Sexualität - ideelles Konstrukt und historisch geprägtes Phänomen

In den westlichen Industriegesellschaften herrscht heute ein Verständnis von Sexualität "als Ausdruck von Liebe und Intimität", "Basis von Beziehung" und "besonderer Bereich für Lebensglück" vor. Das aktuell in unseren Breiten vorherrschende Sexualverständnis ist historisch betrachtet jedoch ein relativ junges Phänomen.

Die geltenden Vorstellungen und Bedeutungen von Sexualität werden von Werten, Normen sowie sozioökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft geprägt.

Wie aber haben sich die westlichen Gesellschaften in Bezug auf Sexualität im Laufe der Geschichte verändert?

Sexualität - ein historisch geprägtes Phänomen

Im ausgehenden Mittelalter existierte der Terminus "Sexualität" noch nicht und Sexualität wurde nicht als Gegenstand für sich betrachtet: Die Körperfunktionen waren noch nicht aufgelöst in Einzelbereiche, der Sexualtrieb war nicht von den anderen Bedürfnissen getrennt. Die Ejakulation stellte eine von vielen Absonderungen dar. Die Genitalien wurden nicht als eigenständige Organe betrachtet. Sexuelle Erregung wurde verglichen mit blinden mechanischen Kräften wie beispielsweise den Jahreszeiten. Der Sexualtrieb wurde mit anderen Stimmungen, die den Menschen überfallen und für die er nicht verantwortlich ist, gleichgesetzt und nicht ausschließlich als ein auf Lustbefriedigung gerichtetes Bedürfnis angesehen, sondern als Teil dessen, was den Mann zur Frau drängt, etwas das der Fortpflanzung dient (vgl. Van Ussel (1977): Sexualunterdrückung: Geschichte der Sexualfeindschaft. Gießen: Focus).

Geschlechtliche Verhaltensweisen waren in dieser Epoche folglich auf Fortpflanzung ausgerichtet. Sexuelles Verhalten vor der Pubertät wurde nicht als Sexualität eingestuft.

Im 15. und 16. Jahrhundert zeigten die Menschen insgesamt eine prosexuelle Grundhaltung, welche mit dem direkten und offenen Ausdruck des Gefühls- und Sexuallebens und einer stark körperbezogenen Lebensweise einhergeht: man berührte, streichelte und umarmte sich öffentlich. Kleine Kinder wurden zur Ruhigstellung masturbiert, ältere Menschen hatten sexuelle Beziehungen zu Jugendlichen, der Onanie und vor- und außerehelichen Beziehungen stand man offen gegenüber. Die Menschen schliefen nackt mit anderen Familienmitgliedern oder mit ihren Dienstboten in einem Bett, der Geschlechtsverkehr wurde auch im Beisein von Kindern oder fremden Personen praktiziert. Auch in der Öffentlichkeit galt Nacktheit als statthaft und funktionell anstatt als tabuisiert und schambesetzt.

Zudem galten die Äußerung des Sexualtriebes, die Potenz und Begierde als Zeichen von Gesundheit und wurden jedem gleichermaßen - Männern wie auch Frauen - zugestanden.

Frauen galten im Mittelalter als sinnlich und lüstern und es wurde ihnen im Vergleich zu den Männern eine größere Triebhaftigkeit nachgesagt, d. h. sie wurden als sexuell aktivere Wesen wahrgenommen.

So stellte sich Thomas Couture 1847 „Die Römer der Verfallszeit“ vor https://www.welt.de/geschichte/article147403800/So-wild-trieben-es-die-Roemer-wirklich.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png

Im 16. Jahrhundert begannen sich die Einstellungen zum Körper und zum Sexualleben zu verändern. Die beginnende Aufklärung sowie die Auflösung alter Wirtschaftseinheiten infolge der Industriealisierung mit der damit verbundenen Neuordung der Wirtschafts- und Sozialformen leiteten den Wandlungsprozess ein und führten zu zunehmender Tabuisierung sowie fortschreitender Verdrängung sexueller Bedürfnisse. Das Lustprinzip wurde sukzessive durch das Leistungsprinzip ersetzt. Die neuen Tugenden wurden Selbstbeherrschung, Disziplin, Zuverlässigkeit und gesellschaftlich angepasstes Verhalten, welche im Dienste der Warenproduktion standen. Elias (1976) bezeichnete die beschriebene gesellschaftliche Wandlung als "Zivilisationsprozess".

Bis zum 19. Jahrhundert veränderten sich körperbezogene Bedürfnisse und Verhaltensweisen des Trieb- und Affektlebens, wie z. B. Essen, Schlaf, Ausscheidung, Schnäuzen, Spucken u. a., der, der westeuropäischen Oberschicht angehörenden, Menschen tiefgreifend. Gefühle, Bedürfnisse und Nackheit wurden zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt und ins Private verlagert, der Mensch distanzierte sich von seinen Affekten, welche ihm fremd und unheimlich wurden. "Die Affekte werden weniger bewußtseinsdurchlässig (sic!), und das Bewußtsein (sic!) wird weniger affektdurchlässig" (Schmidt 1988, Zit. n. Elias 1976).

Durch den Schnitt zwischen den Seiten des Lebens welche öffentlich sein durften und welche im Geheimen bleiben mussten, kam es zu einer eigentümlichen Gespaltenheit des Menschen. Im sexuellen Handeln und Sprechen übten Erwachsene zunehmend Zurückhaltung und allmählich wurde die Geschlechtlichkeit von Scham und Peinlichkeit belastet.

Die beschriebenen Veränderungen wirkten sich auch sprachlich aus: "Was vor dem 19. Jahrhundert Liebe, Minne, Wollust, Leidenschaft, Liebesvergnügen hieß, wurde bald mit dem Begriff der Sexualität belegt" (Görgens (1992): Sexualwissenschaften. In: Dunde (Hrsg.): Handbuch Sexualität. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S. 285ff).

Erst im 17. und 18. Jahrhundert ist das Sexuelle zu einem für das Bewusstsein zusammenhängenden Komplex geworden. Im 19. Jahrhundert entstand schließlich der Sexualitätsbegriff, welcher sexuelle Komponenten verschiedener Verhaltensweisen zu einem Ganzen zusammenfasste - und zwar aus einer Ablehnung ihnen gegenüber heraus.

Interessant ist, dass durch die Zuordnung zum Verbotenen und Heimlichen und der Verdrängung aus dem öffentlichen Bewusstsein der Sexualität das Sexuelle einen immer größeren Raum einnahm, was zu einer ständigen Präsenz führte (vgl. van Ussel 1977, ebd.).

Die bürgerliche Einstellung zur Sexualität, welche im 19. Jahrhundert auch anderen sozialen Klassen aufgezwungen wurde, wird als lustfeindlich beschrieben. Kirche, Staat, Pädagogik und Medizin strebten die Verhinderung alles Sexuellen und die Bindung der Sexualität an die Fortpflanzung innerhalb der Ehe an, beispielsweise proklamierte die Kirche, dass nicht auf Fortpflanzung abzielender Geschlechtsverkehr unsichtlich sei, während Mediziner die Gefährlichkeit der Masturbation verkündeten, welche - ebenso wie Analverkehr, Coitus interuptus, oral-genitale Berührungen - (Geistes-)Krankheiten verursachen und eine vitalitätsaufzehrende Wirkung haben würde, kurz: alle nicht auf Fortpflanzung ausgerichteten Handlungen würden eine Vergeudung des kostbaren Samens darstellen.

Die jugendliche und weibliche Sexualität wurden besonders problematisiert und der Selbstbefriedigung wurde der Kampf angesagt. Frauen wurden entsexualisiert, ein bürgerliches Frauenbild entstand (vgl. Wrede (2000): Was ist Sexualität? Sexualität als Natur, als Kultur und als Diskursprodukt, In: Schmerl (Hrsg): Sexuelle Szenen. Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften. Opladen: Leske + Budrich, S. 25ff).

Durch diese an Fortpflanzung und Ehe gebundene Sexualität wurde das Schamgefühl zum Schuldgefühl, denn die auf den genitalen Akt reduzierte Sexualität machte Lust, Erotik, Sinnlichkeit und Zärtlichkeit überflüssung und verwerflich. Sexuelle Mäßigung wurde zum Kulturgut erklärt. Wenngleich diese Mäßigung beiden Geschlechtern auferlegt worden war, galt sie mehr den Frauen als den Männern, denn nun wurde - im Gegensatz zum vorbürgerlichen Sexualitätsverständnis, das der Frau einen größere Triebhaftigkeit nachsagte - behauptet, der Mann könne sich aufgrund seines stärkeren Sexualtriebes weniger leicht zurückhalten als die Frau.

Mit diesem Wandel entstand das Bild von der leidenschaftslosen, sexuell desinteressierten, passiven, frigiden bürgerlichen Frau, deren Ehre von ihrer Keuschheit abhängig gemacht wurde. Die bürgerliche Frau sollte ausschließlich an Mutterschaft, Ehe, Familie und Hausarbeit interessiert sein (vgl. Werde 2000, ebd.).

Frauen, die diesem idealistischen Heiligenbild widersprachen, galten als Huren (vgl. Schmidt (1988): Das große Der Die Das. Über das Sexuelle. Reinbek/Hamburg: Rowohlt).

Vgl. Kleinevers, Sonja (2004): Sexualität und Pflege. Bewusstmachung einer verdeckten Realität. Bremer Schriften. Hannover: Schlütersche. S. 17ff.

Die Beschreibung der Sexualität lässt sich als historisch gewachsenes, gesellschaftliches Konstrukt vermuten, das dem Wandel der Zeit unterliegt.

"Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung!" - das Zitat des griechischen Philosophen Heraklit hat seine Gültigkeit auch nach zweieinhalbtausend Jahren nicht verloren! Ich sehe gleichermaßen gespannt wie auch besorgt der Zukunft entgegen, was der Wandel der Zeit den westlichen Industriegesellschaften (nebst anderen Veränderungen) in Punkto Sexualität an Varriationen bringen wird.

Nachgestellte Kinderehe https://www.epochtimes.de/politik/welt/scharfe-kritik-an-tuerkischer-religionsbehoerde-nach-erklaerung-zu-kinderehen-a2312521.html

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