Ich falle auf. Und das ist kein Vorteil.

Ein Jahresrückblick 2025

The oddity expedition https://the-oddity-expedition.com/

2025 war kein Jahr der klaren Geschichten.

Es war ein Jahr der Nähe – und Nähe ist selten bequem.

Ich war an vielen Orten in Lagos und Umgebung: Makoko, Mushin, Ilasa Maja, Oshodi, Ikorodu. Orte, die oft in Schlagzeilen zusammengefasst werden, aber selten in ihrer Komplexität betrachtet werden. Ich falle auf – weil ich weiß bin, weil ich eine Frau bin, weil ich wahrscheinlich wie eine „Mami“ aussehe. Sichtbarkeit ist kein neutraler Zustand. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, Projektionen und Risiko – und manchmal auch Missverständnisse. Dieses Jahr hat mir gezeigt, wie sehr meine Präsenz Situationen beeinflusst – nicht durch Stärke, sondern einfach, weil ich da war.

Ajegunle war einer dieser Orte. Ich habe dort einen Monat verbracht. Nicht im Ausnahmezustand, sondern im Alltag, der ständige Aufmerksamkeit verlangt. Ajegunle ist kein Ort der täglichen Eskalation, sondern einer mit unausgesprochenen Regeln. Wer sie nicht kennt, fällt auf. Wer auffällt, wird Teil der Dynamik – ob gewollt oder nicht. Armut bedeutet hier nicht Minderwertigkeit. Menschen organisieren ihr Leben, ihre Gemeinschaft und ihren Alltag mit erstaunlicher Intelligenz – unter Bedingungen, die wir von außen oft falsch einschätzen.

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Der Küchenaufbau fand an einem anderen Ort statt: Mosafejo, Badagry. Dort ging es weniger um Infrastruktur als um soziale Spannungen. Extreme Eifersucht, Misstrauen, Rituale, die man nicht sofort einordnet, und leider auch gefährlichere Situationen. Strom und Wasser waren keine Selbstverständlichkeit; Wasserholen ist kein Bild, sondern ein Ablauf, der Organisation, Zeit und soziale Absprachen erfordert.

Andere Orte waren flüchtiger, aber riskant. In Ghettos wie Ajegunle begegnete ich Na Area Boys, One Chance und Break-a-Bottle-Gruppen. Zwischen Nutten und Hoodlums spürte ich, wie schnell Aufmerksamkeit erzeugt wird – nicht immer freundlich. Zweimal musste ich weglaufen. Nicht aus Mut oder Heldentum, sondern aus Instinkt und Glück. Einmal rettete mich ein Bus im richtigen Moment, beim zweiten Mal blieb die Situation auf allen Seiten diffus. Ich bin keine Sportskanone. Ich war nicht vorbereitet. Ich hatte Glück.

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In Ikorodu fiel Wasser und Strom seit Monaten aus, weil ein Transformer kaputt war. Swampy Areas wie Makoko zeigen, wie Menschen in extremen Bedingungen leben und dabei ihre Würde bewahren – Armut bedeutet nicht Minderwertigkeit, sondern Überlebenskunst.

Nigeria treibt einen manchmal in den Wahnsinn. Zwischen improvisierten Lösungen, fragiler Infrastruktur und menschlicher Kreativität erkennt man schnell, wie wenig Kontrolle man wirklich hat – und wie stark Alltag und Gemeinschaftsstrukturen tatsächlich sind. Dieses ständige Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung, Risiko und Überleben hat mir 2025 meinen Blick geschärft: auf Armut, Macht und Sichtbarkeit.

Was mir 2025 genommen hat, war die Illusion von Kontrolle. Die Vorstellung, dass Erfahrung automatisch Sinn ergibt. Oder dass Nähe zwangsläufig Verständnis erzeugt.

Was geblieben ist, ist ein geschärfter Blick auf Sicherheit, soziale Dynamiken und die Bequemlichkeit, aus der heraus wir über Menschen urteilen, die unter anderen Bedingungen leben.

Ich weiß noch nicht, wofür all diese Erfahrungen gut waren. Vielleicht müssen sie das auch nicht sofort sein. Nicht jede Nähe verlangt nach einer Deutung. Manche verändert einfach still den Maßstab.

In diesem Sinne: Möge das neue Jahr 2026 friedvoll sein für alle – und möge die Aufmerksamkeit, die wir aufeinander richten, mehr Verständnis als Urteile erzeugen.

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Bachatero

Bachatero bewertete diesen Eintrag 01.01.2026 00:39:47

Paradeisa

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