Kein Mensch ist legal oder: Dingdong, die deutsche ICE ist da

Es kann manchmal nicht schaden, sich in den Schmutz zu begeben, den „Bild“ verbreitet: Die heutige Schlagzeile lautet „Dingdong. Hier klingeln die Bürgergeld-Kontrolleure. Besuch bei den Drückebergern – Bild war dabei“. Man sieht auf dem Foto, das diese Worte illustriert, ein Treppenhaus, in dem schon länger nicht gestrichen wurde, eine wurmstichige Altbautür und einen Mann im T-Shirt, der in dieser Tür steht und dessen Gesicht verpixelt ist. Vor seiner Tür stehen vier Personen: ein Mann und eine Frau in gelben Westen mit aufgedruckten Wappen, die sie als Behördenbedienstete ausweisen, flankiert von zwei bulligen Männern in schwarzen Jacken, von denen man vermuten darf, dass sie die beiden offiziellen Drückebergerjäger unterstützen, wenn nicht gar beschützen sollen. Was genau der Mann in der Tür getan hat, bleibt unklar, da der Artikel auf „bildplus“ freigekauft werden muss, was in einem Land, in dem Dokumentationen über die Arbeit uniformierter Staatsbediensteter als geeignete Fernsehunterhaltung gelten, nicht verwundert. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um die Untaten eines „Drückebergers“, sondern darum denjenigen, die kaum mehr besitzen als ihre Arbeitskraft, zu drohen. Wer diese nicht für einen Spottpreis verkaufen will, hat mit der geballten Staatsmacht zu rechnen: Vier Bedienstete, deren Einsatz sehr wahrscheinlich mehr kostet als die Summe, die der mutmaßliche „Betrüger“ hinterzogen hat, bauen sich vor seiner Tür auf und pfeifen auf das Recht zur Unversehrtheit seines bisschen Wohnung. Die Botschaft ist eindeutig: Es darf, wer sich dem Arbeitswahn entzieht, mit Schonung nicht rechnen.

Es kann manchmal nicht schaden, sich in den Schmutz zu begeben, den „nius“ verbreitet: Vor vier Tagen befasste sich dort ein Autor mit dem „Playbook Minneapolis: Warum Abschiebungen von ICE scheitern – und was das über eine Gesellschaft im Wahn verrät“. Mit dem „Wahn“ sind nicht die Auslassungen hiesiger Rechtsextremer („Abschieben, bis die Startbahnen glühen“, AfD) gemeint, sondern die Demonstrationen und der zivile Widerstand gegen willkürliche Verhaftungen unter den Maßgaben des „racial profiling“. Nach dem Lamentieren über „Sabotage in Antifa-Manier“ und unverhohlenem victim blaming („jedem normalen (sic! TS) Menschen sollte klar sein: sich diesen breitgebauten ICE-Gorillas entgegenzustellen ist nicht nur dumm, sondern gefährlich“ ) geht es am Ende des Textes um die Nutzanwendung für Deutschland, welche lautet, dass „hässliche Bilder derjenige in Kauf nehmen muss, der die Ausweisung Illegaler oder Krimineller fordert“, „vor allem bei forcierten Abschiebungen unter einer AfD-Regierungsbeteiligung.“ Wer davon betroffen sein könnte, lässt der Autor bewusst im Unklaren, sondern schreibt lediglich von einer „wie auch immer geartet(en) Ausweisungsoffensive“ bzw. von einer „Umkehr von Migrationsbewegungen“. Das kennt man: Auch das sellnersche „Remigrations“-Geraune lässt bewusst im Unklaren, ob nicht auch „nicht assimilierte“ deutsche Staatsbürger ihrer Rechte verlustig gehen könnten, wenn sie ins „Stadtbild“ (Merz) nicht mehr passen. Da hätte es den subtilen Hinweis auf den Mythos vom „Großen Austausch“ (die „Tatsache, dass ausbleibende Abschiebungen früher oder später demografische Fakten schaffen“) gar nicht mehr gebraucht.

Beide Artikel haben den Zweck, Angst zu verbreiten: Angst in der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg, Angst unter Migrant*innen vor dem Moment, in dem ihnen ihre Rechte genommen werden. Angst diszipliniert und Disziplin (i.e. Unterwerfung) ist bereits als Mittel der Krisenbewältigung ausgemacht worden: Verlängerung der täglichen Arbeitszeit, Erschwerung von Teilzeit, dazu sozialer Kahlschlag bei gleichzeitigen Steuererleichterungen für Reiche – da stören Wahrheiten wie die, dass die Zahl der Bürgergeldempfänger, die Leistungen gar nicht erst in Anspruch nehmen, weitaus höher liegen soll als die derjenigen, die Leistungen missbräuchlich beziehen, nur das Gesamtgedröhne. Und natürlich wissen das Kapital und seine Medien, dass der Pflegesektor und die Paketdienste, die Landwirtschaft und die Gastronomie ohne die billige Arbeitskraft der „Illegalen“ kaum existieren könnten. Die rechte Begeisterung für ICE und die öffentlich inszenierte Jagd auf „Drückeberger“ sollen aber nicht nur disziplinieren, sondern die Aggressionen gegen diejenigen kanalisieren, von denen man hofft, dass sie die Willkür der Behörden eher trifft als einen selbst. Es wäre nicht der erste Mythos der gedankenarmen Mittelschicht, der sich in Luft auflöst.

Auch hier zu finden: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/

0
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
0 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Noch keine Kommentare

Mehr von thomas schweighäuser (ex Gotha)