Zum Todesurteil gegen Saif Gaddafi: Begegnung mit einem Player

Als ich ihn 2006 zum Interview traf, galt er als „der Sohn von“, als der harmlose Diktatorensohn mit den weißen Tigern, der Spezi von Jörg Haider, der in Österreich die gute Luft genoss. Für bedeutsam hielt ihn in Österreich niemand, dieses Attribut war für seinen Vater reserviert, Kolonel Muammar Gaddafi, Alleinherrscher über Libyen, mutmaßlicher Vater des Anschlags von Lockerbie. Als Treffpunkt wurde uns die Lobby des Hotel Intercontinental in Wien genannt. Erst kam sein Bodyguard/Assistent und erklärte, dass Termine in der arabischen Welt unter "Absichtserklärung" liefen. Eine halbe Stunde später kam Saif Gaddafi, entschuldigte sich ausgesucht höflich und schwärmte von den sauberen Straßen Wiens. So saubere Straßen, meinte er, wünschte er sich in Tripolis, das wäre doch was, eine saubere libysche Hauptstadt. Es war ein interessantes Gespräch über seinen Vater, seine Sicht auf die Politik, nein, die interessiere ihn weniger, meinte er lässig, er sei mehr für Architektur zu begeistern und eben für so Sachen wie saubere Straßen. Dann erzählte er noch, dass er Skifahren gehen wollte, wenn er schon mal da sei, aber vorher wolle er noch auf den Opernball.

Dort liefen wir uns in einem der überfüllten Gänge über den Weg, er hatte eine unbekannte Blonde dabei, grüßte freundlich, wir wechselten ein paar Worte. Da sieht man es, dachte ich, damals noch naiv, der hat mit Politik tatsächlich nichts am Hut. Das ist einfach ein hauptberuflicher Sohn, der sein Leben genießen will und das einzige, was man ihm vorwerfen kann ist, dass er nicht fragt, woher das Geld dafür kommt.

Ein zweites Mal begegnete ich Saif Gaddafi über ein Jahr später. Im Hotel LeMeridien lief ein Promiclub, der internationale Kaliber anzog und deshalb auch uns Journalisten. Mitten im Getümmel stand plötzlich Saif Gaddafi vor mir, begrüßte mich freudig und ließ sich bereitwillig ausfragen. Er hatte kurz vorher in irgendeiner Sache gegen seinen Vaters aufbegehrt, und nun wollte ich wissen, ob es deshalb nun mit seinem Dad Probleme gäbe. Nein, nein, sagte er lachend, alles in Ordnung, und ich hegte wieder einmal den Verdacht, dass vieles, was wir über die Medien vermittelt bekommen, nichts als klug eingesetzte Spiele mit der öffentlichen Meinung sind, mit Playern, die für unsereins nicht greifbar bleiben. Inzwischen war auch in Österreich durchgesickert, dass Saif als potenzieller Nachfolger seines Vaters galt. Statt wie in den Jahren zuvor einfach "Saif" wurde er in Presseberichten nun "Saif-al-Islam", Schwert des Islam, genannt, das klang gleich viel gewichtiger. Offizielle Interviews gab er keine mehr.

An Saif Gaddafis Tisch im Club saßen zwei Araber, ich vermutete, dass es sich um Bodyguards handelte, und zwei junge Frauen, die russisch aussahen. Erst später sollte ich erfahren, dass eine der beiden Frauen in der selben Nacht lebensgefährlich verletzt wurde, als sie - so behauptete die Wiener Staatsanwaltschaft - versuchte, in berunkenem Zustand über einen Baum auf den Balkon der Wiener Wohnung von Saif Gaddafi zu gelangen. Warum sollte sie auf einen Baum klettern, wenn sie wahrscheinlich ganz normal mit den anderen zusammen in die Wohnung gelangt war, dachte ich noch. Viel eher konnte ich mir vorstellen, dass sie sehr wohl in der Wohnung gewesen und vom Balkon gestürzt war, aber Beweise für diese These hatte ich natürlich keine. Aufgeklärt wurde die Sache nie. Die junge Frau lag eine Weile in einem Wiener Spital, sagte, sie könne sich an nichts erinnern und verschwand irgendwann. Saif Gaddafi wurde zu der Angelegenheit nie befragt, er hatte noch in der selben Nacht ein Flugzeug bestiegen und war abgeflogen. Walter Meischberger, Jörg-Haider-Intimus, notierte dazu in seinem Tagebuch, dass einem Medienhaus mit 45 Millionen die Titelgeschichte abgekauft worden sei und ein Bauunternehmer seinen Privatjet für Saif Gaddafis überstürzten Aufbruch zur Verfügung gestellt hatte. So sind sie, die Söhne von, dachte ich, für die steht immer irgendwo ein Privatjet bereit, der sie der Verantwortung im wahrsten Sinn des Wortes enthebt.

Ein Jahr später gab Saif Gaddafi bekannt, er hege keinen Wunsch, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, ein Land sei ja kein Bauernhof, den man weitervererbt. Auf großem Fuß lebte er nach wie vor. Und wieder drei Jahre später sah ich im Fernsehen, wie Saif Gaddafi von libyschen Rebellen abgeführt wurde. Dieser Mann hatte keine Ähnlichkeit mit dem kultivierten, aber etwas farblosen Jetsetter im Hotel Intercontinental, er trug Bart und Turban un einen wilden Blick im Gesicht und schrie irgendetwas in Richtung der auf ihn gerichteten Kamera. Er trug einen Verband, angeblich hatte er mehrere Finger verloren, die Rebellen schleppten ihn in die Berge von Zintan, täglich rechnete man damit, dass irgendjemand ihn ohne Prozess über den Haufen schoss wie kurz davor seinen Vater.

Es war seltsam, dass ich trotz des Ernstes der Lage so etwas wie Achtung für ihn empfand. Aus "dem Sohn von" war ein Mann geworden. Klar, auch diesmal hatte er versucht, aus dem Land zu kommen. Aber er hätte schon viel früher abhauen können, einen Privatjet leihen wie seinerzeit in Wien und einfach davonfliegen. Er hatte es nicht getan, war in den letzten Monaten an der Seite seines Vaters geblieben, in einem von Stunde zu Stunde aussichtsloseren Kampf. Ich gebe zu, das hatte ich von dem partyfreudigen Lebemann, dem ich in Wien begegnet war, nicht erwartet.

Ob die Rebellen, die Muammar Gaddafi umbrachten, die bessere Alternative für ihr Land sind, bezweifle ich. Seit dem Tod des Diktators versinkt das Land im Chaos, verloren womöglich mehr Menschen ihr Leben als während der gesamten 42-jährigen Herrschaft des "Kolonels". Der Prozess gegen Saif Gaddafi und andere Vertreter des alten Regimes - eine Farce. Tod durch Erschießen, das Urteil wurde in Abwesenheit des Angeklagten verhängt. Die Milizen, die ihn seit 2011 festhalten, erkennen die Regierung in Tripolis nicht an und weigern sich, ihren wertvollen Gefangenen auszuliefern. Gut möglich, dass es in diesem Spiel noch zu einer Wendung und Saif Gaddafi doch noch vor ein internationales Gericht kommt und wir endlich erfahren, wie das alles wirklich lief, damals im libyschen Wüstensand, und wer die Rebellen finanzierte, die Muammar Gaddafi ohne Prozess einfach abknallten. Aber selbst wenn es soweit kommen sollte, wird auch hier der Verdacht entstehen, dass vieles, was wir vermittelt bekommen, ebenso nur klug eingesetzte Spiele mit der öffentlichen Meinung sind. Nur mit anders verteilten Rollen. Und neuen Playern, die für unsereins nicht greifbar bleiben.

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