SERIE: ÄNGSTE, ZWÄNGE, DEPRESSIONEN, SÜCHTE, AUS PSYCHOANALYTISCHER SICHT FOLGE 3 | PANIKATTACKEN

Panikattacken treten meist unerwartet, ohne erkennbaren Auslöser auf. Die Anfälle können zwischen wenigen Minuten und bis zu zwei Stunden dauern. Sie werden oft als Gefühl innerer Überschwemmung beschrieben, das sich von der Magengegend ausgehend über den Brustraum und in weiterer Folge über den ganzen Körper ausbreitet. Panikattacken werden meist von Herzrasen, leicht erhöhtem Blutdruck, Unruhe, Atemnot, Zittern, Schweißausbrüchen, Übelkeit, mitunter auch von heftigem Harndrang begleitet. Der Anfall selbst geht meist mit Todesangst einher. Sobald ein Arzt zugegen ist bzw. eine Einlieferung in ein Krankenhaus erfolgt, flaut der Anfall ab.

– Laut einer älteren ifat-Studie aus dem Jahr 2011 treten bei jedem Zehnten im deutschsprachigen Raum Panikattacken auf. Davon 12,4 % Frauen und 8,2 % Männer.

– Pflichtschulabsolventen haben häufiger Panikattacken (18,4 %).

– Es besteht ein gesicherter statistischer Zusammenhang zwischen Panikattacken, unbestimmten Ängsten, unbegründeten Krankheitsängsten und der Angst vor engen Räumen.

– Wer unter Panikattacken leidet, führt diese vermehrt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück.

Es war ein drückend heißer Sommertag im Juli. Maria hatte sich schon früh von ihrem langjährigen Lebensgefährten verabschiedet, um zu einem Maturajubiläum in jene Stadt zu reisen, in der sie ihre Schulzeit verbrachte. Die lange Zugfahrt setzte ihr ziemlich zu und die brütende Hitze tat ein Übriges. Jetzt war sie froh, im schattigen Garten eines Cafés Erholung zu finden. Es war vereinbart, dass Georg, ihre heimliche Liebe aus der Schulzeit, sie mit dem Auto von dort abholen und zum Maturatreffen bringen sollte. Doch Georg verspätete sich. Plötzlich, aus heiterem Himmel, begann ihr Herz wie wild zu rasen. Sie glaubte, ihre letzte Stunde hätte geschlagen. Voll Panik schlug sie Alarm. Wenig später befand sie sich in einem High-Tech-Untersuchungsraum auf der Intensivstation der Universitätsklinik. Schon im Rettungswagen hatte sie gespürt, wie die Symptome nachließen. Jetzt, wo sie an die Geräte angeschlossen war, fühlte sie sich wieder völlig sicher und ruhig. Zu Marias Überraschung stellten die Ärzte fest, dass ihr körperlich nichts fehlte.

Maria ist ihren Ängsten auf den Grund gegangen. Der Weg, bis Maria den Sinn ihrer Angstanfälle verstand, war lang und beschwerlich. Zu ihrem Lebensgefährten unterhielt sie damals eine enge und vertraute Beziehung. Sie verstanden sich blind. Doch sexuell lief zwischen ihnen beiden schon lange nichts mehr. Auslösend für ihre erste Panikattacke war Georgs Verspätung. Die Aussicht, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, verstärkte bei ihr die alte Leidenschaft aus der Schulzeit. Ihr unerfülltes Liebesleben, ihre neu belebte Sehnsucht in Verbindung mit seiner Verspätung führten deswegen zum Angstanfall, weil sie sich den Gedanken, „wenn ich mich nicht bald von meinem Partner trenne, wird es für mich zu spät sein“, damals noch nicht eingestehen konnte. Unbewusst war er aber schon längst vorhanden. Je stärker ihr unterdrückter Trennungswunsch wurde, desto stärker wurden ihre unterschwelligen Aggressionen und die daraus resultierenden Trennungsängste. Schließlich war Maria ihr Partner schon sehr vertraut und sie wollte ihn nicht verlieren.

Oft treten Panikattacken als Reaktion auf unterdrückte Aggressionen auf, bei Maria galten sie ihrem Partner, den sie trotz aller Vertrautheit, im wahrsten Sinne des Wortes „nicht mehr riechen konnte“. Sie können aber auch Folge einer Verlustsituation oder Liebesenttäuschung sein. Gelegentlich ist die Ursache eine psychische Überlastung. Vor allem bei längerer Dauer der Angststörung entwickeln Betroffene leicht eine ängstliche Erwartungshaltung (die Angst vor der Angst). Auf ihre unmittelbare Umgebung reagieren sie meist dysphorisch. Bei besonders krassen Verläufen kommt es sogar zu einem völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit, was die Betroffenen zu Gefangenen in den eigenen vier Wänden macht.

Da Panikattacken gehäuft bei Menschen mit unfreiwilliger sexueller Abstinenz, einem unbefriedigenden Sexualleben oder unterdrückten Aggressionen auftreten, liegt die Vermutung nahe, dass es bei der Panikattacke zu einer Entladung der aufgestauten physiologischen Triebspannung kommt. Da die Spannungsabfuhr sich der bewussten Kontrolle entzieht und auch nicht von sexuellen oder aggressiven Empfindungen begleitet wird, ist die Angstreaktion auf den unerklärlichen körperlichen Entladungsvorgang leicht nachvollziehbar. Die überwiegende Mehrzahl der Angstkranken mit Panikattacken nimmt vorerst eine organische Ursache für die Anfälle an. Am häufigsten werden Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems befürchtet. Selbst wiederholte Versicherungen von medizinischer Seite, dass körperlich alles in Ordnung sei, ändern nichts an der Überzeugung der Betroffenen. Der ärztliche Ratschlag, es doch einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen, ruft beim Kranken meist Widerstände hervor.

Viele fühlen sich von ihrem Arzt nicht mehr ernst genommen und wechseln zu einem anderen. Es ist daher schwer, Angstkranke mit Panikattacken für eine Psychotherapie zu motivieren. Dabei wäre eine rasche Aufnahme einer Psychotherapie – wenn möglich, gleich nach dem ersten Anfall – wichtig. Denn mit zunehmender Dauer der Störung verschlechtert sich die Behandlungsprognose.

Abhängig vom Schweregrad und der spezifischen Symptomatik ist eine aufdeckende psychoanalytische Psychotherapie sinnvoll. Zu Beginn der Psychotherapie kann eine unterstützende medikamentöse Behandlung sehr hilfreich sein. Bei Beruhigungsmitteln (Tranquilizern) ist wegen der Suchtgefahr allerdings Vorsicht geboten. Bei der Behandlung von Panikattacken haben sich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) gut bewährt.

Für Fragen erreichen Sie mich: E-Mail: office@ifat.at; Fon: +43 699 17170264

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