SREBRENICA - DAS LANGE SCHLACHTFEST (Teil 3)

Die drei Gesichter des Todes

Das Morden nimmt drei Formen an. Die erste ist ist die Häufigste und kostet die Mehrzahl der Opfer in wenigen Tagen das Leben - Andere müssen viel länger auf ihren Tod warten, wissend dass er gewiss ist.

Nachdem die serbisch-bosnischen Einheiten männliche Muslime ab 13 und bis ins Greisenalter von den Frauen und Kindern trennen, werden die männlichen Opfer in Autobussen zu vorbereiteten Hinrichtungsstätten gebracht wo sie so schnell es geht erschossen und eingegraben werden. Anfangs versuchen Karremans Männer die Busse zu eskortieren, aber die serbisch-bosnischen Einheiten werfen sie einfach aus den Bussen. Oft fahren die Frauen und Kinder in den selben Fahrzeugen, die ihre Söhne, Ehemänner, Brüder und Väter kurz zuvor oder kurz danach in den Tod fahren. Die Fahrer sind serbische Fuhrunternehmer und ihre Angestellten aus der Republika Srpska, bezahlt werden sie aus dem Budget dieser „Republik“.

Einmal am Ort des Mordes angelangt, werden die Männer vor Maschinengewehre gehetzt und erschossen. Später melden sich Zeugen aus den Reihen der Täter, die Reue verspüren und ihren Frieden mit der Vergangenheit machen wollen. Ihre Berichte kannst du auf der HP des Haager Tribunals lesen. Nur ganz wenige der Opfer entkommen diesem systematischen Morden.

Die Zweite Form, die der Tod annimmt filmen die Täter selbst. Weil sie keine Profis sind, wie Mladić sondern „Patrioten“. Ohne das Wissen seiner „Offiziere“ filmt ein Angehöriger der „Škorpioni" des kriminellen Warlords Slobodan "Boca" Medić die Hinrichtung von einer Handvoll junger (und sehr junger Männer) in Trnovo nahe Sarajevo. Ich muss dir sagen, dass ich in einem heißen Sommer 2010 in Trnovo bin und die unmittelbare Stätte dieser Morde 15 Jahre nach der Tat mit eigenen Augen sehe: Ich erkenne das Haus und die Wiese davor, wo die Opfer von hinten mit kurzen Salven aus automatischen Waffen ermordet werden.

Diese Männer und Knaben sind sogenannte „Pakete“. Einen Teil der Mordkapazität überlässt Mladić den Paramilitärs. Kleine Gruppen aus Srebrenica (eine Handvoll und bis zu mehreren Dutzend) werden von den jeweiligen „Freischärlern“ an ihnen genehme Orte gebracht und dort relativ sorglos „entsorgt“. Der Ausdruck „Pakete“ ist das offizielle Codewort im Funkverkehr während der Organisation dieser Form des Genozids.

In diesem Film ist aber nicht nur die Ermordung zu sehen, sondern auch das Martyrium der Erniedrigungen die die Opfer erdulden müssen. Einer der Mörder ist zu hören wie er folgenden Satz zu einem Knaben sagt: „Hast du schon gefickt? Na... jetzt wirst du nie ficken!“ Ich denke, die unmenschlich zynische Grausamkeit die dieser Satz offenbart, ist das einzige Gesicht aller Massenmörder, die aus der Melange von Patriotismus, Religion und Kriminalität entstehen.

Der Film, der diese zweite Form des Todes von Srebrenica zeigt, ist – wie gesagt – jahrelang in einer Videothek im serbischen Šid, woher die Mehrzahl der Täter stammt, für „Freunde“ mietbar. Bis endlich die serbische Staatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen handelt und die Mörder verurteilt.

Wie viele dieser „Pakete“ noch in den Wäldern Bosniens ruhen, weiß niemand. Forensiker gehen von zahlreichen kleinen und mittleren Grabfeldern, die noch immer nicht entdeckt sind. Man gräbt nur soviel aus, wie für eine Anklage reicht. Der Rest wird zukünftigen Organisationen und der Weltgemeinschaft überlassen – als Teil der historischen Aufarbeitung und zur Schaffung von Gewissheit für die Hinterbliebenen der Opfer. Selten noch als Beweismittel in neuen Verfahren.

Die dritte Form, die der Tod von Srebrenica annimmt, ist die „Kolonne der Verzweifelten“. Sie hat eine eigene Zwischenüberschrift „verdient“.

Marsch durch Mordor

Am Abend vor dem Fall von Srebrenica beschließen die noch bewaffneten Angehörigen der muslimischen Einheiten von Naser Orić eine Verzweiflungstat. Sie bilden eine Kolonne aus Kämpfern und Zivilisten und wagen den Versuch auf muslimisches Territorium durchzubrechen. Zu diesem Zeitpunkt ist – hast du etwas anderes erwartet? - Kommandant Naser Orić längst in einem Hubschrauber ausgeflogen worden und verbringt diese Nacht und alle folgenden wohlbehalten in weichen Betten.

Die Spitze der Kolonne bilden die Erfahrensten und Stärksten. Sie bekommen den Großteil der Bewaffnung und der Munition. Die Logik: Sie sollen als Speerspitze den Weg für die Kolonne frei schießen, eine schwache Nachhut soll den Durchbruch absichern – so gut das alles geht.

Aber es geht nicht gut.

Die Kolonne wird auf halbem Weg im serbischen Territorium unter Feuer genommen und in zwei Teile getrennt. Während die Spitze der Kolonne unter enormen Verlusten den Durchbruch schafft, gerät der abgetrennte Teil in eine Hölle aus Explosionen, Mord, Totschlag, Vergewaltigungs- und Folterorgien. Die das überleben, werden wieder getrennt: Die Männer landen als „Pakete“ vor den Läufen der Warlords und die Frauen und Kinder werden nahe des Niemandslandes den lokalen serbisch-bosnischen Kräften zur „Weiterleitung“ übergeben.

Hier müssen diese Frauen und Kinder noch einmal Mord, Vergewaltigung und Folter erdulden: Die lokale Soldateska vergreift sich noch einmal nach Herzenslust an den Wehrlosen bevor sie über das Niemandsland gejagt werden. Frauen und Mädchen kommen oft nackt und blutend auf der anderen Seite an, manche der Vergewaltigten sterben später an den Folgen.

Die bosnische Regierungsarmee versucht einen Korridor frei zu kämpfen und der Speerspitze der Kolonne entgegen zu kommen, was teilweise gelingt. Doch die Knochen der Menschen, die im abgetrennten Teil der Kolonne sind, tauchen bis heute immer wieder aus ihren seichten Gräbern auf.

Die Massengräber, aus dem „industriellen“ Teil des Mordens werden zusätzlich in einem Vertuschungsversuch der serbisch-bosnischen Führung aufgegraben und in sogenannten „Sekundärgräbern“, Teils weit entfernt, wieder vergraben. Noch immer sind Hunderte Opfer aus Srebrenica einfach verschwunden.

Wie bleiche Gespenster aus einem blutigen Märchen.

Bei Sonnenuntergang

Der Stand der Dinge heute ist, dass die politischen Verantwortlichen für den Genozid von Srebrenica tot oder im Kerker sind. Und viele der militärischen, von Mladić abwärts bis zu den Schützen an den Massengräbern und bis zu den Warlords und ihren „Soldaten“. Aber wahr ist auch, dass viele Mörder und Vergewaltiger noch immer unter den „sauberen“ Menschen in Bosnien leben und wohl auch friedlich in ihren Betten sterben werden.

Die UN hat ihre Grenzen ausgerechnet auf dem blutigen Balkan gezeigt bekommen und sich als wenig taugliches Mittel erwiesen, um Völkermord zu verhindern, was ja eine ihrer selbst gestellten Kernaufgaben ist.

Die Politik, die hinter der UN steht, handelt stets nach dem feigen Prinzip der „Verhinderung eines Flächenbrandes“ - meist wenn die Fläche schon großflächig und lichterloh brennt – und nach dem ebenso feigen Prinzip des „Appeasements“ - obwohl seit Chamberlain bekannt ist, dass es mit exterminatorischen Entitäten, die ihr „Volk“ retten wollen, keine Verhandlungen geben sollte.

Es fehlt der Weltgemeinschaft nie am militärischen Potenzial den dümmsten aller Kriege und seine Verbrechen gar nicht erst stattfinden zu lassen. Es fehlt nur stets an Weitsicht, Ehrlichkeit und Vision.

Und simplem Humanismus in Action - wenn´s sein muss - auch unter Waffen!

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