Ist die Piratenpartei Österreichs noch zu stoppen?

"Hurra" und "Hussa" schallt es seit Dienstag von den Mündern der beiden Parteichefs Harald Bauer und Roland Schneider. Der Grund ist natürlich der aktuelle Wahlkampf. Seit mehr als einem Jahr gab es für die Funktionäre politisch nichts zu tun außer langweilige Sitzungen abzuhalten und zu beraten, was man Sinnvolles tun könnte für die wichtigen Piratenziele Frauenemanzipation, richtiges Gendern und mehr Mitsprache ohne mehr Anstrengung. In diese Idylle platzte Ex-Piratenchef Marcus Hohenecker mit der Neuigkeit: "Wahltermin vorverlegt! NRW 2018 schon 2017!" Augenblicklich wurde eine Arbeitsgruppe gegründet um zu ermitteln, wie viele aktive Mitglieder die Partei eigentlich noch hat außer Harald Bauer, Roland Schneider und Marcus Hohenecker.

Fast zehn Leute in der AG NRW

Der Appell zum Plaudern wirkte: nicht weniger als sage und schreibe zehn Männer versammelten sich am Dienstag in einer zweistündigen Online-Telefon-Konferenz, darunter sogar welche, von denen noch nie zuvor wer gehört hatte. Sogleich war man sich einig: ohne Arbeit kein Wahlkampf, ohne Wahlkampf kein Einzug. Etwaige Hindernisse konnten rasch identifiziert werden. Haupthindernis: was politische Arbeit ist, wisse kaum jemand in der Partei, überhaupt ist das Konzept "Arbeit" innerhalb der Piratenpartei Österreichs ein weißer Fleck auf der politischen Landkarte. Zum Glück hatte Marcus Hohenecker eine fantastische Idee: Anatol.

Anatol, erhebe dich!

Anatolij Volk hatte es nie leicht in der Piratenpartei. Als glühender Verehrer der Piratenfolklore, beseelt von seinen Vorstellungen von Bürgermitbestimmung und Regime-Kritik, fand der Mann 2012 aus ungeklärten Gründen seine politische Heimat bei den Piraten Österreichs, obwohl sich historische Piraten oder Bürgermitbestimmung dort in erster Linie als Lippenbekenntnisse des großen Vorsitzenden Christopher Clay zeigten. Lippenbekenntnisse, die dem damaligen Piratenchef mit den lila Haaren viele Freunde in der Partei verschafften, die ebenfalls gerne was mit dem Mund vollbrachten. Anatol, ein begeistertes Motormaul und Querulant, scheute sich nie, gegen diese Oralpraktik der Cliquenbildung aufzutreten, und ging 2013 mit gutem Beispiel voran: Arbeit statt Party! In der glühenden Hitze des Superwahljahres 2013 sammelte Anatol trotz Rückenbeschwerden weit über 100 Unterschriften, was die machtbesessenen Alleinherrschern in der Piratenpartei ziemlich umhaute. Anatols Führen durch Vorbild wirkte und riss letzten Endes über hundert Parteigänger mit, die bald in ganz Österreich Unterstützungserklärungen sammelten. Resultat: dank Anatolij Volk konnte die Piratenpartei Österreichs erstmals zu einer Nationalratswahl antreten. Leider reichte es nur zu 0,79 Prozent, weil Christopher Clay seinen Auftritt in der Nachrichtensendung von Lou Lorenz-Dittlbacher völlig vergeigte. Spitzenkandidat Mario Wieser war überhaupt ungeeignet fürs Fernsehen, weil sich für den angewiderten Default-Gesichtsausdruck des Informatikers nur der mütterliche Blick eines lilahaarigen Parteichefs erwärmen konnte, welcher ihn als "Spika" auserwählt hatte.

Dieser durch Flaschen an der Spitze herbeigeführte Wahlflop trotz Selbstaufopferung wurmte Anatol, und er verließ 2015 die Partei, um für seine "Robin Hood"-Liste Wahlkampf im 2. Bezirk zu machen. Marcus Hoheneckers Idee, Zentralschaffe Anatol wieder in die Partei zu holen, um wieder mit gutem Beispiel voranzugehen, ist also schon mal total top. Bleibt nur zu hoffen, dass irgendjemandem auch eine Top-Idee kommt, aus welchem Grund Anatol sich darauf einlassen sollte. Vielleicht sammelt er 2017 lieber Unterstuetzungserklärungen für eine andere Partei, z.B. seine eigene.

Keine Wahlbündnisse mehr

Aus ideologischen Gründen ist ein Wahlbündnis mit der KPÖ ausgeschlossen. Zu tief ist die Kluft, die sich bei den wichtigsten Themen auftut. KPÖ wollte die grüne Eminenz Alexander van der Bello als Bundespräsidenten, Piraten wollten Kiffer-Opa Alexander van der Hinten. KPÖ will Gendern mit dem Binnen-I "Innen", Piraten verwenden fürs Gendern lieber "*sternchen". KPÖ will Quotenfrauen, Piraten wollen jemanden wie Mutti. KPÖ will schönes Wohnen bei vollem Lohnausgleich, Piraten wollen mehr sozial, vor allem beim Wohnen. KPÖ will das Regime weg haben, Piraten wollen das Regime weg haben. Wegen solcher weltanschaulichen Differenzen ist die Piratenpartei heute die unideologischste Partei von Österreich. Dieses Alleinstellungsmerkmal in einem Wahlbündnis zu verschenken wäre der reine Wahnsinn. Und ist wegen der märchenhaften Aussichten vollkommen überflüssig.

Fehlt nur...

Nach einer jahrelangen Erholungspause, welche die breite Öffentlichkeit nur noch neugieriger auf die Piratenpartei gemacht hat, ist das Piratenschiff gut erholt und geil auf Wahlkampf. Es ist alles bereit für eine Kampagne, und die geneigten Leserinnen und Leser können Gift darauf nehmen, dass Wahlkampf auf der nächsten Bundesgeneralversammlung im Juli oder August ein Thema sein wird, wenn nicht sogar DAS Thema. Dann wird auch besprochen, wer sich um die Details kümmern sollte:

  • Kandidaten müssen her
  • Broschüren und Flugzettel müssen gedruckt werden
  • Wahlkampfprogramm muss her
  • Die Frage, wie man mehr Leute in die Partei bekommt, die gratis was hackeln, weil kein Geld da ist
  • Gratis-Befehlsempfänger für Funktionäre müssen her
  • Welche Landesorganisationen gibt es eigentlich noch?
  • Welches der Themen Emanzipation, Wohnen und Gendern interessiert die Wähler am meisten?
  • Konzepte, Konzepte, Konzepte -- zum Glück hat die Piratenpartei mehrere Hochleistungs-Think-Tanks, darunter den Kommunikations-Wesir Harald "Superhirn" Bauer

Fazit

Ein Sturm wird kommen. Alle fürchten sich vor dem Rechtsruck, dabei wird es zu einem Piratenpartei-Ruck kommen.

Links

Audio-Protokoll der ersten Sitzung der AG NRW: https://wiki.piratenpartei.at/w/images/6/66/AGNRW16-05-2017.ogg

Das beste sind wie immer die Flanging- und Echo-Artefakte der Konferenz-Software. Pink Floyd und Herbie Hancock lassen grüßen! So wird sogar aus dem Gelaber eines Bundesvorständers hörenswerte Avantgarde!

Anatolij Volk in der Presse: http://diepresse.com/home/innenpolitik/4796788/WienWahl_Robin-Hood-kommt-BZOe-geht

Roland Schneider über seine Partei: https://basis.piratenpartei.at/blog/2017/02/28/das-ist-abspalterei/

Eine Parteiführung kann immer nur so gut sein wie ihre Gratis-Befehlsempfänger, so der Chef-Autor.

"Wir haben ein tolle Satzung, ein funktionierendes System, eine Marke. Wir haben Basisdemokratie, wir haben Infrastruktur. Was wir nicht haben, sind genügend Aktivisten und Aktivistengruppen, Arbeitskreise, Themensprecher." [Fehler im Original.]

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hagerhard

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KlausBärbel

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