Diese Zeit fordert ihren Tribut von den Menschen. Es hat den Anschein, als würden die Überlebenden des 20. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert eine Position suchen, durch die sie sich der Welt erklären können und die Welt durch die eigene Positionierung miterklären können. Die Dinge sind so oder so. Meist sind sie schwarz oder weiß. Schattierungen sind nicht erwünscht, weil kaum fassbar. Man bezieht eindeutig Position, als bereite man sich auf eine Art Verhör vor und stimmt sich schon auf die Antworten ein. Man glaubt, bei diesem Verhör würden Fragen gestellt werden, die so oder ähnlich lauten: Bist du links oder rechts, gut oder böse, ehrlich oder verlogen, mutig oder feig? Was denkst du, meinst du, sprichst du? SAG MIR, AUF WESSEN SEITE STEHST DU? STEHST DU AUF DER RICHTIGEN ODER DER FALSCHEN SEITE?

Hannah Arendt schrieb 1948: "In einer Welt wie der unseren, in welcher die Politik in einigen Ländern es längst nicht mehr bei anrüchigen Seitensprüngen beläßt, sondern eine neue Stufe der Kriminalität erklommen hat, hat jedoch die kompromißlose Moralität plötzlich ihre alte Funktion, bloß die Welt zusammenzuhalten, verändert und ist zum einzigen Mittel geworden, mit dem die eigentliche Realität - im Gegensatz zur von Verbrechen entstellten und im Grunde nur kurzlebigen Faktizität - erkannt und planvoll gestaltet werden kann. Nur diejenigen, die noch in der Lage sind, sich nicht von den Nebelschwaden beirren zu lassen, die aus dem Nichts fruchtloser Gewalt hervortreten und sich wieder dorthin verflüchtigen, können mit so gewichtigen Dingen wie den ständigen Interessen und der Frage des politischen Überlebens einer Nation betraut werden.“

Solche Worte sind zeitlos. Immer wieder zieht, gleich einer dunklen Wolke, eine Ära herauf, die den Eindruck erweckt, man müsste Farbe bekennen. Bald darauf beginnt die Flucht. Man schlägt sich seitlich in die Büsche und versteckt sich. Kaum jemand flüchtet vorwärts. Die meisten flüchten nach links oder rechts. Manch einer läuft auch verwirrt zurück. Das ist ein groteskes Schauspiel. Ich denke nicht daran, an ihm teilzunehmen! Wer seitlich in die Büsche springt, kann noch nicht weit gegangen sein. Der darf sich gerne links oder rechts verstecken. Es ist zwar bedauerlich, wenn nur ein Bruchteil vorwärts geht, aber wenigstens herrscht nicht so ein Gedränge. Bleibt also ruhig sitzen in den Büschen und wartet, bis ihr abgeholt werdet! Die Vorwärtsgeher holen die Kastanien für euch aus dem Feuer.

Zwei Seiten sind kein Ganzes, wenn eine Trennlinie dazwischenliegt. Wer teilt sich gern? Wer ist des Teilens würdig? Ganze Menschen kann man nicht teilen. Also bleibt schön sitzen, die Welt wird davon weder besser noch schlechter.

Der Ort der Vorwärtsgeher ist ein angenehmer Ort. Links oder Rechts gibt es dort nicht, sondern nur Links UND Rechts. Es gibt dort nicht Licht oder Schatten, sondern Licht UND Schatten. Licht und Schatten schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Sie bedingen einander und werden von Vorwärtsgehern als ein Ganzes wahrgenommen. Davon habt ihr Seitensitzer noch nie etwas gehört. Dabei weiß das jede Fliege, die mittig über die Fensterscheibe hochläuft. Nur eine angeschlagene Fliege klettert an den Rändern hoch.

Der Mensch muss sich nicht entscheiden. Er kann auch Wanderer zwischen den Welten sein. Sich für eine Seite entscheiden heißt, die andere Seite auszublenden. Das ist wie ein halbes Leben oder das Gehen auf einem Fuß oder das Sehen mit einem Auge.

Zwei Beine - ein Weg. Zwei Augen - ein Blick. Zwei Hände - ein Werk.

Aber: Bleibt nur schön sitzen und stimmt euer Liedchen an! Ihr werdet es brauchen, wenn das Narrenschiff gegen die Wand fährt.

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