Warum das Wort „Remigration“ verdientermaßen zum „Unwort des Jahres“ gewählt wurde

Migration ist in der Menschheitsgeschichte unbestreitbar nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ländern oder Regionen, aus denen Menschen früher millionenfach ausgewandert sind, dienen nun Millionen von Einwanderern als Ziel, und auch die Gründe sind immer noch die selben: Man erhofft sich ein besseres, friedlicheres Leben oder versucht zumindest, dieses Leben zu retten. Und es ist wohl ein „Mißtrauensvotum ersten Ranges“ (Schmidt) gegen die gegenwärtigen „abortschüsselartigen Weltverhältnisse“ (Wolf), dass zig Millionen von Menschen aus den erwähnten Gründen auf der Flucht oder der Wanderschaft sind. Einige von ihnen gelangen in das abgeschottete Europa, viele sterben auf dem Weg dahin, und es ist nicht ausgeschlossen, dass diejenigen, die dorthin gelangt sind, nicht ans Ende ihrer Wanderschaft angelangt sind, vielleicht ziehen sie weiter, vielleicht kehren sie, wenn die Verhältnisse es zulassen, wieder in die Region zurück, aus der sie aufgebrochen sind. Auch das wäre wieder Migration, was sonst?

„Remigration“ dagegen bezeichnet die bewusst erzwungene Umkehrung des Wanderungsprozesses, denn wenn die Einwanderer weiter wandern wollten, würden sie dies ja tun. Es ist diese kaum verhohlene Androhung von Zwang und Gewalt, die Sellner und die AfD-Kader, die diesen Begriff propagieren, meinen. Müßig zu erwähnen, dass es nicht um Abschiebungen, die ja auch immer mit Gewalt verbunden sind, geht, denn hätten sie Abschiebungen gemeint, hätte nichts dagegen gesprochen, von Abschiebungen zu reden. Es geht um die Deportation von Einwanderern mit deutscher Staatsangehörigkeit.

In der Verschleierungsvokabel „Remigration“ kann man auch Anklänge an das Identitärenprogramm „Reconquista“ hören. Hier ist der gewalttätige Bezug weitaus deutlicher, erinnert der Begriff doch an die Eroberung des arabischen Teils der iberischen Halbinsel und an die damit einhergehende Vertreibung resp. Zwangstaufe der Juden und Muslime 1492. Genauso wie „Remigration“ bezeichnet er die Wiederherstellung eines als ideal begriffenen geschichtlichen Zustands und markiert sprachlich eine Rückwärtsbewegung: Alle wieder zurück auf Los, alles auf Anfang, wann immer der auch gewesen sein mag. Er negiert jegliche Dynamik, welche die Moderne kennzeichnet und weigert sich anzuerkennen, dass diese Moderne chaotisch und von der ökonomischen Anarchie des Kapitalismus gekennzeichnet ist. Aus diesem Grund bezeichnet die Ablehnung der „unkontrollierten Migration“ auch nichts anderes als den Wunsch, es solle gar keine Migration mehr geben: Kontrollierte Migration ist geschichtlich selten etwas anderes gewesen als Vertreibung oder, eben, Deportation.

„Remigration“ ist daher völlig verdientermaßen zum menschenfeindlichen „Unwort des Jahres“ ernannt worden. Der Begriff ist eine offene Kriegserklärung an eine große Zahl der Bürger, die in diesem Land leben. Und wer meint, es gehe doch nur um ein paar nicht zu integrierende Muslime mit Rauschebart und Burka, ist zu naiv, das Wesen des Faschismus zu begreifen: Wenn einer Gruppe von Menschen ein elementares Recht wie die Staatsangehörigkeit entzogen werden kann, kann es auch jede andere treffen. Ausgrenzung und Entrechtung sind nicht die Mittel des Faschismus, sondern seine Ziele.

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