Mag sich der Antisemitismus in Deutschland (resp. Österreich) noch als – mittlerweile enthemmte – „Israelkritik“ tarnen oder in Verschwörungstheorien über jüdische Superschurken austoben, so ist der Umgang mit einer anderen von den Nazis systematisch ermordeten Menschengruppe mittlerweile von einer auch medial begleiteten Vorverurteilung gekennzeichnet, die anhand einiger Fälle von „Sozialbetrug“ pauschalisierende Urteile über Sinti und Roma fällt. Exemplarisch dafür mag das Zitat von Thilo Sarrazin stehen, mit dem „welt.de“ für ein Interview warb: „In Duisburg leben 27.000 Sinti und Roma – und am Ende leben sie alle vom Staat.“ Man mag zwar fragen, ob das nicht doch erträglicher wäre als ein Leben, in dem man durch das Verfassen sozialdarwinistischer Sachbücher Geld scheffelt, die Verknüpfung bestimmter Reizwörter („Roma“ – „vom Staat leben“ – „Duisburg“ ) zielt aber darauf ab, die Ressentiments derjenigen zu erregen, die es nicht ertragen können, das irgendjemand, der als fremd wahrgenommen wird, Mittel erhalten könnte, die sie freiwillig nie gegeben hätten.
Neben der wie zwanghaft wiederholten Empörung über „massenhaften Sozialbetrug“, die in einem Land, in dem Steuervermeidung eine Art Volkssport zu sein scheint, etwas befremdlich klingt, gibt es auch andere Fälle von mehr oder weniger offenem Antiziganismus: Ein Komiker behauptet, man werde wegen der Bezeichnung „Zigeunerschnitzel“ verurteilt, ein Talkmaster doziert darüber, dass das Verhalten der Roma und Sinti die Wahlerfolge der AfD in Ruhrgebietsstädten ermöglicht habe und die AfD überzieht Landtage und Kommunalparlamente mit Anfragen, die so gezielt nach der Zahl und den Einkommensverhältnissen von Sinti und Roma fragen, dass man meinen könnte, sie wolle die berüchtigte „Landfahrerkartei“ wieder einführen.
Haben wir es hier mit dem diffamierenden Alltag von Diskriminierung und Diffamierung zu tun, so sind manche europäischen Rechtsextreme schon weiter: Auf einer österreichischen (?) Plattform (der Name ist mir gerade entfallen) las ich den Satz „Standen damals halt blöd im Weg herum, was solls“, als es um die Vernichtung der Sinti und Roma (unter anderem im „Zigeunerlager Auschwitz“ ) im Nationalsozialismus ging. Aus diesem salopp formulierten Satz spricht der mittlerweile enthemmte Geist eines Milieus, das sich um Gestalten wie Kicklhöcke sammelt. Irgendwelche Rücksichten werden nicht mehr genommen, Verbrechen werden verharmlost, die Opfer lächerlich gemacht. Dass sie sagen, was sie denken, wenn sie es sagen dürfen, lässt ahnen, was sie tun werden, wenn sie tun dürfen, was sie jetzt nur sagen. An dieser Enthemmung sind Hallervorden, Lanz, sind die zahlreichen AfD-Propagandisten ebenso schuldig wie Medien, die im täglichen pauperism-porn auf diejenigen eindreschen, die als Sündenböcke nur allzu willkommen sind. Dass am Ende deren Vernichtung nicht ausgeschlossen wird, macht der zitierte Satz deutlich.