Willkommen im 2. Teil dieser kleinen Reihe. Im ersten Teil hatte ich einige Mythen abgehandelt, jetzt folgen meine Lieblinge und die gröbsten Fehlschlüsse.

6. Das Heilmittel gegen Krebs gibt es schon längst…

Von Cannabis über Mistel bis Coffee enemas und sogar veganer Ernährung ist das Internet brechend voll von Videos und persönlichen Anekdoten über „natürliche“ „wundersame“ Heilmittel gegen Krebs.

Aber außerordentliche Behauptungen verlangen nach außerordentlichen Beweisen - Youtube-Videos und Facebook-Posts sind ausdrücklich keine wissenschaftlichen Beweise und haben absolut gar nichts mit qualitätsgeprüften, wissenschaftlichen, peer-review Artikeln zu tun.

In vielen Fällen ist es unmöglich nachzuprüfen, ob Patienten, die in solchen netten, anekdotischen Geschichten vorgestellt werden, durch eine bestimmte alternative Behandlung "geheilt" wurden oder nicht. Wir wissen nichts über ihre medizinische Diagnose, das Stadium der Krankheit oder deren Prognose, oder ob diese Menschen tatsächlich Krebs hatten. Darüber hinaus wissen wir ebenso nicht, welche anderen Krebsbehandlungen bekommen hatten.

Was wir hören sind einzig und allein die Erfolgsgeschichten - was ist mit den Leuten, die es ausprobiert haben und nicht überlebt haben? Die Toten können nicht sprechen, und zu oft stellen Leute kühne Behauptungen über "Wunderheilungen“ auf, und vermitteln ausschließlich das „best of“ der Fälle ohne das Gesamtbild zu präsentieren.

Dies unterstreicht noch einmal die Bedeutung von Veröffentlichungen von Daten aus wissenschaftlichen und umfangreichen, peer-review Laborforschungen und klinischen Studien. Erstens, weil die Durchführung von klinischen Studien es ermöglicht Forschern zu beweisen, dass eine prospektive Krebsbehandlung sicher und effektiv sein kann. Und zweitens, weil die Verfügbarkeit dieser Daten den Ärzten auf der ganzen Welt erlaubt zu beurteilen, sowohl für sich selbst als auch für ihre Patienten, ob diese Ergebnisse einen Nutzen bringen oder nicht.

Dies ist der Standard, dem alle seriösen Krebsbehandlungen folgen sollten.

Das soll aber nicht bedeuten, dass die Natur keine Quelle von potenziellen Arzneimitteln ist. Von Aspirin (Weidenrinde) zu Penicillin (Schimmelpilz) bis zum Krebsmedikament Taxol, das anfänglich aus der Rinde und Nadeln der pazifischen Eibe extrahiert wurde, wurde die Menschheit durch Zufall oder Einfall laufend neuer Wirkstoffe fündig.

Aber das ist weit davon entfernt zu sagen, dass man permanent die Rinde der Eibe kauen soll, um einen Tumor zu bekämpfen. Es ist eine wirksame Behandlung, weil der Wirkstoff in klinischen Studien aufgereinigt und getestet wurde. Also wissen wir, dass es sicher und effektiv und welche Dosis zu verschreiben ist.

Natürlich kann jeder an Krebs erkrankte Mensch mit allen möglichen Mitteln versuchen wieder gesund zu werden. Und es ist völlig verständlich und menschlich, überall nach einer Heilung suchen. Jedenfalls darf ich hier den Rat loswerden, vorsichtig zu sein bei irgendetwas, das eine "Wunderheilung" verspricht, besonders wenn Leute versuchen, es Ihnen für viel Geld zu verkaufen und keine Belege für die Wirkung verfügbar sind. Da wären wir wieder beim Kapitel „Anekdoten“.

Wikipedia bietet eine hervorragende Liste der ineffektiven Krebsmittel, welche teilweise noch immer als „Heilmittel“ verkauft und angewendet werden.

… und die bösen Pharmakonzerne halten es absichtlich unter Verschluss

Hand in Hand mit dem Mythos, dass es ein Füllhorn von Wunder-Heilungen gibt, welche Regierungen, die pharmazeutische Industrie und sogar Wohltätigkeitsorganisationen zusammen absichtlich nicht auf den Markt bringen, um die Heilung von Krebs zu verhindern, geht die Verschwörungstheorie, dass mit aktuell bestehenden Behandlungen mehr Geld gemacht werden muss.

Wie und was auch immer als besondere "Heilung" angepriesen wird, die transportierte Logik ist in der Regel immer die gleiche: es ist leicht verfügbar, billig und kann nicht patentiert werden, sodass die medizinischen Institute es absichtlich nicht weiter verfolgen, um weiterhin mit der Vermarktung von unwirksamen Medikamenten die eigenen Taschen zu füllen. Aber, wie viele vernünftige Menschen schon geschrieben haben, gibt es keine Verschwörung - manchmal funktioniert es so einfach nicht.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die pharmazeutische Industrie einige Probleme mit der Transparenz ihrer Finanzen und bei manchen klinischen Studien hat und berechtigte Kritik einstecken muss. (Um einen Einblick zu bekommen, empfehle ich dazu das Buch „Bad Pharma“ von Ben Goldacre - leider nur auf Englisch).

Allerdings können Sie sich sicher sein, dass die zuständigen Regulierungsbehörden und Pharmaunternehmen spürbarem Druck ausgesetzt sind, um sicherzustellen, dass wirksame Medikamente zu einem fairen Preis so schnell wie möglich den Patienten zur Verfügung gestellt werden – sehr wichtig dabei ist, sich daran zu erinnern, dass die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente eine Menge Geld kosten, das die Unternehmen wieder zurückbekommen müssen.

Probleme mit der konventionellen Schulmedizin beweisen aber nicht automatisch, dass Alternativmedizin wirkt. Um eine Metapher zu benutzen: Nur weil man mit Autos manchmal einen Unfall hat, bedeutet das nicht, dass fliegende Teppiche eine tolle alternative Transportoption sind.

Es macht überhaupt keinen Sinn, dass Pharmaunternehmen eine potenzielle Heilung zurückhalten wollen. Die Entdeckung einer hochwirksamen Therapie würde einen enormen weltweiten Umsatz garantieren.

Und das Argument, dass Behandlungen nicht patentiert werden können, steht auf dünnem Eis. Pharma-Unternehmen sind nicht dumm, und sie sind schnell und kreativ beim Einschlagen neuer vielversprechender Wege für effektivere Therapien. Es gibt immer Möglichkeiten Moleküle zu modifizieren und zu patentieren, was ihnen einen soliden RoI (return on investment) geben würde um diese weiter zu entwickeln und in klinischen Studien zu testen (die Kosten gehen in die Millionen), wenn die Behandlung vielversprechende Ergebnisse liefert.

Hier ist es auch wert zu erwähnen, dass viele Wohltätigkeitsorganisationen finanzielle Mittel für die Krebsforschung auftreiben und selbst forschen und z.B. staatlich finanzierte Institute frei von Innovationsdruck und Wettbewerb sind und somit vielversprechnede Therapien ohne Gewinnmotiv untersuchen. In dem Zusammenhang wäre es schwer zu verstehen, warum Kassenärzte - die oft Generika, sprich patentabgelaufene Medikamente, verschreiben - keine billigen Behandlungen nutzen würden , wenn diese sich in klinischen Studien als äußerst wirksam bewährt haben.

Zum Beispiel gibt es groß angelegte Studien mit Aspirin - ein Medikament, das erstmals 1897 hergestellt wurde, und jetzt eines der meist verbreiteten Off-Patent-Medikamente der Welt ist. Aktuell konzentriert sich die Forschung darauf, ob Aspirin Darmkrebs bei Menschen mit hohem Risiko verhindern kann, wie gut es die Nebenwirkungen bei einer Chemotherapie reduzieren kann, und ob es sogar die Rückkehr von Krebs unterbinden kann und somit das Über- bzw. Weiterleben verbessern kann.

Schließlich sollten wir uns alle wieder darauf besinnen, dass wir alle Menschen sind - sogar Politiker, Schauspieler, Milliadäre und Führungskräfte von Pharmakonzernen - und Krebs kann JEDEN treffen. Auch Menschen in Pharmaunternehmen, Regierungen, Wohltätigkeitsorganisationen und Superreiche, und sogar Menschen des "medizinische Establishments" können an Krebs sterben. Krebs macht keinen Unterschied.

Überall auf der Welt haben wir geliebte Menschen und Kollegen gesehen, die gegen den Krebs kämpfen bzw. gekämpft haben. Viele von ihnen haben überlebt. Viele haben es nicht. Zu behaupten, dass wir als Menschen - gemeinsam und individuell - die "Heilung" absichtlich verstecken, ist nicht nur absurd, sondern auch ein Angriff auf die globale Gemeinschaft der engagierten Wissenschaftler, auf die Angestellten und die Unterstützer von Krebsforschungsorganisationen, und vor allem auf Krebspatienten und ihre Familien.

8. Eine Krebsbehandlung schadet mehr als sie nutzt

Um eines gleich klarzustellen, eine Krebsbehandlung, sei es eine Chemotherapie, Bestrahlung oder eine Operation, ist kein Spaziergang am Sonntag Nachmittag. Die Nebenwirkung können sehr an die Substanz gehen und können sehr unangenehm sein. Darüber hinaus und trotzdem sind diese Behandlungen aber dafür etabliert um primär Krebszellen zu töten und leider werden auch gesunde Zellen in Mitleidenschaft gezogen.

Und manchmal, traurigweise, helfen auch gar keine Therapien. Es ist oft sehr schwierig Krebs im fortgeschrittenem Stadium in den Griff zu bekommen, wenn sich bereits im ganzen Körper Metastasen verbreiten. Hier wird palliativ behandelt um die Symptome zu lindern, möglichst schmerzfrei zu bleiben und das (Über)Leben so lange wie möglich zu verlängern, aber es gibt in diesem Bereich keine Heilung mehr.

Die Behauptung im Internet, dass Chemotherapien nicht effektiv sind und nur schaden sind hochgradig irreführend und veraltet. Dazu gibt es zwei wirklich gute Science-Blogs: Eins, Zwei.

Es ist wichtig, dass man weiß, dass Medikamente zunehmend wirken, und helfen. Zum Beispiel liegt die Heilungsrate bei Hodenkrebs bei 96%, im Vergleich zu nur 70% in den 1970er Jahren, dank eines Medikaments namens Cisplatin. Anderes Beispiel: Drei Viertel der Krebsfälle bei Kindern sind heutzutage heilbar, verglichen mit dem einen Viertel in den späten 60ern - viele Kinder von damals sind heute am Leben, dank einer Chemotherapie.

Wir alle sind uns bewusst, dass es noch ein sehr langer Weg ist, bis wir bessere, schonender Behandlungen für alle Arten von Krebs haben werden. Dazu ist es sehr wichtig, dass Ärzte, Patienten und deren Familien realistisch bleiben und offen und ehrlich über die besten Behandlungsmethoden Bescheid wissen, vor allem wenn der Krebs schon sehr fortgeschritten ist.

Manchmal ist besser eine Behandlung zu wählen, die die Schmerzen und Symptome lindert als mit allen Mitteln zu versuchen den Krebs zu "heilen". Die Balance von Qualität und Quantität der eingesetzten Mittel in Abstimmung mit dem Patienten wird immer eine große Herausforderung bei Krebstherapien darstellen - jeder Patient entscheidet am Ende für sich selbst.

9. Es gibt keinen Fortschritt im Kampf gegen Krebs

Das ist schlicht und ergreifend einfach nicht wahr.

Während der letzten 40 Jahre hat sich die Überlebensrate bei Krebs z.B. in GB fast verdoppelt, dank des wissenschaftlichen Fortschrittes. Die Todesraten sind im vergangenen Jahrzehnt um mehr als 10% geringer geworden. Anders ausgedrückt, die Hälfte der Patienten überlebt heutzutage mindestens 10 Jahre.

Wenn man sich diese Graphen und Zahlen ansieht, die bereits mehr als 10 Jahre alt sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Patienten heute wieder bessere Überlebenschancen haben, auf Grund des rasanten Fortschrittes in den letzten 5 Jahren.

Es gibt ein sehr gute Doku über die Geschichte über die Entwicklung von Therapien gegen Krebs: The Enemy Within: 50 years of fighting cancer. Sie dokumentiert die Anfänge der Chemotherapien in den 50ern und 60ern und deren Entwicklung zu den heutigen modernen Medikamenten. Sie zeigt wie weit wir heute schon sind. Hier noch 2 Blogs von mir: Impfung gegen Krebs? und Was ist CRISPR?

Wie gesagt, der Weg ist weit und das Ende vermutlich noch lange nicht in Sicht. Es gibt nach wie vor Krebsarten, an denen sich die Forschung die Zähne ausbeißt und nur minimale Fortschritte zu verzeichnen hat - z.B. Lungenkrebs, Gehirntumore, Pankreas- und Ösophagialcarcinome. Und wen man dann noch einen geliebten Menschen wegen Krebs verliert, dann fühlt es sich so an, als ob es überhaupt keine Fortschritt gibt.

Das ist der Grund, warum Millionen von Forschern auf der ganzen Welt sehr hart daran arbeiten den Krebs zu verstehen und zu schlagen, um irgendwann einmal keinen Verlust mehr wegen dieser Krankheit betrauern zu müssen.

10. Haie bekommen keinen Krebs

Doch, sie bekommen Krebs.

Hier ein guter Artikel über den Mythos der krebsfreien Haie und warum er sich so hält.

Das war Teil 2. Ich denke ich werde noch einen Appendix schreiben, in dem es um das krebserregende WLAN, Stromleitungen, Handies und Krebscluster geht.

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