AUSZUG AUS „DER DÜMMSTE KRIEG“ EXCLUSIV FÜR FISCH UND FLEISCH

KAPITEL X (Teil 1)

SREBRENICA: DAS LANGE SCHLACHTFEST

Es war in einem Land der Bauern, auf dem gebirgigen Balkan...

Desanka Maksimović, "Das blutige Märchen“, 1941, ein Gedicht über die kollektive Hinrichtung von Schulklassen durch die Wehrmacht.

Ein Name für das Unfassbare

Wenn man in den Archiven der Zeitungen stöbert, findet man zum Eintrag „Srebrenica“ Epitäten wie „...der größte Massenmord...“ oder „...das schlimmste Kriegsverbrechen seit...“ oder „...Genozid unter unseren Augen...“.

Sie stimmen alle.

In Srebrenica und Potočari geschieht der größte Massenmord und das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – vergleichbar nur mit den Verbrechen im Wald von Katyn oder dem Massenmord in Babi Yar – und er geschieht unter den Augen der Weltöffentlichkeit, weil die Ereignisse in Srebrenica von zahlreichen Kameras festgehalten sind und fast in Echtzeit jedes Wohnzimmer erreichen. Zusätzlich filmen die Mörder selbst ihre Taten: Im serbischen Šid kann man jahrelang in der Videothek eine Kassette ausleihen, die die Ermordung junger Männer aus Srebrenica zeigt.

Alle Täter, die auf der VHS-Kassette zu sehen sind, leben ungestört in der kleinen Stadt an der Autobahn nach Zagreb. Erst vor wenigen Jahren schaltet sich eine mutige serbische Staatsanwältin ein, beschlagnahmt die Kassette und bringt alle Täter, die noch leben, vor das Spezialgericht für Kriegsverbrechen in Beograd, dass sie in den verdienten „Schatten“ schickt. Von diesem „kleinen“ Verbrechen innerhalb des großen, langen Schlachtens, soll hier noch die Rede sein.

Plata o plomo!

Während ich dieses Kapitel für dich schreibe, sitze ich in einer Umgebung die Idylle geradezu ausschwitzt. Vor mir sehe ich den kleinen Hafen des Fischerdorfes Sutivan in dem ich aufgewachsen bin. Boote fahren ein und aus, Kinder springen von der Mole ins karibisch warme Meer und der Maestral beginnt gerade die Adria zu liebkosen und bringt etwas Abkühlung in die Caffe-Bar Debuleca und den Rest des Hafens. Doch mit einem Kampfjet sind es höchstens 20 Minuten bis zur bosnischen Bergwerksstadt Srebrenica an der Grenze zu Serbien.

Es sind Luft- und Satellitenaufnahmen die im Sommer des Jahres 1995 offenbaren, was man schon seit Wochen ahnt: In der Umgebung von Srebrenica und Potočari sind zahlreiche Massengräber zu sehen, wo nur Tage zuvor ungemähte, grüne Wiesen oder helle Waldlichtungen sind. Man analysiert Spuren von schwerem Grabgerät, rechteckige Flächen aus angehäufter Erde und die Bewegungen von Transportfahrzeugen der serbisch-bosnischen Armee. Dann melden sich die ersten Überlebenden, die es irgendwie schaffen aus der Hölle von Srebrenica zu entkommen.

Aus dem Verdacht ist Gewissheit entstanden: Rund um die bosnische „Silberstadt“, in der schon seit der Antike Silber gefördert wird, ist ein Verbrechen von grauenhaften Ausmaßen geschehen. Eben „...das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 1945...“. Und geschätzte 8000 bis 9000 bosnische Muslime, die einst vom Abbau des Silbers leben, sterben in diesem Sommer des Jahres 1995 im Bleihagel serbischer, christlich-orthodoxer Mörderbanden in Uniform.

Das Buch der Namen

Über dem Verbrechen von Srebrenica schwebt sein Mentor, Slobodan Milošević. Doch es sind noch fünf andere Männer darin eingewoben:

Radovan Karađić (1945), Präsident der „Republika Srpska“ und eine der Puppen des Slobodan Milošević;

General Ratko Mladić (1942 oder 1943; wegen der Kriegswirrnisse je nach Quellenlage), Chef des Generalstabes der Republika Srpska und selbst seine eigene, sture, mörderische Puppe;

General Phillipe Morillon (1935), Oberkommandierender der UNPROFOR in Bosnien;

Oberst Thomas Karremans (1948), Kommandant der UN-DUTCHBAT III in der Schutzzone Srebrenica

Naser Orić (1967), der muslimische Kriegskommandant von Srebrenica;

Jeder dieser Männer trägt ein Kapitel zur Tragödie bei und jeder spielt eine archetypische Rolle.

Der mörderische Egomane

Radovan Karađić ist ein mittelmäßiger Psychiater, das „studierte“ Kind aus einem Dorf am Balkan, „aus dem was wurde“. In seiner Freizeit schreibt er schlechte bis schlechteste Poesie und berauscht sich am Serbentum. Als seine Stunde kommt, lernt ihn die Welt als Quadratschädel kennen, mit sorgfältig am schweben gehaltener Stirntolle, einer tiefen Grube im Kinn, schweren Augenlidern und schlecht sitzenden Anzügen mit Krawatten, die zu anderen Anzügen auch nicht passen würden.

Karađić ist von Anfang an Slobos Mann in Bosnien und erfüllt alle Befehle getreu, bis auf eine kleine Episode am Ende des Krieges, als er kurz ein wenig ungehorsam ist, aber schnell wieder einlenkt, als Slobo seinen Geheimdienstchef Jovica „den Eisigen“ Stanišić und dessen rechte Hand Franko „Frenki“ Simatović nach Pale, der "Hauptstadt" der Republika Srpska, schickt. Für Karađić sind Muslime und Kroaten „Erzfeinde“ der Serben, die nicht ruhen werden, bis sie siegen oder selbst vernichtet und vertrieben sind. Selbstverständlich haben alle Serben „das Recht in einem Staat zu leben“ und genauso selbstverständlich ist „Serbien überall, wo serbische Knochen ruhen“. Du siehst: Srbija do Tokija (Serbien bis Tokio)! So einfach kann für manche Menschen das Leben (und Sterben) wohl sein...

Wer es nur fünf Minuten schafft, sich das Gelaber dieses Mannes anzuhören und seine ungelenk inszenierte Eitelkeit anzusehen, kann nur schließen, dass Radovan Karađić ein selbstverliebter, eitler Geck ist, ein großmannssüchtiger Pseudointellektueller, der es mit Bauernschläue schafft zum Herren über Leben und Tod aufzusteigen. Zwischen den beiden wählt er stets den Tod – Anderer.

Die Kriegsmaschine

General Ratko Mladić ist in mehrfacher Weise ein Kind des Zweiten Weltkrieges. Er wächst mit der Erinnerung an ein Massaker an seiner Familie auf, das von einheimischen Helfern Hitlers begangen wird und schon sein Vorname scheint ein Menetekel zu sein: Ratko bedeutet „Kind des Krieges“.

Mladić widmet buchstäblich sein ganzes Leben der Vorbereitung für den nächsten Krieg indem er noch als Minderjähriger in die Volksarmee eintritt und ein Profi in diesem Handwerk wird. Er absolviert die Militärakademie der Volksarmee und steigt die Ränge auf, bis der Krieg endlich kommt. Seine Feinde, seine Kollegen weltweit und seine Fans sind in einem Aspekt seiner Person einig: Ratko Mladić ist ein über alle Maßen talentierter Heerführer – und wäre dies so etwas wie ein „gerechter Krieg“ und hätte er unter Beachtung der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention stattgefunden, dann wäre er ein Held.

Kein anderer Soldat in diesem Krieg wendet Strategien und Taktiken der Militärgeschichte von Pharao Narmer über Sun Tse, Alexander dem Großen und Julius Cäsar bis Mao Tse Tung und General Giap so konsequent und gekonnt an, wie Ratko Mladić. Allerdings missachtet er das Grundprinzip allen Menschseins und jeder Zivilisation: Die Barmherzigkeit. Ratko ist ein Krieger ohne Erbarmen, für den auch die Kinder der Spartaner getötet werden müssen, damit Athen groß bleiben kann.

Wie Mladić es innerlich schafft vom Soldaten der kommunistischen Volksarmee zum Soldaten einer exterminatorischen, serbisch-nationalistischen Pseudorepublik zu werden, ist mir nicht bekannt. Er selbst sagt dazu nichts. Ob er je ein echter Kommunist ist, der später seine Überzeugungen ändert - kann ich dir schlicht nicht sagen. Ich weiß nur, dass er militärisch so erfolgreich ist, dass er sich sogar gegenüber dem „Präsidenten“ Karađić durchsetzen kann, wenn er anderer Meinung ist. Selbst Slobodan Milošević ist sehr vorsichtig, wenn es um Mladić geht. Andererseits ist ein „starker“ General Mladić ein gutes Druckmittel, dass Milošević nutzen kann, um den manchmal zu selbstständigen Karađić zu disziplinieren.

Seinen „Ruf“ erwirbt sich Mladić schon in der kroatischen Krajina, am Anfang des Krieges. Es gelingt ihm als Kommandant der Region, die Volksarmee weitgehend aus den Begehrlichkeiten der lokalen Warlords herauszuhalten und trotzdem Milošević´s Politik in der kroatischen Krajina militärisch abzusichern. Als er dann zum General der Republika Srpska in Bosnien ernannt wird, erobert er für seine politischen Führer große Teile Bosniens, die später als Verhandlungsmasse der Serben in Dayton eine wichtige Rolle spielen werden und bis heute die Teilung Bosniens festlegen.

Und alle seine militärischen Operationen hinterlassen eine Spur aus Blut und Leichen, aus verbrannten Dörfern und gesprengten Moscheen und katholischen Kirchen. Frauen, Kinder und Greise, schont er genauso wenig wie gefangene Kämpfer – sie alle sind seine Feinde und müssen vernichtet werden. Ich habe den Eindruck, dass Ratko Mladić den Zweiten Weltkrieg irgendwie „ganz“ zu Ende führen will und eine persönliche Rechnung mit den kroatischen Ustaša und ihren damaligen muslimischen Verbündeten begleichen möchte.

Ratko Mladić hört jedenfalls lange vor Srebrenica auf ein Soldat zu sein – und wird zum Hund des Krieges und zum militärischen Verantwortlichen zahlreicher Massaker bis Srebrenica und darüber hinaus. Und seine Tochter begeht mit seiner Pistole Selbstmord, weil sie die Taten ihres Vaters nicht aushalten kann.

Der alte Soldat

General Phillipe Morilion ist alles das, was Mladić nur von seinen Hardcorefans zugeschrieben wird: Der Krieger mit Codex. Wie sein serbisches Pendant ist Morilion sein Leben lang Soldat, allerdings einer, der seine humanistische Bildung Teil seines Handwerks und seines Handelns als Soldat sein lässt.

Auch ihr Äußeres unterscheidet sich diametral. Mladić ist eine gedrungene Bulldogge aus dem Schützengraben und Morillon ist, selbst in seinem Alter noch, der drahtige, großgewachsene Fallschirmjäger, dessen Kampfuniform perfekt sitzt und der Zigarrilios in Kette raucht, was seine Stimme für ein Double zu einem Jazzsong von Paolo Conte geeignet macht.

Während Mladić praktisch nur das lesend verinnerlicht, was aus ihm einen erfolgreichen Heerführer machen kann, ist Morillon jemand, der weit darüber hinaus belesen ist. Tatsächlich ist Morillon einer jener wenigen Profi-Soldaten die einen Krieg, den man gar nicht erst führen muss, als besten und erfolgreichsten aller Kriege betrachten. Wie Sun Tse übrigens auch...

Als seine Zeit kommt, handelt Phillipe Morilion wie ein Politiker und wie ein Soldat. Bewaffnet bis an die Zähne macht er sich persönlich auf den Weg nach Srebrenica. Auf dem Weg dorthin begegnet er Drohungen und Einschüchterungen der serbischen Einheiten die er mal mit Drohungen und Einschüchterung mit seiner Waffengewalt beantwortet – und mal mit diplomatischem Geschick (und klirrenden Waffen). Am 11. März 1993 erreicht er Srebrenica und verspricht in einer Rede den Schutz der UNO. Nach wenigen Tagen kehrt Morillon nach Sarajevo zurück, Die UN Resolution 819 vom 16. April 1993 tritt in Kraft und Srebrenica ist nun eine Schutzzone.

Morillons Mut besteht unter anderem auch darin, dass er sich nicht scheut, auch die Verbrechen der muslimisch-bosnischen Einheiten unter dem Kommando von Naser Orić an serbischen Zivilisten und an Gefangenen (600 – 1000 Opfer) rund um Srebrenica zu benennen und anzuprangern.

Doch am Ende versagt die Strategie der UN, das Massaker findet statt und ein anderer Offizier der UN wird zum Gesicht dieses Versagens: Oberst Thomas Karremans.

Der Feigling

Oberst Thomas Karremans ist ein Karriereoffizier der Niederländischen Streitkräfte und diese UN-Mission ist wahrscheinlich eine Stufe in seiner Karriereleiter zum General. Statt jedoch still und leise im System aufzusteigen gerät Karremans in die Fänge von Ratko Mladić und bringt nicht die Kraft auf, ihm Widerstand zu bieten. Das führt direkt zum Genozid von Srebrenica.

Das Versagen von Karremans in Srebrenica mündet Jahre später zu einem peinlichen Prozess in Holland in dem klar wird, wie sehr nicht nur Karremans, sondern das gesamte System der UNPROFOR versagt und wie aus einer Schutzzone – eine Todeszone wird.

Am peinlichsten sind jedoch die Filmaufnahmen die Karremans und Mladić beim Schapstrinken im überrannten Srebrenica zeigen: Mladić ist wie immer bullig und beherrscht die Atmosphäre, Karremans sieht aus wie eine Wachspuppe, die im Raum hin und her geschoben wird, damit das Licht für die Aufnahmen passt.

Mehr mag ich dir über diesen Feigling nicht erzählen, über sein Versagen kannst du weiter unten lesen.

Der Doberman

Naser Orić ist der klassische Mix aus Kampfsportler und Kriegshund. Von Beruf ist er erst Soldat in der Volksarmee und dann Polizist, ein ganz spezieller, einer der Politikern als Leibwächter zugeteilt wird – Orić ist tatsächlich eine Weile Teil der Leibwache von Slobodan Milošević. Naser Orić gehört also zur Elite der Spezialpolizei Serbiens und als seine Stunde kommt, desertiert er zur Armee Bosniens wo 1992 der Kriegskommandant von Srebrenica wird. Sein Geburtsort Potočari ist nur wenige Kilometer entfernt und wird bald zum Schauplatz des Anfangs des langen Schlachtfestes von Srebrenica.

Über Orić ist nicht viel zu schreiben, außer dass er ein gutaussehender Mann ist und der jüngste der fünf Männer, die hier genannt sind. Er ist angehöriger einer Generation die zwar in den Strukturen, die der Kommunismus schafft (Volksarmee, Volkspolizei) Arbeit und Brot findet, aber von der Ideologie undurchdrungen bleibt. Sein fliegender Wechsel ist einfach das, was man hier so umschreibt: Jeder Vogel zu seinem Schwarm. Für Orić ist die Seite der Muslime rund um Alija Izetbegović der Schwarm mit dem er mitfliegen will.

Orić wird wegen Kriegsverbrechen an Serben in Srebrenica angeklagt aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen, genauso wie in einem Verfahren rund um „ganz normale, kriminelle“ Erpressung und Nötigung nach dem Krieg. Beides sind Freisprüche zweiter Klasse aber es gilt – wie man so schön in solchen Texten schreiben muss – die Unschuldsvermutung.

Ich sage dir zwar dass er ein gut aussehender Mann ist, aber trotzdem wirkt er auf den Pressefotos in einem Anzug und mit einer Krawatte anlässlich seiner Verhandlung immer noch wie ein Kick-Box Champion, den jemand in diesen Anzug gesteckt hat. Am besten sieht Orić in einer Tarnuniform aus. Ohne Krawatte – dafür mit Kalaschnikow.

Es ist eine Tatsache, die auch General Morillon anspricht: Als die UN Srebrenica zu einer Schutzzone erklärt ist in der weiteren Umgebung kein einziger lebender Serbe anzutreffen, nur verbrannte, ausgeplünderte serbische Dörfer in einer Todeszone von rund 900 Quadratkilometern.

Naser Orić ist bis heute eine kontroverse Person und immer wieder Gegenstand gerichtlicher Vorerhebungen. Wovon er seinen Lebensunterhalt bestreitet – außer nach eigener Aussage, ein erfolgreicher „biznismen“ zu sein – weiß niemand so recht.

Das langsame Abschlachten

Wenige im „Westen“ wissen, dass der Massenmord von Srebrenica nicht eine punktuelle und plötzliche Angelegenheit ist. Kurz erzählt läuft es so: Srebrenica wird 1992 am Anfang des Krieges von Serben eingekreist (wie Sarajevo) und im Sommer 1995 endgültig von der Armee der Republika Srpska eingenommen. Die UNPROFOR Einheit von Oberst Karremans, Dutchbat III, gibt auf, ohne einen Schuss abzufeuern, um die UN-Schutzzone zu verteidigen. Anschließend trennen die Mörder „Männer“ ab 13 bis zum Greisenalter von Frauen und Kindern und bringen diese Männer um.

Doch das Morden (und Vergewaltigen) zieht sich über Tage und wenn man die jahrelange Umzingelung mit einrechnet, dauert der Massenmord von Srebrenica viele hundert Tage bis zu jenem Tag im Sommer 1995, als Oberst Karremans mit General Mladić Sliwowitz trinkt - und erreicht erst dann einen blutigen Höhepunkt dem in wenigen Tagen 8000 – 9000 Muslime zum Opfer fallen.

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