mit etwas anderem Titel auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/10/17/oktober-1977-die-macht-verarscht-den-geist/ (Quelle, u.a.: Magenau, Jörg: Schmidt-Lenz. Geschichte einer Freundschaft.)

Wäre er nicht an diesem Tag 50 Jahre alt geworden, hätte auch Günter Grass an der Runde im Kanzleramt teilgenommen, die Helmut Schmidt am 16. Oktober 1977 eingeladen hatte. Es kamen Heinrich Böll, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1972, Max Frisch, Siegfried Lenz und der Verleger Siegfried Unseld. Die Situation in der Bundesrepublik Deutschland war angespannt: Seit Anfang September befand sich der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer in der Gewalt der RAF, seit drei Tagen hatten palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine entführt, gefordert wurde die Freilassung der in Stammheim bei Stuttgart inhaftierten RAF-Spitze. Zwei Tage später stürmte die GSG 9 in Mogadischu das entführte Flugzeug und befreite die Geiseln. Schleyer, für dessen Austausch seine Familie, wenn auch vergeblich, vor das Bundesverfassungsgericht gezogen war, wurde erschossen, die RAF-Mitglieder Baader, Ensslin und Raspe starben in Stammheim. Helmut Schmidt hatte sich immer gegen Zugeständnisse gewehrt, der Staat, so sein berühmtes Diktum, dürfe nicht erpressbar sein.

Das Gespräch mit den Autoren und dem Verleger dauerte insgesamt 5 Stunden, Schmidt verließ die Runde aber immer wieder, um sich mit dem gleichzeitig tagenden Krisenstab zu beraten, wo man sich bizarren Ideen hingab: Helmut Kohl soll angeboten haben, sich als Geisel austauschen zu lassen, während Franz Josef Strauß vorgeschlagen haben soll, Terroristen zu foltern oder öffentlich hinrichten zu lassen.

Man sieht, der Kanzler hatte eigentlich Besseres zu tun, als mit Autoren zu schwatzen. Später erklärte er, er habe den Kontakt zu „normalen“ Menschen gesucht, was man, denkt man an die verschwitzte Bierzeltphysiognomie von Strauß, durchaus verstehen kann. Zudem sei es ihm darum gegangen, die Gründe für die „politische und moralische Verwirrung (…) der Attentäter“ zu erforschen. Warum er dafür nicht das Gespräch mit z.B. Baader selbst suchte, bleibt unklar, ebenso unklar wie die Beweggründe, die Heinrich Böll ins Kanzleramt getrieben haben. Böll, von 1972 bis 1974 Präsident des internationalen PEN, war eine weltweit anerkannte Persönlichkeit, die aber in der BRD, nach einem Artikel, in dem Böll die Berichterstattung zur RAF kritisiert hatte, einer beispiellosen Diffamierungskampagne nicht nur der Springerpresse sich ausgesetzt sah. Sein Sohn René mußte mehrfach unangemeldete Hausdurchsuchungen und Razzien erleben, von Morddrohungen und Beschimpfungen ganz zu schweigen. Schmidt ist hoch anzurechnen, dass er im September 1977 vor einer „Hysterie“ warnte und Böll in Schutz nahm, doch die Pressemeute verhielt sich auch weiterhin so, wie sie Böll in seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ porträtiert hat: sensationslüstern und blutrünstig. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Interessant ist – Magenau weist darauf hin –, dass Schmidt in seinem autobiografischen Text „Weggefährten“ die Stürmung des Flugzeugs in Mogadischu auf denselben Abend legt, an dem er sich mit den Autoren traf, tatsächlich lagen zwei Tage zwischen den beiden Ereignissen. Das legt zum einen nahe, dass er dieses Gespräch für bedeutend hielt, so als sei es eine Art retardierendes Element vor einer – nicht einmal unwahrscheinlichen – Katastrophe, ein Atemholen, bei dem er sich noch einmal bei prominenten Intellektuellen Rat und Unterstützung einholen wollte, zum anderen aber, dass die Entscheidung, das Risiko einer Stürmung einzugehen, längst gefallen sein musste, dass also Schmidt, der, wenn er nicht gerade in die Sitzung des Krisenstabs wechselte, mit den Schriftstellern und dem Verleger plauderte, entschlossen war, Schleyer zu opfern. Der Staat, ich zitierte ihn bereits, dürfe ja nicht erpressbar sein (es sei denn, wie 14 bzw. 15 Jahren später geschehen, er knickt vor rechten Horden und ihren Gehilfen in der Presse ein und cancelt wegen deren Terror das Grundrecht auf Asyl). Stattdessen lud der Staat in Gestalt Schmidts Intellektuelle ein, um sie, die vielleicht dachten, sie könnten noch irgendetwas dazu beitragen, eine für viele Menschen lebensbedrohliche Situation friedlich zu lösen, auf den Platz zu verweisen, der für sie im bürgerlichen Kulturbetrieb vorgesehen ist: auf den des Pausenclowns, der, um hier mit Heinz Strunk einen zeitgenössischen Autor zu zitieren, nur auf der Welt ist, um verarscht zu werden. Wie man das anstellt, hat Helmut Schmidt eindrucksvoll bewiesen.

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