Meine Herbstgeschichte fängt ein bisschen komisch an, das gebe ich zu. Aber wenn Sie ein wenig Geduld haben, werden Sie sehen, dass es wirklich eine Herbstgeschichte ist. Eine fast magische Herbstgeschichte, die mich seit Jahren begleitet.

Und die fängt so an: Wir haben einen Hund, den wir beide sehr lieben. Er ist schon etwas älter und ein bisschen pummelig um die Hüfte und ich muss zugeben, er liebt meinen Mann hin und wieder mehr als mich.

FinisNoXx

Zumindest um die Abendbrotzeit rum, denn dann sitzt er mit erwartungsvoller Miene neben meinem Mann und ignoriert mich völlig. Ich könnte ein Schnitzel sein, meinem Hund wäre das Wurscht. Denn jeden Abend schmiert mein Mann zwei Leberwurstbrote. Eins für sich und eins für den Hund.

Jetzt sehe ich schon direkt vor mir einige entrüstete Gesichter. Von wegen, das ist doch ungesund, wenn der Hund sowieso zu dick ist, das ist ein Hund und kein Mensch und so weiter.

Das interessiert mich nicht, denn was wissen Sie schon.

Der Hund hatte einen furchtbaren Lebensanfang, bevor wir ihn aufgenommen haben. Es hat Jahre gedauert, bis das damals ziemlich dünne Tier keine Angst mehr vor allem und jedem hatte und richtig gegessen hat. Die Leberwurstbrote haben da sehr geholfen.

Klar fragen Sie sich jetzt, was ein dicker, Leberwurstbrote essender Hund eigentlich mit dem Herbst zu tun hat. Das ist ganz einfach. Im Sommer ist es dem Hund zu warm für lange Spaziergänge und im Winter zu kalt. Das mag er nicht und da hat er seine unumstößlichen Prinzipien.

Außerdem war er noch nie ein sonderlich großer Fan von langen Spaziergängen und das lag von Anfang an nicht etwa an unserem sehr großen Wiesengrundstück, auf dem er ja ausgiebig rum sausen kann, sondern an dem gegenseitigen Vertrag, den der Hund schon bald nach seiner Ankunft mit den Hühnchen meiner Nachbarin geschlossen hatte.

Dazu sollten Sie wissen, dass auch die Hühnchen meiner Nachbarin einen furchtbaren Lebensanfang hatten. Sie wurden alle aus einer Legefabrik gerettet. Möglicherweise legen sie deshalb kaum Eier, dafür stehen sie stundenlang in einer ordentlichen Reihe vorm Zaum, der unsere Grundstücke trennt und starren den Hund an. Der auf der anderen Seite sitzt.

Und das geht natürlich am besten an einem schönen Herbsttag. Da müssen wir uns beide keine Sorgen machen, meine Nachbarin nicht um ihre Hühnchen, ich nicht um den Hund. Denn eines muss ich leider sagen: Alle zusammen sind ziemlich Wetter empfindlich.

Ach, hatte ich schon erwähnt, dass auch die Hühnchen meiner Nachbarin recht beleibt sind? Und ein sehr schickes, gemütliches Haus haben? Das hätten Sie sich aber auch schon denken können.

Irgendwann haben wir angefangen der jeweils anderen Seite Lecker zuzuwerfen, vermutlich um dem Geschehen einen menschlichen Sinn zuordnen zu können. Aber im Stillen sind wir wohl beide überzeugt, dass das ganz unnötig ist. Sie säßen auch so am Zaun und starrten sich an. Wer weiß schon was sie sich da erzählen. Vielleicht über ihr Leben, über den Schrecken ihrer Kindertage und über die Menschen, die daran schuld sind.

Jedenfalls haben alle immer auf die ersten Herbsttage gewartet, das müssen Sie ja nicht glauben. Mir ist das ganz egal. Dem Hund und den Hühnchen jedoch nicht. Denn dann durften sie fast so lange da am Zaun sitzen wie sie gern wollten. Im bunten Laub und weder meine Nachbarin noch ich haben unsere jeweiligen Zaungäste nach kurzer Zeit zurück gerufen. Denn wie gesagt, keine von uns möchte dass sich irgendwer davon erkältet.

Traurigerweise sind die meisten Hühnchen im Laufe der Jahre ins Geflügel-Nirwana verschwunden, für Hühner aus einer Legebatterie sind sie wahrlich alt geworden. Irgendwann sind sie einfach umgefallen und wurden betrauert und begraben.

Manchmal sehe ich im Geist, wenn ich rüber gucke, eine Reihe kleiner Kreuze und ehrlich gesagt, verwundert hätte es mich nicht.

Leider ist das letzte überlebende Hühnchen ein sehr, sehr eigenwilliges Huhn, es mag einfach keine anderen Hühner. Aber den Hund. Und den Herbst.

Deshalb warten das Hühnchen, der Hund, meine Nachbarin und ich dieses Jahr ganz besonders auf den Herbst. Der hoffentlich genauso wird, wie wir alle uns das wünschen.

Nicht so warm, nicht so kalt, nicht regnerisch.

Halt der perfekte Hühnchen-Hunde-Herbst.

Das würde den Hund, das Hühnchen, mich und meine Nachbarin dann sehr glücklich machen.

FinisNoXx

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