Wer heute behauptet, Russland habe 2014 lediglich die russischsprachige Bevölkerung im Donbass vor der Ukraine schützen müssen, sollte sich einmal mit Igor Girkin beschäftigen. Kampfname "Strelkow". Ehemaliger Oberst des russischen Geheimdienstes FSB. Und einer der wichtigsten militärischen Akteure zu Beginn des Krieges in der Ostukraine.
Im April 2014 führte Girkin eine bewaffnete Einheit nach Slowjansk, besetzte dort mit seinen Männern staatliche Einrichtungen und organisierte den bewaffneten Kampf gegen die ukrainischen Sicherheitskräfte. Später wurde er sogenannter Verteidigungsminister der selbsternannten Volksrepublik Donezk.
Das eigentlich Interessante kam einige Monate später. Im November 2014 erklärte Girkin in einem Interview mit der russischen Zeitung "Sawtra" sinngemäß: "Ich war derjenige, der den Abzug dieses Krieges betätigte." Ohne den Grenzübertritt seiner bewaffneten Einheit, so Girkin, wäre die Entwicklung wahrscheinlich wieder zum Erliegen gekommen.
Man muss sich das einmal vor Augen führen. Da beschreibt ein ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier selbst, welche Rolle seine Einheit beim Ausbruch des bewaffneten Konflikts gespielt hat. Während bis heute behauptet wird, der Krieg im Donbass sei ausschließlich ein innerukrainischer Bürgerkrieg gewesen.
Und Girkin taucht noch in einem anderen Kapitel dieses Krieges auf. 2022 wurde er von einem niederländischen Gericht wegen seiner Verantwortung für den Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 und den Tod von 298 Menschen in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.
Später kritisierte Girkin sogar Putin und die russische Militärführung. Allerdings nicht, weil er plötzlich gegen den Krieg gewesen wäre, sondern weil ihm die russische Kriegsführung nicht entschieden genug war. 2024 wurde er in Russland wegen Aufrufen zum Extremismus zu vier Jahren Haft verurteilt.
Igor Girkin ist also kein westlicher Kommentator, kein ukrainischer Propagandist und kein Friedensaktivist. Er war selbst Teil der bewaffneten Intervention im Donbass.
Und gerade deshalb ist seine Aussage von 2014 so bemerkenswert.
Wer verstehen will, wie dieser Krieg begann, sollte nicht nur den heutigen Erzählungen darüber zuhören. Sondern auch denen, die damals mit der Waffe in der Hand dabei waren.