Der pascalsche Diebstahl ist in letzter Konsequenz eine erstaunlich häufig verwendete Verhandlungs- und auch Täuschungstechnik die auf einer religiösen Debatte basiert. Um sie zu verstehen müssen wir daher zuerst die religiöse Debatte verstehen.

Blaise Pascal argumentierte im 17 Jahrhundert für den Glauben in einer Zeit des aufstrebenden Rationalismus. Er verwies darauf dass es zwar nicht möglich war zu beweisen ob es Gott gibt, oder eben auch nicht, stattdessen sollte man an die Sache mit einer Analyse der möglichen Konsequenzen herangehen.

Er argumentierte dass sich aus der Kombination „Glauben oder Unglauben“ sowie „Gott existiert und er existiert nicht“ nur vier Möglichkeiten ergeben:

Man glaubt an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man belohnt (Himmel – Man hat gewonnen).

Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts (verliert aber auch nichts).

Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts (verliert aber auch nichts).

Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man bestraft (Hölle – Man hat verloren).

Daraus folgt dass man im Falle des Glaubens nur neutral oder siegreich aussteigen kann, aus Unglauben aber nur neutral oder als Verlierer.

Diese Herangehensweise hat diverse offensichtliche Schwachstellen wie etwa das ein Glaube der Opfer verlangt sehr wohl etwas kostet oder aber der Glaube an „den falschen Gott“ auch bestraft werden könnte. Wir beschäftigen uns aber nicht mit dieser Frage sondern nur mit der Logik hinter seinem Argument das da lautet dass manche Kombinationen aus Handlung und möglichen Ausgängen klar bevorzugt werden müssen weil die Alternative objektiv betrachtet schlechter ist und das obwohl man eine sehr unvollständige Idee davon hat was passieren wirklich wird.

Schlüssel ist dabei dass der Dieb vorgibt Informationen zu haben die man selber nicht hat.

Die Logik von Pascal wird aber noch heute oftmals verwendet. Meistens wird postuliert dass man irgendetwas tun sollte da ein Unterlassen zu massiven Schäden führen würde, wohingegen die Kosten moderat wären.

Als Verhandlungsmittel sprechen wir in diesem Fall vom pascalschen Diebstahl.

Um zu verstehen was das im Detail bedeutet verwenden wir das Bild des Diebes in einem Gedankenexperiment.

Der pascalsche Dieb taucht also vor uns plötzlich auf und sagt dass er Gott sei und wenn man ihm nicht sofort seine Brieftasche aushändigt würde man für alle Zeiten in der Hölle braten, tut man es kommt man in den Himmel. Nach pascalscher Logik muss man nun genau das tun, denn die potentielle Belohnung ist unendlich groß und die potentielle Strafe unendlich schlecht.

Man tut es also.

Blöderweise wartet an der nächsten Ecke einfach nur der nächste Dieb mit dem gleichen Trick und man ist nach nur fünf Ecken sein letztes Hemd los.

Hier offenbart sich das Problem sehr eindeutig: der pascalsche Dieb braucht keine Waffe, er bedroht uns statt dessen mit einer düsteren Zukunft oder versucht uns mit einer goldenen Zukunft dazu zu bringen zu tun was er möchte und das ist eben unser Geld zu bekommen ohne dafür eine (nützliche) Gegenleistung zu erbringen. Und das kann jeder.

Wo aber finden wir so etwas in der wahren Welt?

Die Antwort ist dass uns diese Dinge tagtäglich versucht werden zu verkaufen. Immer wenn man hört dass man jetzt sofort etwas tun müsse und es ansonsten das Ende der Welt bedeuten würde und alles was man als Beweise vorgelegt bekommt sind Dinge die man selber unmöglich überprüfen kann, hat man es vermutlich mit einem pascalschen Diebstahl zu tun.

Den Grenzfall bilden Versicherungen. Wann auch immer man es mit Menschen zu tun hat die einem Versicherungen verkaufen möchten wird derjenige die Zukunft, vereinfacht gesprochen, wie folgt malen: „Kauf mein Produkt und egal was passiert, du wirst es mit uns gut überstehen, kauf es nicht und irgendwas Fürchterliches wird passieren das dich ruiniert.

Die Versicherung ist hierbei ein Grenzfall weil sie, im Fall des Falles, sich verpflichtet wenigstens versuchen muss etwas nützliches zu tun.

Am anderen Spektrum ist der Priester der genau das Gleiche sagt aber keine Intention hat selber (wirklich) zu helfen.

Dazwischen findet sich vor allem die Politik und die diversen Institutionen, NGOs und so weiter. Sie alle sagen wiederrum das Gleiche. Es muss in Betracht gezogen werden dass viele auch glauben was sie da sagen. Im Zweifelsfall gestehe ich selbst dem Priester zu dass er wirklich an Himmel und Hölle glaubt und tatsächlich versucht diese Seelen seiner Nachbarn mit Gebten zu retten.

Der Punkt ist viel mehr dass die Motivation nicht wirklich relevant ist, was Bedeutung hat ist dass jemand will dass man Handlungen setzt, die man ohne Intervention nicht gesetzt hätte, ohne dass diese Handlungen einen unmittelbar feststellbaren Effekt haben oder der Effekt nicht prüfbar ist.

Beten oder das Reduzieren von CO2 Emissionen sind sich da sehr ähnlich. Wir können es tun und wir können glauben dass es die Zukunft verbessert aber wirklich wissen können wir es nicht. Der pascalsche Dieb lebt im Fahrwasser von Menschen die Gutes tun wollen oder aber ihre eigene Sicherheit erhöhen möchten. Er verkauft Glaube, Sicherheitspolitik, Moral, Ideologie, Zukunftsforschung, Zeitungen, Technologiefolgenabschätzung, Heilkristalle, Consultingstunden, Rechtssicherheit, Versicherungen und so weiter und so fort.

Fakt ist dass unser Leben linear ist. Wir haben keine Ahnung was in 30 Jahren sein wird. Wir wissen nichtmal was morgen sein wird. Und auch der "Experte" hat keinen Dunst was morgen sein wird.

Es liegt aber in unserer Natur zu planen und zu versuchen auch im Hinblick auf das nächste Jahrhundert Entscheidungen zu treffen. Zudem glauben wir dass der "Experte" mehr weiß als wir. Wir vertrauen ihm daher.

Der pascalsche Dieb nutzt das aus und im Zuge dessen hören wir selber auf für die Zukunft zu planen. Menschen glauben dass ihre Versicherung oder der Staat dafür sorgt dass sie in einem Versorgungsengpass nicht verhungern werden anstatt sich Konserven auf die Seite zu legen.

Ist das klug? Vermutlich nicht.

Die Frage die am Ende bleibt ist wie oft wir schon auf den pascalschen Dieb hereingefallen sind und ob wir das auch in Zukunft tun wollen.

Angus - frei zu kopieren n/a

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Matt Elger

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Petra vom Frankenwald

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