Eine kleine Würdigung der patriotischen Kräfte Europas

Ich bewundere die AfD wirklich. Und die FPÖ. Und eigentlich die gesamte erweiterte Familienaufstellung von Le Pen bis Wilders.

Kaum eine politische Strömung schafft es, sich gleichzeitig als Opfer, Retter, Widerstand, Alternative, letzte Bastion des Abendlandes und eigentlich schon immer Mehrheit zu inszenieren, während sie in jedem Parlament zuverlässig zeigt, wie wenig Lust sie auf konkrete Arbeit hat. Das ist Talent. Das muss man erst mal können.

Die Inszenierung ist erste Liga.

Man ist gleichzeitig unterdrückt und Volkskanzler in spe. Verfolgt und in Umfragen führend. Zum Schweigen gebracht im Hauptabendprogramm, seit fünfzehn Jahren, ununterbrochen. Man baut die "Festung Österreich" und ist trotzdem permanent kurz vor dem Untergang. Diesen Spagat muss man erst mal hinkriegen.

Großartig auch die kompromisslose Haltung gegen "die da oben".

Während man selbst doppelte Bezüge kassiert, Ausschüsse schwänzt und Dienstreisen nach Übersee macht, um sich dort bei fragwürdigen Gestalten über Demokratie belehren zu lassen. Man wettert gegen Postenschacher und schreibt dann Kabinette mit Parteifreunden voll. Man geißelt Steuerverschwendung , und hat mit Kärnten das teuerste Bundeslandexperiment der Zweiten Republik hingelegt. Man verachtet Korruption so sehr, dass man vorsichtshalber auf einer Ibiza-Finca ausführlich darüber spricht, wie sie theoretisch ginge. Konsequenz nennt man das.

Und diese Ehrlichkeit.

Man sagt offen, dass man einfache Lösungen liebt. Grenzen zu, Probleme weg. Komplexe Welt, einfache Parolen. Politik wie ein Facebook-Kommentar unter drei Promille Empörung. Das ist niedrigschwellig. Bürgernah quasi.

Besonders stark: der Mut zur historischen Amnesie.

Faschismus? Nie gehört. Nationalismus? Total missverstanden. Menschenrechte? Ja klar, aber bitte selektiv. Wer dazugehört, entscheiden wir später. Oder spontan. Oder je nach Tagesform.

Dazu die Liederbücher, die Burschenschaften, die Chatverläufe, die Reden, die Kränze, die Hoppalas. Alles Einzelfälle. Mittlerweile eine dreistellige Zahl an Einzelfällen, was statistisch bemerkenswert ist, aber gut. Einzelfall bleibt Einzelfall, auch im Rudel.

Kommunikativ ebenfalls Champions League.

Man schreit "Meinungsfreiheit", wenn man widersprochen wird.

Man schreit "Zensur", wenn Fakten nerven.

Man schreit "Lügenpresse" bzw. "Systemmedien", wenn jemand mitschreibt.

Man will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen, weil er zu staatsnah ist, und würde ihn danach gerne selbst besetzen, weil er dann ja nicht mehr staatsnah wäre. Das ist stringentes Storytelling.

Herausragend auch der Patriotismus.

So national, dass man sich international vernetzt. Fraktionen in Brüssel, Kongresse in Madrid, Freundschaftsverträge mit Moskau. Man hasst die EU so sehr, dass man unbedingt in ihr Parlament einziehen und dort Diäten beziehen möchte. Man verteidigt die Souveränität des eigenen Landes und lässt sich dabei gerne von auswärtigen Großmächten inspirieren, deren Souveränitätsverständnis vor allem darin besteht, die der Nachbarn zu ignorieren. Nationalisten-Internationale nennt man das wohl. Sehr weltoffen für Leute, die Weltoffenheit für eine Krankheit halten.

Und dann die rührende Fürsorge für den kleinen Mann.

Sozialleistungen verachten, Mindestlohn bremsen, Arbeitszeitverlängerung bejubeln, Gewerkschaften hassen, Arbeiterkammer abschaffen wollen, Sozialstaat schlechtreden — und dabei ernsthaft behaupten, man sei die Partei der Arbeiter. Das ist schon fast Performance-Kunst. Der kleine Mann ist übrigens genau so lange klein, bis er Sozialhilfe braucht. Dann ist er plötzlich das Problem.

Der Umgang mit Realität verdient eigenes Lob.

Klimawandel: Ideologie. Virologie: Meinungssache. Statistik: verdächtig. Expertise generell: elitär. Der gesunde Menschenverstand hingegen ist unfehlbar, insbesondere wenn er sich in Sprachnachrichten äußert. Man ist skeptisch gegenüber allem, was überprüfbar ist, und felsenfest überzeugt von allem, was es nicht ist.

Und das Beste kommt beim Regieren.

Da stellt sich nämlich heraus, dass "die da oben" ein Ort ist und keine Haltung. Kaum ist man selber oben, sind die Probleme nicht mehr die Migration, sondern die Ressorts. Die Koalitionen zerlegen sich mit einer Zuverlässigkeit, die man sonst nur von Schweizer Uhren kennt, und danach war man selbstverständlich wieder Opfer. Das System hat einen verraten. Das System, das man gerade selbst gebildet hat.

Kurz gesagt:

Wer Politik nicht als Lösung von Problemen begreift, sondern als Dauerempörung mit Fahnen und Feindbildern, ist hier goldrichtig. Man muss nur eines aushalten: dass die Probleme, über die man sich empört, nie weggehen dürfen. Sonst wär ja die Geschäftsgrundlage weg.

Und dann natürlich das Totschlagargument schlechthin: "Die anderen sind ja auch nicht besser."

Ein Argument von bestechender Eleganz, weil es exakt gar nichts beweist und trotzdem jede Diskussion beendet. Alle sind korrupt, alle lügen, alle machen sowieso, was sie wollen — deshalb wählt man jetzt konsequenterweise ausgerechnet die Truppe, die sich beim Aushandeln der Korruption selbst gefilmt hat. Weil man ein Zeichen setzen will.

Die Beweisführung ist bemerkenswert asymmetrisch. Die Verfehlungen der anderen werden mit der Schublehre vermessen, die eigenen mit dem Fernglas aus großer Entfernung geschätzt. Jede Blamage der Konkurrenz ist Systemversagen, jede eigene ein Einzelfall, eine Kampagne oder ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz. Und wenn gar nichts mehr hilft: Ja eh, aber die anderen.

Das eigentlich Interessante ist die Logik dahinter. Weil alle Parteien angeblich gleich schlecht sind, wird die Latte auf null gelegt — und wer keine Latte hat, kann sie auch nicht reißen. Ab dann muss man nichts mehr liefern. Man muss nur noch empört sein. Und Empörung ist billig, unbegrenzt verfügbar und braucht kein Konzept.

Nur: Wut ist keine Politik. Wut ist ein Gefühl. Man kann damit eine Wahl entscheiden, aber keine Pflegereform schreiben, keine Netze bauen, keine Wohnungen hinstellen und keine Inflation senken. Wenn das Haus brennt, macht man den Brandstifter nicht zum Feuerwehrkommandanten, bloß weil die Feuerwehr beim letzten Mal zwölf Minuten gebraucht hat.

Und dann der eigentliche Trick, der schönste am ganzen Modell: Wenn nach ein paar Jahren die alten Probleme noch da sind und drei neue dazugekommen sind ,dann war das kein Versagen. Dann hat man einen "nicht durchregieren" können. Dann waren es die Altparteien, die Medien, Brüssel, der Beamtenapparat, die Justiz. Das Scheitern wird zum Beweis, dass man recht hatte, und zur Begründung für die nächste, größere Dosis. Es ist die einzige Politikform, bei der Misserfolg als Leistungsnachweis durchgeht.

Wer aus Wut über verschlossene Türen das Haus anzündet, steht am Ende trotzdem draußen. Nur ohne Haus.

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