VW hat heute nicht angekündigt, weltweit 100.000 Arbeitsplätze abzubauen. Nein, angekündigt wurde gar nichts. Die Nachricht ist einfach nur „durchgesickert“, wie ein Ölfleck unter einem alten Golf II. Und wie bei jedem guten Ölfleck versucht man, schnell den Teppich drüberzulegen, bevor jemand fragt, woher das eigentlich kommt. Denn wenn man es offen sagen müsste, müsste man auch erklären, warum ein Konzern dieser Größe und mit dieser Geschichte so spektakulär gegen die Wand fährt – und das wäre dann doch etwas viel Ehrlichkeit für einen Freitag.
„Weltweit“ heißt es. Ein schönes Wort. Es klingt groß, global, bedeutend – und vor allem: Es verhindert, dass man die Schuld reflexartig auf deutsche Energiepreise oder deutsche Löhne schieben kann. Denn wenn es wirklich daran läge, würde man ja nur hierzulande abbauen. Aber nein, diesmal trifft es alle. Ein globaler Kahlschlag. Ein universelles Eingeständnis, dass die Probleme nicht an der Steckdose hängen, sondern im Vorstandsetage‑Obergeschoss, wo man jahrelang dachte, die Zukunft sei ein optionales Zubehörpaket.
Zugegeben: Für die Zölle der US‑Regierung kann VW nichts. Das ist tatsächlich der eine Punkt, bei dem der Konzern unschuldig ist. Aber es bleibt eben auch der einzige Punkt. Der Rest ist hausgemacht, selbstgekocht, selbst serviert – und jetzt wird er kalt.
Dann wäre da noch China. Der Markt, der lange als Rettungsanker galt, als goldene Brücke in die Zukunft. Blöd nur, dass dort inzwischen rund 60 % der Neuwagen Elektroautos sind. Und noch blöder, dass der durchschnittliche chinesische Käufer nicht unbedingt nach einem Oberklasse‑E‑SUV für 80.000 Euro sucht, sondern nach etwas, das man sich leisten kann, ohne vorher die Wohnung zu verkaufen. Das ist keine überraschende Erkenntnis, das ist eher so etwas wie: Grundwissen. Marktwirtschaft 1.0. Jeder konnte das wissen.
Und tatsächlich: Schon 2019 soll Robert Habeck VW gewarnt haben, dass es Probleme geben wird, wenn man bis 2025 kein günstiges E‑Auto anbietet. Nun ja – er hat sich um ein Jahr vertan. Aber im Großen und Ganzen lag er nicht daneben. Man könnte fast sagen: Es war vorhersehbar. Und das ist ja das eigentlich Peinliche.
Schauen wir also auf die Werke in Deutschland. Zwickau zum Beispiel. Das Werk, das ausschließlich E‑Autos baut – und in dem gleichzeitig ein AfD‑nahes Bündnis bei Betriebsratswahlen Stimmung gegen das E‑Auto machte. Ein Werk, das E‑Autos baut, in dem aber Teile der Belegschaft gegen E‑Autos mobilisieren. Das ist ungefähr so, als würde ein Bäcker gegen Brot protestieren. Es hat ein gewisses „Geschmäckle“, wie man im Süden sagt. Und wenn ich Vorstand wäre – ich würde mir gut überlegen, ob ich mir so ein Pulverfass im Konzern halte, wenn ich Standorte schließen muss.
Dann wäre da noch Neckarsulm. Audi A5, A6 – Verbrenner. Oberklasse. Genau das Segment, in dem Elektroautos inzwischen richtig Fahrt aufnehmen und Tesla längst den Takt vorgibt. Da noch mit klassischen Verbrennern Geld verdienen zu wollen, ist ungefähr so aussichtsreich wie der Versuch, Faxgeräte wieder groß rauszubringen.
Und so steht VW nun da, mit 100.000 Stellen weniger, ohne offizielle Ankündigung, ohne klare Strategie, aber mit sehr viel Erklärungsbedarf. Nur erklären will es niemand. Verständlich. Denn wer will schon zugeben, dass die Zukunft nicht plötzlich über uns hereingebrochen ist – sondern dass man sie jahrelang ignoriert hat.