STOPES!

Nein, nein, das ist kein Rechtschreibfehler.

Vielmehr spreche ich von Marie Stopes (* 1880), von der zu hören mich schon erstaunte.

Nicht nur, weil sie den ersten Berater zur Empfängsnisverhütung (natürlich nur für Verheiratete) herausbrachte. Der, natürlich, heftig umstritten war. Sowas gehörte sich vor hundert Jahren nicht. Denn die eheliche Vereinigung sollte (nicht lachen!) tatsächlich nur bei Kinderwunsch erfolgen, ansonsten war Sex eben pfui!

Hundert Jahre ist das erst her.

Noch weniger der Skandal des D.H. Lawrence, der 1928 mit seinem Roman "Lady Chatterleys Liebhaber" die Menschen empörte. Verschiedene, bereinigte Fassungen, z.T. mit Erläuterungen hinsichtlich der erotischen Darstellungen (die ausdrücklich keine pornografische Intention hatten, sondern den Blick auf die Balance zwischen Körper und Geist richten sollten), erschienen ab 1928 und landeten immer wieder auf der Verbotsliste verschiedener Länder.

Erst ab 1960 bis 1972 öffneten sich die Verlage für die unveränderte letzte Version des Buches.

Erstaunlich ist zweierlei.

1. Lawrence hat natürlich auch über die sexuellen Begegnungen seiner Protagonisten geschrieben, aber im Wesentlichen über die Situation der Bergbauregionen in der damaligen Zeit. Fragen Sie mal jemanden, der das Buch gelesen hat, was davon ihm hauptsächlich in Erinnerung geblieben ist.

2. Stopes und Lawrence haben gemeinsam, dass sie eine neue Sexualität thematisieren: das zugewandte, für beide genußvolle sexuelle Zusammensein auf Augenhöhe, das nicht mehr allein der Fortpflanzung dient.

Sie sind damit beide ihrer Zeit weit voraus gewesen, denn auch die vermeintliche sexuelle Befreiung der Sechziger Jahre änderte am passiven Rollenbild der Frau nichts. Sie wurde für Männer unter dem Deckmäntelchen der sexuellen Revolution nur leichter verfügbar. Eine tatsächliche Befreiung aus den alten Rollenbildern, im Bett und außerhalb, fand jedoch da noch lange nicht statt.

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Dass Stopes neben ihren langjährigen Bemühungen um die Schwangerschaftsverhütung auch harte Eugenikerin war ("auf der gleichen Linie wie Hitler"*) mag erstaunen.

Andererseits: Vielleicht auch nicht. Stimmen, dass bei Mäßigung der weißen Rasse in der Fortpflanzung und ungehemmter Vermehrung "der Anderen" die weiße Rasse bald ausgestorben sein wird, gibt es auch heute wieder, nicht nur bei Thilo Sarrazin.

Nach hundert Jahren ungehemmter Vermehrung "der Anderen" dürfen wir jedoch feststellen, dass es uns immernoch gibt.

* "Alles ist relativ und anything goes" John Higgs

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