Ich stimme unter einer Bedingung zu: Kein Wort über die Titanic!

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Das sagt mir unser Sohn, als ich frage, was ich schreiben soll. Er ist neun und Titanic-Faschist. Ich stimme unter einer Bedingung zu: Kein Wort über die Titanic! Weil ich schon die Nase voll von ihr hab!

Das echt unsinkbare Schiff

Es ist der erste Versuch, von der Titanic abzulenken. Ich male mit einem Edding-Stift "Bismarck" auf ein Badewannenschiff unseres Sohnes. Es ist so eines, das aussieht wie ein Hafenschlepper und einen breiten, flachen Rumpf hat. So eines, wie es Kinder in Indien und China für Kinder in Europa machen. Und ich sage meinem Sohn: "Sohn! Wir füllen jetzt die Wanne und versenken die Bismarck!"

Wir schneiden Öffnungen in das Deck und befestigen Ladykracher, Korsare und Wunderkerzen im Inneren. Eine lange Zündschnur führt von der Brücke bis zum Schiffsbauch. Dann bereiten wir Tablet und Handy vor, unser Sohn macht eine Ansage für seine Follower, die er eines Tages haben wird, setzt die Schutzbrille aus dem Baumarkt auf und zündet die Zündschnur.

Es geschieht, was geschehen muss: Die Bismarck will nicht sinken! Wie damals. Wir holen sie aus den Fluten des Atlantiks und stellen sie auf den Küchentisch. Hier stopfen wir wieder Sprengstoff hinein. Diesmal die doppelte Dosis! Sie fängt Feuer, nachdem der letzte Korsar explodiert! Doch es ist so ein dummes Plastik, das von selbst aufhört zu brennen. So sind die Brücke und ein Teil der Aufbauten klumpig geschmolzen, aber die Bismarck hält sich über Wasser wie ein alter Nazi, der nicht abkratzen will.

Nach dem dritten Versuch geben wir uns geschlagen. "Gell Papa ... die Titanic ist besser! Die sinkt echt!" Am Abend entsorge ich die Bismarck im Mülleimer der Geschichte, der im Hof steht.

Das Goldschiff

Mein nächster Versuch, unseren Sohn vom Titanic-Faschismus zu heilen, sind Gutenachtgeschichten über versunkene Schatzschiffe. Die erste Geschichte soll von Stalins Gold auf der HMS Edinburgh handeln.

Unter vielen Goldschiffen ist sie eine Ausnahme, weil viele Zeugen ihres Untergangs erleben konnten, wie der Goldschatz in ihrem Bauch gehoben wurde. Und weil es die Story zweier völlig gegensätzlicher Männer ist – die eines englischen Proletariers und eines englischen Snobs, dessen Bart wie ein Kunstwerk aussieht. Beide Männer eint nur ihre Leidenschaft für das Tiefseetauchen und das Heben versunkener Schätze. Also beginne ich die Story reißerisch, wie eine Stimme aus dem Off in einem B-Movie: "In der undurchdringlichen Dunkelheit der Barentssee liegt in 800 Fuß Tiefe der leichte Kreuzer eitschemes Edinburgh. An Bord ist ein Goldschatz von enormen We..."

Unser Sohn unterbricht mich: "Das ist weniger tief als die eremes Titanic lang ist!"

Ich sage: "Wwwwos?"

Unser Sohn fährt fort, ohne Punkt und Komma, selbstverständlich: "Die Titanic ist 883 Fuß lang, wenn man die Titanic dort aufrecht hinstellt, dann ist sie noch 83 Fuß über dem Wasser, außerdem liegt die Titanic in 12.500 Fuß Tiefe, und da ist es noch mehr undurchdringlich!"

Ich versuche einen gehässigen Torpedo: "Wie viel ist das in Metern, Klugscheißer!?" Unser Sohn schießt wie aus der Kanone zurück: "Drei Fuß sind ungefähr ein Meter, rechne es dir selber aus, Papa, ich schlaf jetzt ein, bzzzzz ..."

Das Geisterschiff

Einige Abende später versuche ich es wieder. Ich muss mich nur zwischen dem Fliegenden Holländer und der Mary Celeste entscheiden. Ich wähle die Mary aus, weil sie keine Legende ist, aber viele Legenden erzeugt.

Ich will unserem Sohn auch zeigen, wie eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einer Tragödie auf See führen kann und wie Menschen lieber Schauermärchen glauben, als Schlussfolgerungen aus simplen Tatsachen zu akzeptieren. Die Mary Celeste, ein Frachtsegler mit einer Ladung Alkohol, wird 1872 ohne Besatzung zwischen den Azoren und Portugal treibend, aber seetüchtig gefunden. Die Besatzung des Finderschiffes Dei Gratia gerät sogar unter Mordverdacht, bis geklärt wird, dass wahrscheinlich leckende Alkoholfässer und die Explosionsgefahr die Besatzung zu einer Flucht in Panik veranlasst haben, bei der ihnen die Mary Celeste einfach davongesegelt ist, ohne zu explodieren.

Die Geschichte regte die Fantasie einiger Autoren und Journalisten an und bald entstanden zahlreiche Gruselgeschichten, die Zeitverschiebungen, Ufos, Piratenflüche und unbekannte Lebensformen der Tiefsee in ihrem Zentrum haben. Und so fange ich dann auch die Story an – mit der Einleitung über die Gruselgeschichten. Doch nach wenigen (dramatischen) Sätzen sagt unser Sohn:

"Auf der Titanic war auch eine Mumie, da war der Fluch der Pharaonen, aber das ist Blödsinn, weil da war keine Mumie, und es gibt keinen Fluch der Pharaonen und keine Geister, und die Mumien sind so fest gewickelt, dass sie nicht gehen können, sogar wenn sie gehen könnten ... bzzzzzzz ..."

Unser Sohn schläft mitten im Klugscheißen ein. Ich glaube, ich werde immer besser in meinem Bestreben. Doch Klugscheißen ist mein Job in der Familie.

Das Schwester(n)schiff

Vielleicht, so denke ich mittlerweile, sollte ich nicht so radikal von der Titanic ablenken, sondern sanft bei ihren Schwesterschiffen Olympic und Britannic anfangen. Diesmal ist auch ein A-Movie-Sujet dabei: Die junge Krankenschwester Violet Jessop fährt auf allen drei Schiffen, erlebt im Ärmelkanal den Zusammenstoß der Olympic mit einem Kriegsschiff und überlebt im Atlantik den Untergang der Titanic und in der Ägäis den Untergang der Britannic.

Und so fange ich an:

"Hast du gewusst, Sohn, dass da eine Frau war, die ist auf der Olympic und auf der Titanic und auf der Britannic gefahren?"

Er gähnt: "Jaaaaaaaaaaaaa ... bzzzzzzz ..."

Eigentlich, so fällt mir gerade auf, ist die Titanic ein zuverlässiger und schneller Einschlafbehelf.

Und dass ich der Faschist bin.

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Anastasia

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