Fotomontage Manfred Breitenberger

Am 30. Juni 2022 gaben rund 30 Autoren der größten linken deutschen Monatszeitschrift Konkret bekannt, nicht mehr in Konkret schreiben zu wollen, weil „mit dem redaktionellen Kurs zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine rote Linie überschritten“ wurde. Die Unterzeichner werfen Konkret vor die „Verfasstheit der russischen Gesellschaft auszublenden“ und die russischen Herrschaftsverhältnisse und inneren Widersprüche als mögliche Ursachen der Aggressionspolitik nicht zu thematisieren. Die Unterzeichner setzen Konkret mit der Jungen Welt auf eine Stufe und verkünden: „Für die schreiben wir aus guten Gründen nicht. Für die Kopie dann halt auch nicht.“

Diese Erklärung ist merkwürdig, denn Konkret hat sich seit Beginn des Krieges stets vom Angriffskrieg Russlands distanziert, ist allerdings auf die Vorgeschichte dieses Krieges eingegangen, was nicht nur für eine linke Zeitung eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Wenn in finsteren Zeiten die deutsche Außenministerin vor „Kriegsmüdigkeit“ warnt und einen „Diktatfrieden“ ablehnt, wenn der Eintritt der Nato in den Krieg gefordert wird, wenn die Sanktionen gegen Russland nicht streng genug ausfallen können, obwohl sie nicht Putin, sondern vor allem Europa und den Westen treffen, wenn ein 3. Weltkrieg oder ein Atomkrieg in Kauf genommen wird und alle Medien von der TAZ bis zur Jungle World, von der FAZ bis zur SZ, von der ARD bis zu RTL denselben Einheitsbrei vorsetzen, dann ist es meiner Meinung absolut legitim, wenn die letzte linke Zeitung in Deutschland diese Peinlichkeiten nicht mitmacht und das schreibt was andere eben nicht wissen wollen.

Nicht Konkret blendet irgendetwas aus, die Unterzeichner blenden unter anderem die hundertausendfachen Massenmorde des Westukrainers Stepan Bandera und den entsprechenden heutigen Kult in der Ukraine mit all seinen rassistischen und antisemitischen Auswirkungen aus. Der israelische Botschafter hat nun endlich reagiert und dem ukrainischen Botschafter und Bandera-Anhänger Andrij Melnyk seine penetrante Verharmlosung des Holocausts vorgeworfen. Selbst Kiew rüffelte Melnyk, was freilich angesichts der Bandera-Denkmäler, der Bandera-Straßennamen und der Geburtstagsfeier in der Rada 2018 völlig unglaubwürdig ist. Der Kult um Bandera, das Ausblenden und Verharmlosen seiner Massenmorde seit mindestens acht Jahren belegen die Verkommenheit der Medienlandschaft und einen Großteil der Linken. Konkret ist die rühmliche Ausnahme. Beispielsweise verharmloste die Jungle World den Holocaust indem sie den Bandera-Verteidiger Utz Anhalt zu Wort kommen ließ. In der Diktion von Melnyk verharmloste Utz Anhalt die Massenmorde Banderas, schreibt von nur einem Pogrom an dem Bandera, laut Utz Anhalt, nicht einmal beteiligt war. Vor Jahrzehnten behaupteten Rechtsextremisten Hitler habe von der Judenermordung nichts gewusst und heute behauptet die Bandera-Linke Bandera habe eigenhändig keine Juden ermordet. Wie viele Autoren der Jungle World wegen dieser Holocaustrelativierung nicht mehr für die Jungle World schreiben, ist nicht überliefert. Die Verharmlosung oder die Leugnung des Holocaust war vor Jahrzenten den Dorfnazis und der Reaktion vorbehalten, diese Zeiten sind nun vorbei, wobei die fehlende Distanz gegenüber dem hundertausendfachen antisemitischen Massenmörder der Bandera-Linken lebenslang auf‘s Butterbrot geschmiert werden dürfte.

Leser von Konkret wissen seit je her über die Verfasstheit nicht nur von Russland, sie wissen eben auch über die Verfasstheit der Ukraine. Hermann L. Gremliza schrieb beispielshalber nach den Maidan-Unruhen in Konkret 1/2014 in „Neues aus Lemberg“: … und zurück in die Ukraine, zu Westerwelles Europäern. Deren Heimat ist der Westen des Landes, der weitere Umkreis einer Stadt, die vor dem Einmarsch der Wehrmacht Lwow hieß, danach Lemberg, ab 1945 wieder Lwow und seit 1991 Lwiw. Die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt hatten in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts mit 50 Prozent die Polen gestellt, die zweitgrößte mit mehr als 32 Prozent die Juden, nur knapp 16 Prozent waren Ukrainer. Nach der Befreiung durch die Rote Armee waren noch 0,3 Prozent der Ukrainer Juden. Die anderen waren dem Engagement ihrer Landsleute zum Opfer gefallen, die sich als »westlich« und »europäisch orientiert« dem deutschen Vernichtungskrieg gegen Juden und russische »Untermenschen« angeschlossen hatten. Dass die »westlich« und »europäisch orientierte» Opposition, auf die Deutschland heute setzt, aus derselben Gegend stammt, ist bloß ein Zufall, so unschuldig wie die vielen anderen Zufälle, die fast jedes Pack, mit dem Deutschland heute in Osteuropa paktiert, als gute alte Bekannte erscheinen lassen (….) die Nachfahren der lettischen und litauischen SS-Verbände, die den Deutschen bei der Ermordung der Juden am liebsten zuvorgekommen waren; die nationalgesinnten Georgier, die eine Legion der Wehrmacht gestellt hatten, wofür die Deutschen vor fünf Jahren, als Georgien einen Krieg gegen Russland anfing, sich durch herzliche Anteilnahme und eine – inzwischen aufgeflogene – Lügenkampagne ihrer Medien bedankten; die slowenischen Domobranzen, die mit der Wehrmacht und der Waffen-SS gegen Tito kämpften, die kroatischen und bosniakischen Ustascha-Milizen, die SS-Einheiten kroatischer und albanischer Muslime, die alle auf Betreiben der deutschen Politik fünfzig Jahre später mit der Einrichtung eigener Staaten belohnt wurden; die ukrainischen und litauischen Trawniki, die bei der Ermordung von zwei Millionen Juden im sogenannten Generalgouvernement Polen halfen, die ukrainischen Freiwilligen der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, das ukrainische Bataillon »Nachtigall«, die »Ukrainische Aufständischenarmee«, die mit Wehrmacht und SS gegen die Rote Armee kämpfte.“

Selbstverständlich können der am 20. Dezember 2019 verstorbene Herausgeber von Konkret, Hermann L. Gremliza, sein Wortwitz, seine beißende Polemik, sein herausragendes Geschichtsverständnis nicht ansatzweise ersetzt werden, seine Kolumnen zum Maidan-Putsch, zu Bandera, zur OUN, zum Bataillion Nachtigall, zu den Pogromen von Lemberg, zum Bandera-Kult, zur Nato-Osterweiterung und sein Weitblick bleiben legendär, Gremliza im Juni 2015: „…Ihr Bündnis mit den Erben der dortigen SS-Kollaborateure stolpert seither von Kalamität zu Kalamität. Die Krim, zuvor auch von Russland anerkannter Teil der Ukraine, ist jetzt Teil Russlands und wird es bleiben. Und wenn die Steinmeiers und Kerrys nicht bald zur Räson kommen, wird es im Fall der Ostukraine nicht anders gehen.“ Es ist davon auszugehen, dass alle heutigen Texte zur Ukraine auch unter Hermann L. Gremliza erschienen wären. Konkret war die meiste Zeit eine Monatszeitschrift in der die verschiedensten Positionen zu Wort kamen und im aktuellen Ukraine-Krieg ist es nicht anders. Offener Diskurs und nicht Einheitsbrei ist Voraussetzung für Aufklärung und Demokratie!

Aus Solidarität mit Konkret, in der Frage des Ukraine-Krieges, deshalb an dieser Stelle, mit freundlicher Genehmigung der Konkret-Redaktion, mit freundlicher Genehmigung von Friederike Gremliza die zeitlose und weitsichtige Kolumne von Hermann L. Gremliza – I love Putin vom Juni 2015, der Bandera-Linken ins Stammbuch geschrieben:

“I love Putin” von Hermann L. Gremliza

Welcher Teufel muss einen Kommunisten, einen Freund aller Revolution und jeder normwidrigen Abweichung reiten, einen antikommunistischen, homophoben Autokraten von Woche zu Woche besser zu verstehen? Kürzer gefragt: Was geht mich der Wladimir Putin an? Kurz gesagt: dass die Überlebenschance heute bei Cholera größer ist als bei der Pest.

Deren Hauch weht – wie das zwanzigste Jahrhundert lang so am Beginn des einundzwanzigsten – von Berlin aus, von einem Deutschtum, das sich »nach alter Usance bedroht fühlt, sobald es in Land- und Weltbedrohung gehemmt wird« (Karl Kraus 1933). Putin mag sich so viel Mühe geben, wie er will, Wladimir der Schreckliche zu sein – mit den Merkels, Steinmeiers und Görings nimmt er’s nicht auf.

Und weil er’s mit ihnen nicht aufnimmt, hat er’s gegen sie aufgenommen, im letzten Moment, den die Geschichte ihm ließ, Deutschlands dritten, friedlich genannten Versuch der Aneignung Osteuropas, der »wirtschaftlichen Ergänzungsräume«, in denen – von Merkels Rechtsvorgängern so genannte – »Hilfsvölker« leben, die Stirn zu bieten.

Putin ähnelt nach Charakter und Lage, in der er sich befindet, dem österreichischen Kanzler Engelbert Dollfuß, einem Politiker, den die parlamentarische Linke, die er nach Haus geschickt hatte, nicht ohne Grund einen Diktator nannte, der jedoch, als die österreichischen Sozis noch über den rechten Zeitpunkt eines wünschenswerten Anschlusses an das Deutsche Reich disputierten, sein Land gegen den Anschluss an das braune Reich verteidigte bis in den Tod.

Es ist das bestgehütete Geheimnis der Kolonialmächte, die sich »der Freie Westen« nennen: dass der Frieden in Europa vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende der Sowjetunion nicht ihnen zu verdanken war, die es gern anders gehabt hätten, sondern allein den Atomwaffen der Roten Armee. Noch zehn Jahre nach der sowjetischen Kapitulation haben die Deutschen, die USA und ihre Verbündeten fast ängstlich abgewartet, ob die Russen sich – trotz Gorbatschows und Jelzins Unterwerfung – auf ihr Arsenal und dessen politische Potenz besinnen würden. Erst als gewiss schien, dass es nicht zu fürchten sei, riskierten sie ihren Krieg zur Zerstörung Jugoslawiens.

Was ihnen dort gelang, ist ihnen, Putin sei Dank, später in Georgien und jetzt in der Ukraine nicht mehr gelungen. Ihr Bündnis mit den Erben der dortigen SS-Kollaborateure stolpert seither von Kalamität zu Kalamität. Die Krim, zuvor auch von Russland anerkannter Teil der Ukraine, ist jetzt Teil Russlands und wird es bleiben. Und wenn die Steinmeiers und Kerrys nicht bald zur Räson kommen, wird es im Fall der Ostukraine nicht anders gehen.

Dass der russische Präsident nicht gewartet hat, bis sie ihm das, was sie in Berlin Zeitfenster nennen, vor der Nase zuschlagen konnten – dafür hassen sie ihn, mobilisieren sie gegen den Antikommunisten denselben Hass, dasselbe Personal, dieselben Phrasen, die sie siebzig Jahre lang gegen die Kommunisten mobilisiert hatten. Wer liest und hört, wie der deutsche Leitartikel (von dem sich, wie von der Talkshow, nur noch im Singular reden lässt) mit Russland verfährt, muss glauben, im Kreml sei der Josef Wissarionowitsch auferstanden.

Gegen den Widergänger Stalins ist natürlich alles erlaubt. Als über der östlichen Ukraine der Flug MH17 endete und niemand wissen konnte, wer die Maschine zum Absturz gebracht hatte, kreischte das Deutschland-Magazin »Spiegel« auf der Titelseite: »Stoppt Putin jetzt!«. Seit Monaten untersucht eine Kommission aus dem Nato-Staat Niederlande den Absturz, ohne ein den Berlinern genehmes Ergebnis liefern zu können. Daraus ließen sich manche mehr oder weniger wohl- und übelwollende Vermutungen ableiten, zum Beispiel die, dass die Tat nicht von den »Separatisten« verübt, sondern von den dort marodierenden, von der CIA und amerikanischen Privatkillern angeleiteten Milizen inszeniert wurde. Erweislich wahr ist bis heute (15. Mai 2015) nur, dass man nichts weiß.

Man weiß nichts? Von wegen: »Inzwischen wissen wir«, stottert der allseits geschätzte Medienkasper Karasek und wird mit diesem Dreck gedruckt, »dass bei den russischen Separatisten der Ukraine kein Spatz vom Himmel fällt, ohne dass Putin und seine Militärs es nicht (!) anordnen.« Wir Wissenden – das sind die Deutschen, die Mehrwertegemeinschaft und ihre Schmiermichel. Vergeblich wartete man nach dem Absturz des Airbus von Germanwings auf neue Sanktionen gegen Russland. Doch die Zeit zwischen dem Einschlag und den ersten Meldungen über die Rolle des Kopiloten war wohl zu knapp.

Dafür kommt, was die »toten Helden vom Majdan« betrifft, peu á peu eine Wahrheit heraus, die für die Ritter der Propagandakompanie eine schmerzliche zu werden verspricht. Kiews Premier Jazenjuk geht schon mal in Deckung: Bei den Ermittlungen zu den tödlichen Schüssen auf dem Majdan-Platz im Februar 2014 habe »der frühere Oberstaatsanwalt große Fehler gemacht«. Das kann nur bedeuten, dass die Regierung der Ukraine die Version, der damalige Präsident Janukowitsch habe die Schüsse befohlen, nicht durchhalten kann, und richtig so ziemlich das Gegenteil ist.

Jazenjuks halbes Geständnis wird einmal gemeldet und nie wieder erwähnt. Journalismus war nie, wofür sie ihn ausgaben, aber jetzt können sie nur noch schiere Propaganda: »Spiegel Online« berichtet von einem Gesetz der griechischen Syriza-Regierung, das mittelständischen Unternehmen die Steuerschulden erlässt. Zu den Tausenden »von den Fesseln der Schulden befreiten« Firmen gehöre auch der griechische Fußballklub PAOK Saloniki. Dessen Besitzer sei ein Freund von Wladimir Putin. Wie lautet also des »Spiegels« Überschrift? Sie lautet: »Griechenland erlässt Fußballklub von Putin-Freund Steuerschulden. Ich hab auch was zu melden: »Merkel erhöht Schröders Kindergeld. «

Das Lokalblatt meldet vom Treffen der Regierenden aus den sieben größten westlichen Industrienationen: »Front gegen Russland« Die neue Ostfront. Der Führer ist jetzt Führerin, den Keitel macht der Steinmeier. Der Gottseibeiuns aber, in dessen Stadt, die jetzt Wolgograd heißt, seine Rote Armee den Deutschen ihr Vernichtungshandwerk legte, hat 1949 dafür gesorgt, dass seine Nachfolger im Kreml eine Waffe besitzen, sich eines neuen deutschen Angriffs zu erwehren. Anders als noch Gorbatschow, der Freund von Kohl und Luis Vuitton, ist Putin sich dessen bewusst. Ätsch! sag der Weltgeist.

PS: Bleiben zwei Reste zu tragen schwer: Putins peinliche Kontakte zu einigen sehr rechten westlichen Parteien; und die Chuzpe der ganz normal rechten westlichen Politiker, die dem Feind moralische Vorhaltungen machen, während sie selber mit ukrainischen Nazi-Milizen kollaborieren.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Mission Impossible

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