Vielleicht ist es das ja auch schon wieder gewesen mit der Popmusik. Alles hört sich an wie schon einmal gehört: im günstigsten Fall imitieren Mittelschichtskinder Postpunk oder üben Gitarrengriffe fürs x-te Folkrevival, im schlechtesten Fall grölen sie Nazirock oder Ballermannschlager oder Ballermannschlager mit Nazitexten. Alles schon einmal dagewesen, alles retro.

Weitaus witziger sind doch Musikstücke, die so klingen, als seien sie vor Jahrzehnten entstanden und nun wiederentdeckt worden. Ein frühes Beispiel lieferten „The Dukes of Stratosphear“, hinter denen sich XTC verbargen, um ihre Leidenschaft für Psychedelic-Rock auszuleben.

Diese Leidenschaft teilten sie mit The Damned, die sich als „Naz Nomad and the Nightmares“ dem psychedelischen Garagerock widmeten.

Ähnlich produktiv und einflussreich wie Psychedelic war der deutsche Krautrock. In der DDR faszinierte er den jungen Martin Zeichnete so sehr, dass er auf die Idee kam, die sich wiederholenden Rhythmen zur Leistungssteigerung von Athleten einzusetzen, was zum Projekt „Kosmischer Läufer“ führte. Gerüchte, dass sich hinter dem „Martin Zeichnete“ der 1970er Jahre der Musiker Drew McFadyn aus den 2010er Jahren verbirgt, konnten bislang nicht widerlegt werden.

In der Mockumentary „Fraktus“ geht es um die angeblichen Vorläufer des Techno aus der Zeit des deutschen Postpunks (auch als „NDW“ bekannt). Der Film lebt vom Witz der drei Hauptdarsteller von „Studio Braun“ (der sehr begabte Musiker Jacques Palminger, der begabte Musiker und Autor Rocko Schamoni und der sehr begabte Autor Heinz Strunk).

These: Retrofakepop funktioniert mit Popepochen, deren ungebändigte Kreativität so nachhaltig gewirkt hat, dass selbst Falsifikate immer noch originell klingen. Was wäre witzig an einer Band, die so klingt wie die Scorpions oder anderer Rockschrott?

PS: Timo Blunck von der deutschen Postpunkband Palais Schaumburg hat mit „Charlie Keller“ ein Genre zu kreieren versucht, das es leider nie gegeben hat: Der DDR-Schlager mit eindeutiger sozialistischer Botschaft bleibt eine Illusion, kam doch im Schlager die "Wiedervereinigung" schon früh zustande: öde war er links wie rechts der Mauer.

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