Der kritische Geist fragt sich zumal, ob frühere Verhältnisse wohl tatsächlich besser waren, oder ob dies nur eine verfälschte Wahrnehmung einer vergangenen, vielleicht gar nicht erlebten Zeit ist. Ist es Möglich, dass es einstmals auch nur einen Anschein von sog. Debattenkultur gab? Immerhin ist die Debatte, die dialektische Auseinandersetzung von Ansichten gestützt auf logischer Argumentation, eine der Grundlagen des aufgeklärten Denkens. Falls es diese einst mal gegeben haben sollte, so können wir heute nur noch deren Ruinen betrachten, wie Archäologen, die versuchen aus Überresten ein vergangenes Weltbild wiederzufinden.

Dabei ist Debattenkultur von unermesslicher Wichtigkeit auf der Suche nach der Erkenntnis. Denn unsere Wahrnehmung der Realität ist imperfekt, sie trügt uns immer wieder aufs Neue, irregeführt vom Makel unserer Sinne und von der Verzerrung durch unser Gemüt. Die Erkenntnis ist erst dann möglich, wenn wir dieser Begrenzungen bewusst sind, und folglich die Mechanismen anwenden, die uns trotzdem eine genauere Annäherung an die Realität geben. Es ist wie wenn wir einen Holzbalken sehen, und dessen Länge abschätzen, anschliessend verwenden wir ein Massband und sehen, dass es zwölfeinhalb Zentimeter kürzer ist als wir geschätzt haben. Wir wissen es zwar nicht auf den Mikrometer oder auf das Molekül genau, aber wir haben eine Annäherung an die absolute Realität geschafft. Sagt jemand, es sei nun einer anderen Länge, so soll er es selber nochmals messen, und das Ergebnis wird weder das eigene noch das fremde sein, es wird lediglich die Erkenntnis selbst sein. Es gibt keinen Grund, diese Infragestellung zu unterbinden, oder sich dessen zu echauffieren, man fordert die Person einfach heraus, selbst nachzumessen. Dies ist zwar ein ad absurdum geführtes Beispiel, aber es ist trotzdem ein Beispiel von fundamentaler Dialektik: These – Antithese – Synthese.

Die Debattenkultur auf Grundlage solcher Dialektik scheint heute nach und nach den Weg des Dodos zu gehen. Nur noch selten ist zu erkennen, dass die Notwendigkeit verspürt wird, Ansichten oder Behauptungen dialektisch zu unterbreiten. Emotion reicht oftmals als Begründung aus: Jemand fühlt sich aufgrund sog. „kulturellen Aneignung“ unwohl, dann hat er wohl Recht dass man es unterbindet. Weil man eine übermässige Angst vor einem Virus hat, obgleich Viren und Krankheit nun mal Teil unseres Lebens sind, so ist man freilich berechtigt allen anderen willkürliche Massnahmen aufzuzwingen. Oder man meint, eine Ansicht sei moralisch höher zu werten als eine Andere, also ist sie wohl auch richtiger. All das sind subjektive und emotionale Einschätzungen, die zwar als individuelle Empfindung respektabel sind, aber nicht eine konkrete Behauptung untermauern. Dass jemand sich unwohl fühlt weist nicht nach, dass kulturelle Aneignung eine ernstzunehmende gesellschaftliche Ungerechtigkeit ist; dass jemand Angst hat weist nicht nach, dass eine spezifische Gefahr besteht; und dass man einer moralischen Einstellung folgt bedeutet nicht, dass der Standpunkt korrekter oder gerechter ist. Vielmals scheint es sogar schon Begründung genug, dass eine Ansicht weit verbreitet ist, um sich in dieser bequem zu finden.

Die Unterscheidung zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven wird zunehmends verschwommener, und folglich wird auch die Dialektik, und damit auch das Erreichen einer Erkenntnis, immer schwieriger. Emotionale Argumente kommen ins Spiel, welche beliebig wandelbar sind, bis zum Punkt, wo Antithese kurzerhand zu einem Frevel wird, der keiner Retorte erfordert; zu einer Grenzüberschreitung, die sich selbst disqualifiziert; gar zu einem Verbrechen kann man sie machen, wenn die Emotion der dialektische Leitfaden ist. Denn ein Verbrechen kann schliesslich nur an einem zuvor ergründeten Gesetz gemessen werden. Macht man z.B. „Hass“ zu einem Verbrechen, so muss sich jemand lediglich von einem Anderen gehasst fühlen, dass dieser ein Verbrechen begangen hat.

Es ist wohlgemerkt nicht ganz einfach, die rote Linie für Grenzüberschreitung zu ziehen, wenn jemand nun womöglich Mord, Gewalt, Genozid begründen würde. Gleichwohl sollte der Versuch sein, die Grenze nicht zunehmends enger zu ziehen, sondern so weit wie möglich zu halten. Andererseits geschieht es, wie es nun schon ist, dass die Debatte nach und nach eingegrenzt wird, bis eigentlich keine wirkliche Juxtaposition von Standpunkten mehr möglich ist, da alles bis auf einen relativ spezifischen Standpunkt ausgegrenzt wurde. Nein, sie dürfen jetzt nicht mehr ein Indianerkostüm zu Fasching tragen; nein, sie dürfen die Corona-Massnahmen nicht in Frage stellen oder Evidenz dazu fordern; nein, sie dürfen dem Ukraine-Krieg gegenüber nicht gleichgültig sein.

Bevor die Ideen der Aufklärung sich ausbreiteten, herrschte im Denken das Dogma, dieses war eine Vorgabe von Ansichten, Betrachtungen, usw., welche keineswegs in Frage gestellt werden durften, wie u.a. Galileo Galilei auf recht eindrückliche Art erfahren musste. Das enge Korsett von Ansichten, welches heute durch diese emotionale Argumentation immer weiter aufgezwungen wird, kommt diesem Dogma gleich, ob es nun die Priester sind, die es vorschreiben, oder die heutigen Medien-Priester. Anstatt mit Debatte wird auf Ansichten mit Entrüstung reagiert. Eine Argumentation ist nicht mehr notwendig.

Dass eine solche Entwicklung erneut aufkommen sollte, ist nicht all zu sehr verwunderlich, denn es entstammt niederen Instinkten von geistiger Trägheit wie Feigheit. Der Mensch fürchtet sich vor dem Unbekannten, und sehnt sich nach Gewissheit. Ein Reflex, der ebenso Wissenschaft und Rationalismus hervorbrachte, bringt ebenso Dogma und Zensur hervor, denn beides sind Mechanismen, um dem Unbekannten zu entfliehen, sei es durch eine Suche nach Erkenntnissen, oder dem Anhängen an einfachen, gefälligen Antworten. Viele Menschen fühlen sich bequem darin, Ansichten mit einer grossen Masse teilen, doch gerade dies hätte die grosse Lektion aus der Geschichte sein sollen, bezüglich der unheilvollen Resultate von einheitlichem Denken und Mitläufertum.

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