Ist das Kunst oder kann das weg?

„The Sound of Silence“ – Wer hat da nicht gleich die Musik von Simon & Garfunkel im Kopf? 12 Jahre vor der Erstfassung dieses Titels gab es einen Klang der Stille der etwas anderen Art. Am 29.8.1952 setzte sich der Pianist David Tudor um 20.15 Uhr in der Maverick Concert Hall in Woodstock (New York) an seinen Flügel, rückte sich zurecht und klappte den Flügel zu. Nach exakt 4 Minuten und 33 Sekunden klappte er ihn wieder auf, stand auf und verneigte sich vor dem Publikum. Was hatte man in den vergangenen 4:33 vernommen? Nichts. Kein einziger Ton kam aus dem Flügel. Aber, hörte man wirklich nichts? Jeder Zuhörer an jenem Abend, der in der Halle saß, konnte ja seine Ohren nicht verschließen und sein Gehör abschalten. Also hörte man, was man so hören konnte in seiner Umgebung. Husten, Räuspern, Geräusche von Ungeduld oder gar Unmut, vielleicht auch Lärm von draußen. Und genau das war der Sinn, wenn man denn einen solchen überhaupt finden wollte, den der Komponist mit seiner „Komposition“ bezwecken wollte. Alle Klänge können zu Musik werden, so JOHN CAGE zu seinem Werk „4:33“.

Ist das alles Kunst oder kann das weg?

Heute, am 5. September 2021, gibt es in der St. Burchadi-Kirche in Halberstadt etwas zu feiern. Seit 20 Jahren wird dort das langsamste und damit auch längste Musikstück der Welt zu Gehör gebracht. Aber damit endet es nicht etwa im Laufe des heutigen Tages. Nein, das Werk wird noch weitere 619 Jahre zu hören sein.

Es handelt sich sinnigerweise um das Werk „ASLSP“ , auf deutsch: „As slow as possible“, also so langsam wie eben möglich.

Nun hört man nicht etwa nichts. Seit dem 5. September 2001 ertönen in der St. Burchadi-Kirche in Halberstadt ununterbrochen einige ganz wenige Orgeltöne von einer insgesamt vierseitigen Partitur auf einer extra für dieses Werk angefertigten Orgel. Diese Orgel benötigt für die Darbietung von „ASLSP“ naturgemäß keine(n) Organisten. Auch sind nur wenige Orgelpfeifen erforderlich, die über die Jahre hinweg immer mal wieder ausgewechselt werden. Die zur Tonerzeugung erforderliche Balganlage ist durch ein zuschaltbares Ersatzgebläse abgesichert, so dass man hofft, in den 639 Jahren Aufführungszeit keinen Ausfall erleben zu müssen. Diesen gab es allerdings, wie man liest, gleich zu Anfang. Nicht etwa einige Minuten oder Stunden oder gar Tage. Nein, annähernd eineinhalb Jahre war lediglich der Gebläseton zu hören, so dass erst am 5.2.2003 die erste Orgelpfeife zum Einsatz kam.

Ein jeder Pfeifenwechsel wird, wie es heißt, in der Burchadi-Kirche stets von zahlreichen Zuschauern begleitet.

wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/ORGAN%C2%B2/ASLSP

Warum soll „ASLSP“ nun ausgerechnet 639 Jahre zu hören sein? Dies der Zeitraum zwischen dem Einbau der alten Domorgel im Jahr 1361 und dem ursprünglich vorgesehenen Aufführungsbeginn im Jahr 2000. Wegen Geldmangel musste die Aufführung allerdings auf den 5.9.2001 verschoben werden.

Halten wir also fest:

Heute vor 20 Jahren wurde mit der Aufführung des langsamsten und damit längsten Musikstückes der Welt namens „ASLSP“ auf einer eigens für das Werk gebauten Orgel begonnen, das insgesamt 639 Jahre gespielt wird, ohne Wiederholungen oder gar Endlosschleifen, und damit im Jahre 2640 sein sicherlich wohlverdientes Ende finden wird.

Ist das nun Kunst oder kann das weg?

Nachbemerkung:

Ich bin weder John Cage Fan, noch stamme ich aus Halberstadt. Auch bin ich nicht Mitglied im Verein des John-Cage-Orgel-Kunst-Projekts. Ich habe lediglich heute Morgen das Kalenderblatt meines Musikkalenders abgerissen und fand für heute den Hinweis auf dieses einzigartige Jubiläum...

Weitere Informationen sind u.a. hier zu finden:

https://www.aslsp.org/de/

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