Einmal habe ich ihn gesehen. Es war auf der Frankfurter Buchmesse, 2017, und er stand in der Antaios-Sezession-Abteilung und wirkte wie ein verbeamteter Reihenhausbesitzer, dem nicht ganz klar war, was ihn in das Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gespült hatte. Eigentlich, so dachte ich, würde er jetzt lieber am Grill stehen und auf seine Würstchen aufpassen.

Im Laufe der Buchmesse war es zu kleineren Auseinandersetzungen gekommen, einige Bücher waren vom Stand verschwunden, einige Phalloi waren auf Ausstellungswände gekritzelt worden, ein Nazi hatte den – mittlerweile verstorbenen – Verleger Achim Bergmann geschlagen. Eigentlich hätte sich Kubitschek freuen können, wieder einmal konnten er und seine Autoren von den anfallenden Diskussionen – Haben Rechte auf einer Buchmesse etwas verloren? Gibt es nicht auch für sie das Recht auf Meinungsfreiheit? – profitieren, zudem hatte sein Verlag mit dem antisemitischen Traktat „Finis Germania“ (sic!) von Rolf Peter Sieferle einen Coup gelandet: Die kumulierten Stimmen eines einzelnen Journalisten hatten das Bändchen auf eine Empfehlungsliste für Sachbücher gehievt, dann war es von der Bestsellerliste verschwunden, was erneut für Diskussionen und kostenfreie Werbung sorgte.

Und doch: er sah aus, als wäre er jetzt lieber woanders, als wäre das Buchmessengewusel nicht seine Welt. Wenn man, was nicht unbedingt ein ästhetisches Vergnügen ist, seine Texte liest, ahnt man auch, welche: Da ist immer wieder von einer „Lage“ die Rede, die es aufzuklären gelte, und durch dieses Bild wird deutlich, dass der ehemalige Offizier nicht nur seiner Armeezeit nachtrauert, sondern auch intellektuelle Auseinandersetzungen stets als Kämpfe begreift: Hier stehen wir – wo steht der Feind? Wer gehört zu uns, wer kämpft für den Feind? Ein abstrahierender Blick auf Diskurse ist ihm fremd, wenn nicht unmöglich, der Freund-Feind-Antagonismus beherrscht sein Schreiben und wohl auch sein Denken, und er säße lieber beim Biwak als am Schreibtisch, wenn er davon schreibt, „sprachliche oder organisatorische Brückenköpfe zu bilden, zu halten, zu erweitern und auf Dauer zum eigenen Hinterland zu machen“, wenn er von der „Eroberung des vorpolitischen Raumes zum einen und der parlamentarischen Verfügungsräume zum andern“ schwärmt oder, wie in einem Text zur Buchmesse 2019, behauptet, es sei ihm und seinem Verlag 2017 gelungen, „mit völlig unterlegenen Kräften wie mit dem Fallschirm abgeworfen einen Knotenpunkt (…), den der Gegner nicht mehr rechtzeitig abschirmen konnte“, zu erobern. Als der „Gegner“, also die Buchmessenorganisatoren, keine Lust mehr verspürte, diesen Rummel mitzumachen, und Kubitschek eine eher abgelegene Ecke in der Halle überließ, klagte er darüber, in einer „Sackgasse“ untergebracht zu sein, „abgeschieden und abgeschirmt in einer Hallenecke“, woraufhin sich sein gekränktes Ego in einer Attacke gegen einen fotografierenden Journalisten Luft verschaffte. Und so kam er doch noch zu seinem Skandälchen, wobei ihn, und das macht die Sache so unappetitlich, die hessische Polizei unterstützte. Aber wer würde in diesen Uniformen auch ernsthaft Antifaschisten vermuten?

P.S.: Der Titel des Blogs bezieht sich auf die Äußerung eines hier Kommentierenden, der gar nicht verstehen wollte, dass man den Kubitschek für einen überschätzten Pseudo-Intellektuellen halten kann, welcher trotzdem oder gerade deswegen erreicht hat, dass das Feuilleton dem Charme des Faschismus erliegt.

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berridraun

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G. Szekatsch

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rahab

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