Die Mächtigen, die Macht und der Sex

Nicht Macht macht gefährlich – sondern ungeheilte Kränkung

Die Gazetten sind derzeit voll davon. Epstein und sein Gefolge. Voll von Sex und Macht und konkrete Namen, die man öffentlich kennt. Was ans Tageslicht kommt, ist nicht wirklich neu, sondern das gab es schon immer im Laufe der Menschheitsgeschichte: Die Verquickung von Sex und Macht in allen Kreisen, nicht nur in denen der Mächtigen. Doch letztere sind erst die Schlagzeilen wert, die Auflage bringen. Man kennt ihre Gesichter, ihre Namen. Die der Opfer kennt man in der Regel nicht. Sie erscheinen oft nur als Randnotiz, weil es um sie letztlich nicht (wirklich) geht. Fatal! Was Schlagzeilen liefert, sind die Täter, die alle kennen.

Sex und Macht werden oft als moralische Gegensätze behandelt – der eine Trieb eine private Angelegenheit. Der andere Trieb politisch oder wirtschaftlich entscheidend. In Wahrheit entspringen beide derselben Quelle: dem Wunsch nach Wirksamkeit. Nach Geltung. Auch dem Wunsch nach Berührung, nach Resonanz, nach Bedeutung. Hiernach verlangt der Mensch. Und nicht nur nach dem Gefühl, nicht bloß vorhanden zu sein, sondern etwas auszulösen –im Gegenüber, in der Welt.

Beide Kräfte können nähren – oder vergiften. Nicht durch ihre Existenz, sondern durch Reife oder Unreife. Wenn der sexuelle Trieb nachlässt, stirbt die Lebensenergie des Menschen noch lange nicht. Sie sucht sich ein neues Ausdrucksfeld. Im reifen Menschen verwandelt sie sich in Kreativität, Fürsorge, geistige Tiefe, Humor, Gelassenheit. Im unreifen Menschen jedoch schlägt sie oft um in Kontrolle, Dominanz, Ideologie, Zwang zur Überlegenheit. Dann wird Macht nicht mehr Gestaltung, sondern Ersatzhandlung. Ob dieser Zusammenhang den Tätern bekannt ist?

Nicht selten ist extreme Macht kein Zeichen innerer Stärke, sondern innerer Fragilität. Wer sich selbst nicht halten kann, versucht andere zu halten. Wer sich selbst nicht spürt, braucht Unterwerfung. Wer sich selbst nicht vertraut, verlangt Gehorsam. Stellvertreterhandlungen, Ersatzhandlungen, die unerkannt bleiben?

Egoismus, so ist zu vermuten, ist in diesem Sinne kein Zeichen eines starken Ichs, sondern eines verletzten. Je stabiler ein Mensch innerlich ist, desto weniger muss er andere klein machen, um groß zu erscheinen. Reife Menschen wollen ermöglichen. Unreife Menschen wollen beherrschen.

Das Tragische: Machthaber erkennen diese Dynamik meist nicht. Macht verzerrt Wahrnehmung. Narzissmus blockiert Selbstreflexion. Angst verengt ihr Denken und ihr Fühlen. So entsteht der fatale Irrtum, man sei notwendig, unverzichtbar, alternativlos – während man in Wahrheit oft nur kompensiert.

Sex und Macht sind also keine siamesischen Zwillinge. Sie sind Geschwister aus derselben Energie. Ob sie sich lieben oder bekämpfen, ob sie dienen oder zerstören, hängt nicht vom Trieb ab – sondern vom allein Bewusstsein, das ihn lenkt.

Am Ende ist nicht entscheidend, wie viel Macht jemand hat, sondern wie viel innere Freiheit. Denn nur wer sich selbst nicht beherrschen muss, muss auch andere nicht beherrschen.

Christa Schyboll ... www.christa-schyboll.de

1
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

berridraun

berridraun bewertete diesen Eintrag 08.02.2026 14:57:33

Noch keine Kommentare

Mehr von Anadevi