden die Opfer zu Tätern gemacht, Dieselfahrverbote angedacht und später wohl auch umgesetzt. Den Schaden etwa in Form von Wertverlusten müssen sich die reichen Deutschen halt einfach leisten können.

Auf der anderen Seite ist der deutsche Staat bitter arm. Er kann es sich nicht leisten seinen Rentnern ein menschenwürdiges Auskommen zu sichern. 2016 betrug die Durchschnittsrente 1.051 Euro für Männer bzw. 613 Euro für Frauen (in den alten Bundesländern). Und wer unter 770 Euro liegt, darf dann um Grundsicherung ansuchen, die wiederum exakt der Höhe Hartz IV entspricht.

Hartz IV ist denn auch ein spannendes Thema. 416 Euro müssen stand 2018 für den Lebensbedarf eines Menschen (exklusive Miete) ausreichen. Wie realistisch das ist, veranschaulichen wohl jene 36,89 Euro die für den Posten "Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung" vorgesehen sind. Damit könnte man sich dann gut 100 KWh Strom im Monat leisten. Es gibt ältere Kühlschränke die allein so viel verbrauchen. Pro Kopf (über alle Wirtschaftsbereiche) liegt der durchschnittliche Verbrauch in D übrigens bei 530KWh/Monat, in den USA vergleichsweise bei 1000KWh/Monat.

Das Ausmaß der Armut in Deutschland ist in der Tat schwer vorstellbar, wenn man sich a) an die Situation gewöhnt hat und betriebsblind ist, oder b) eben nicht damit konfrontiert wird. Als ich einige Zeit in Deutschland lebte und arbeitete stachen mir die Verhältnisse hingegen ins Auge. Es war allerdings nicht bloß die materielle Armut, etwa in Form von an sich adretten Rentnern die Mülltonnen nach Pfandgütern durchsuchen, sondern vor allem die geistige Verarmung und massive Bildungsmängel.

Ein Bankbediensteter, bei dem ich ein Konto eröffnete, fragte mich beispielsweise woher ich denn komme. Ich sagte Wien, also Österreich. Darauf er: wie jetzt, kommen Sie aus Wien oder Österreich? Oder ein großes Polizeikommissariat, in dem ein Dutzend Beamte mir nicht sagen konnte wo sich das Meldeamt befindet. Jene Auskunft die ich am Ende erhielt stellte sich letztlich auch noch als falsch heraus, tatsächlich war das Meldeamt nur ca. 200m weit vom der Polizeiwache entfernt. Oder ein Kassier, der da er seinen Taschenrechner nicht fand, nicht in der Lage war mir eine Rechnung zu stellen. Ich könnte noch unzählige Beispiele anführen, denn das geschah jeden einzelnen Tag.

Gewisse Irritationen dürften gleichsam diverse Erhebungen zum Vermögensstand der Deutschen auslösen. Völlig überraschend kommt für viele, weil halt nicht dem herrschen politischen Narrativ entsprechend, dass man bei den Vermögen vergleichsweise recht weit hinten liegt, jedenfalls deutlich unter dem EU Schnitt. Je nach Erhebungsmethode liegen selbst mediterrane Pleitestaaten wie Spanien, Portugal, Griechenland, Zypern oder Italien noch deutlich besser.

Die Gründe dafür könnte man ausführlich diskutieren. Die Verwüstungen des 2. Weltkriegs haben auch viel privates Kapital zerstört, und die hastig wiederaufgebauten deutschen Städte verdienen sich gewiß keinen Schönheitspreis. Der dominante Mietmarkt, fehlende Börsenkultur und der umsorgende Sozialstaat mögen weitere Erklärungsansätze sein. Wobei natürlich der Sozialstaat aus den schon genannten Gründen eher fragwürdig wäre.

Die Realität dürfte indessen schon mit dem Sozialstaat zu tun haben, allerdings weniger mit dessen vermeintlichen Leistungen als mit seinen Kosten. Das Lohnniveau ist in Deutschland nicht sonderlich hoch und netto bleibt meist zu wenig um zur Kapitalbildung beizutragen. Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels.

2015 teilten sich 38,6 Mio unselbstständig Beschäftigte eine Nettolohnsumme von 840 Mrd. Euro. Der durchschnittliche Nettolohn betrug demnach also 1.810 Euro im Monat. Das ist nicht gerade viel, zumal der arithmetische Durchschnitt durch Spitzengagen wesentlich gehoben wird und der Median rund 200 Euro niedriger liegen dürfte. Auch ist die Relation der Nettolohnsumme zum BIP (3043 Mrd.) mit 27,6% eine der Niedrigsten in der industrialisierten Welt überhaupt. Und natürlich lässt bei einem solchen Lohnniveau schwer Vermögen ansparen. Immerhin läge das immer noch knapp über dem österreichischen Lohnniveau von 21.300 Euro (vs. 21.720 = 1.810 x 12).

Die relativ niedrigen Österreichischen Löhne sind direkt von der Statistik Austria übernommen, und wären als solche nicht anzuzweifeln. Allerdings unterscheiden sich die Berechnungsmethoden. In Ö lag die Nettolohnsumme bei 92,65 Mrd und der Durchschnittsnettolohn bei exakt 21.298 Euro. Dividiert man das, erhält man 4,35 Mio uns. Beschäftigte und diese Zahl ist eigentlich viel zu hoch.

Man hat in dem Fall auf Steuerfälle abgestellt, nicht auf die durchschnittliche Zahl des uns. Beschäftigten. Jeder der irgendwann im Jahr einer Arbeit nachgeht ist so ein Steuerfall (etwa ein Ferialjobber). Die mit Deutschland vergleichbare Zahl uns. Beschäftigter wird in einer seperaten Statistik geführt, und betrug 2015 lediglich 3,609 Mio. Wir rechnen also 92,65 / 3,609 * 1000 = 25.672. Die Nettolöhne sind in Deutschland also tatsächlich um über 15% niedriger.

So weit, so schlecht. Nun gibt es da jedoch ein empfindliches Problem das zu erklären etwas diffizil ist. Ich versuche es mal. Das Deutsche Bundesamt für Statistik veröffentlicht Jahr für Jahr sein Statistisches Jahrbuch, aus dem ich die genannten Daten zitiert habe. Dabei werden nicht nur aktuelle Daten zu den jeweiligen Aggregaten veröffentlicht, sondern im Prinzip ganze Zeitreihen. Ich gebe zu, das ist nicht die einzige Quelle, aber grundsätzlich läuft es darauf hinaus, dass man Zeitreihen miteinander vergleicht um eventuelle Kontinuitätsbrüche erkennen zu können.

Beispielsweise betrug 1970 die Nettolohnsumme in Westdeutschland 236,6 Mrd. DM, was sich dem Jahrbuch 1978 entnehmen lässt. Wie gesagt hat sich die Summe auf 840 Mrd. Euro im Jahr 2015 gesteigert. Das wäre also 6,948mal so viel. Die Inflation betrug im selben Zeitraum 231,1% (was heißt das Preisniveau erhöhte sich auf 331,1% des Ausgangspunkts) und die Beschäftigung unselbständiger Arbeitnehmer stieg auf(!) 173% (also 38,6 vs. 22,3 Mio).

Rechnet man das durch, dann stieg der Durchschnittslohn seit 1970 um immerhin 6,94/3,311/1,73 - 1 = 21,3%, trotz Wiedervereinigung wenn man so will. Jetzt gibt es da nur das Problem der besagten Kontinuitätsbrüche.

Um das zu veranschaulichen sei mal das Jahr 1988 exemplarisch genannt. Das statistische Jahrbuch 1990 vermeldete damals für Westdeutschland eine Nettolohnsumme von 603,9 Mrd. DM. Bis 2011 hingegen war dieser Wert auf 647,8 Mrd. DM hoch revidiert worden (wohl gemerkt, nach wie vor für Westdeutschland), das sind 11,7% mehr. Nun sind 12% "Unschärfe" bei solchen Statistiken ein Ding der Unmöglichkeit. Entweder wussten die Statistiker früher nicht was sie taten, oder sie wissen es jetzt nicht.

Noch "schräger" wird diese Revision, wenn man weiß, dass hier nicht die gesamte Zeitreihe nach oben revidiert wurde, sondern nur spätere Werte. So stieg die Nettolohnsumme 1970 von 236,6 auf 238,6 Mrd. DM, also um 1%, jene des Jahres 1988 aber wie gesagt um fast 12%. Anders formuliert, kam man Jahrzehnte im Nachhinein darauf, dass die Reallöhnentwicklung in den 70er und 80er Jahren viel positiver war, als man das dereinst ausgewiesen hat. Und das geschah justament vor dem Hintergrund einer mehr oder minder öffentlichen Diskussion ob stagnierender bis sinkender Reallöhne seit den 90ern.

Der Übersichtlichkeit wegen sind die nachfolgenden Zahlen nun allesamt in Euro und preisbereinigt, also auf das Preisniveau des Jahres 2015 normalisiert. Es gibt viele weitere solcher „Nachbesserungen“. Die Nettolohnsumme des Jahres 1993 stieg von 495,38 (JB 1996) auf 523,59 (JB 2000), die des Jahres 1998 von 522,31 (JB 2000) auf 529,85 (JB 2005), oder die des Jahres 2008 von 641,31 (JB 2011) auf 664 Mrd. (JB 2012) usw. Graphisch stellt sich das dann so dar..

myself

Wenn man nun aber sorgfältig durch die Geschichte blättert und alle jene Kontinuitätsbrüche aufsummiert, dann betrugen die beschriebenen Revisionen sage und schreibe 25%. Also 25% Lohnsteigerung durch nichts anderes als der Behauptung von Statistikern, dass ihre Statistik zuvor falsch war. Wer hier politischen Einfluß vermuten mag, dürfte nicht ganz falsch liegen.

Wenn wir diesen politischen Faktor eliminieren, der Zeitreihe logische Kontinuität verleihen, was technisch betrachtet nicht anderes bedeutet als sie losen Enden zu verknüpfen, und bezieht man das Ergebnis auf die Zahl der unselbstständig Beschäftigten, dann ergibt sich folgendes Bild für die Reallohnentwicklung.

myself

Ja, das schaut irgendwie Scheiße aus. Das Lohnniveau läge demnach heute weit unter jenem der 70er und 80er Jahre, und dabei diskutieren wir noch nichtmal den Interpretationsspielraum der Inflation. Ist Deutschland heute sehr viel ärmer als es für 40 Jahren war, was die Reallöhne angeht?

Ich würde gerne eine definitive Antwort darauf geben, doch die Sache ist uneindeutig. Wenn diese erstellte Zeitreihe den richtigen Weg weist, dann müsste die Lohnsumme heute niedriger als offiziell ausgewiesen sein, und das könnte man theoretisch rückrechnen. Man nimmt also die Statistiken zur Bruttolohnverteilung, errechnet daraus die Bruttolohnsumme, die Nettolohnsumme und die anfallende Lohnsteuer. Wie das genau funktioniert erspare ich mir an dieser Stelle.

Es funktioniert jedenfalls sehr gut, weil sich die so errechneten Werte höchst präzise mit jenen übereinstimmen, die die Statistik an anderer Stelle ausweist, also für alle drei genannten Parameter. Mit einer Einschränkung allerdings: auf die Nettolohnsumme kommt man nur, wenn man das gesamte Kindergeld den Nettolöhnen zuschlägt. Das ist zwar wenig überraschend, weil das Kindergeld legistisch in die Lohnsteuer integriert ist, in der Aussage ist es dennoch fragwürdig bis falsch. Der Großteil des Kindergelds (etwa 35 von 40 Mrd) wird als Sozialtransfer, nicht als Steuerermäßigung geleistet. Wenn man Transferzahlungen zur Lohnsumme rechnet, dann begeht man Ettickettenschwindel, der die Vergleichbarkeit solcher Statistiken erschwert.

Unbereinigt macht die Nettolohnsumme lediglich 27,6% des deutschen BIP aus, bereinigt um den Faktor Kindergeld sind es gar nur mehr 26,5%. Beide Werte liegen am untersten Ende der industrialisierten Welt. Gleichsam lag der Durchschnittslohn so nur bei 1.735 Euro im Monat. Hohe Sozialtransfers können aber gerade in Deutschland nicht als "Entschuldigung" geführt werden, im Gegenteil. Die vergleichsweise sehr bescheidenen Sozialleistungen hätten denn eigentlich zu einer substantiellen Entlastung des Faktors Arbeit führen müssen. Doch die Mittel werden offenkundig anderweitig eingesetzt.

Bliebe also immer noch die Frage was es mit den zahlreichen "Revisionen" der Lohnstatistik auf sich hat. Wie gesagt sind die aktuellen Zahlen in sich konsistent und nachvollziehbar. Normaler Weise kommt man solche statistischen Tricks leicht auf die Schliche, wenn man sie Steuereinnahmen und Ähnlichem abgleicht. Eine solche Bestätigung scheitert hier jedoch. Das kann nun zwei Gründe haben. Entweder diese Revisionen erfolgten völlig zurecht und man hat sich zuvor halt immer geirrt, oder aber man hat, mit deutscher Gründlichkeit, Nägel mit Köpfen gemacht und Statistiken sowieso Steuereingänge mitangepasst. Ich weiß es nicht.

Es gibt da jedenfalls noch einen zu unrecht etwas verstaubten ökonomischen Begriff names "Masseneinkommen". Diese umfassen die Nettolohnsumme plus monetäre Sozialstransfers, also das wovon alle Einwohner leben müssen, sofern sie nicht über Kapital- oder Selbstständigeneinkommen verfügen. Dieser Wert betrug dereinst in den 70ern in D, Ö und anderswo solide 50% der Wirtschaftsleistung. Die Schweiz hält diese Marke nach wie vor souverän. In Österreich liegt der Wert heute bei sehr bescheidenen 44%. In Deutschland sind es gar nur mehr (zweifelhafte) 41%.

http://www.wann-in-rente.de/deutsche-renten/

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/StatistischesJahrbuch/StatistischesJahrbuch_AeltereAusgaben.html

https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichte/2018/2018_02_monatsbericht.pdf

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Margaretha G

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