Wenn sie ihm geglaubt hätten, ihn ernster genommen hätten, denke ich mir, wäre unsere Welt womöglich eine vollkommen andere. Aber was will man erwarten? Die Menschen sind, wie sie sind. Was sie nicht verstehen, sich nicht vorstellen können, wischen sie einfach vom Tisch. Und machen den, den sie nicht begreifen können, lächerlich.

Bei Bill fiel das nicht schwer. Er, der sich gedanklich in völlig anderen Welten bewegte, hatte nicht den Zugang zu diesen ganz einfachen alltäglichen Gemeinheiten. Zu seiner Denkwelt gehörte unbedingte Wahrhaftigkeit. Alles andere machte für ihn keinen Sinn. Vielleicht ja deshalb, weil ihn Berühmtheit und Erfolg nicht interessierten. Alles nur Ballast. Als er von zu Hause fortging und seinen Koffer packte, machte es ihn eher glücklich festzustellen, wie wenig der Mensch doch eigentlich braucht. Nur um die Manuskripte tat es ihm leid. Es waren einfach zu viele.

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Als ich nachts wach wurde, den Knopf noch immer im Ohr, und hörte, was diesem Kind widerfuhr, wusste ich, dass ich die Geschichte noch einmal ganz von vorn hören musste.

Die Geschichte von William Sidis, dem klügsten Menschen der Neuzeit, an den sich schon heute, ein Jahrhundert später, keiner mehr erinnert. S., geboren 1898, konnte bereits mit 9 Monaten sprechen, mit 18 Monaten lesen, mit vier brachte er sich selbst Latein bei, mit 6 beherrschte er zehn Sprachen, mit 11 sprach er vor einem ausgewählten Gremium von Wissenschaftlern über seine Vorstellung von der 4.Dimension.

Er dachte über dunkle Materie nach, Jahrzehnte bevor sich die Thesen von Urknall, Expansion des Weltalls und Restrauschen in der wissenschaftlichen Welt verfestigten. Sogar Multiversen, bei deren Erwähnung Astrophysiker noch heute einen verschämt-verträumten Blick bekommen, hielt er für möglich. Er forschte im Bereich verschiedener urzeitlicher Menschenpopulationen, hatte stets irgendwelche statistischen Betrachtungen im Kopf, wenn er z.B. weg geworfene Straßenbahnkarten systematisierte. Und nebenher arbeitete er als Dolmetscher in allerhand Sprachen.

Sidis wollte weder Ruhm, noch Geld. Der Rummel um ihn und seine Intelligenz war ihm schon als Kind unangenehm; als Erwachsener wechselte er den Job, sobald man ihn erkannte oder seine Fähigkeiten anders als in normalen Bürojobs einsetzen wollte. Ganz entschieden wandte er sich gegen jegliche Mitwirkung am Kriegsgeschehen. Firmen, die für die Rüstung arbeiteten, lehnte er als Arbeitgeber ab. Was in einem Leben, in dem zwei Weltkriege stattfanden, immer wieder Probleme aufwarf.

Seinen IQ schätzte man auf unglaubliche 250; einen Test hat er nie gemacht. Sein Output sprach für ihn.

Und ich, die ich glauben möchte, dass der heutige Mensch nicht das Ende der Evolution ist, stelle mir vor, wie unsere Welt geworden wäre, hätte sie damals mit einem Schlag viele von seiner Sorte hervor gebracht: Klug, friedfertig, bescheiden in ihren Ansprüchen ...

("Das perfekte Leben des William Sidis"

Morten Brask

Nagel & Kimche

2017 )

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