Anlässlich meines letzten Blogs „Kind ohne Geschlecht“ ist die Frage aufgetaucht, wie man denn merkt, dass man, als transidente Person, im „falschen Körper“ steckt.

In meinem Fall lief das ungefähr folgendermaßen ab: ich wusste schon im Kindergarten, dass bei mir etwas anders war. Wenn wir „Familie“ gespielt haben, schnappte ich mir aus dem Bekleidungsfundus einen Rock, und übernahm so gut wie immer die Rolle der Mutter und Ehefrau. Und fühlte mich gut dabei. Interessanterweise wurde ich damals nie von den anderen Kindern gemobbt oder belächelt, und auch die Kindergartentanten ließen mich gewähren. Ich kann mich an kein einziges negatives Wort erinnern. Wenn man bedenkt, dass dies in den 1970ern passiert ist, waren manche damals in ihrem Gedankengut weiter, als es so manche konservativen Politiker heute sind. Und um gleich einigen „Schnelldenkern“ den Wind aus den Segeln zu nehmen: Hätte man mich damals im Kindergarten daran gehindert, die Rolle der Frau zu übernehmen, ich hätte mich trotzdem zu der Person entwickelt, die ich heute bin. Ich wurde im übrigen als Kind weder misshandelt noch sexuell missbraucht. Meine Eltern waren nicht besser oder schlechter als andere Eltern. Meine Kindheit war behütet, es fehlte mir an nichts. Wenn es also keine äusseren Einflüsse gab, woran liegt es also, dass manche Menschen transident werden?

Wie schon im letzten Blog erwähnt, gehen die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse davon aus, dass der Ursprung bereits in der pränatalen Phase liegt.

Diesbezüglich möchte ich einen wissenschaftlichen Artikel aus der Zeitung „Psychologie in Österreich“, Volume 36, September 2016, zitieren: Georg S. Kranz schreibt unter dem Titel „Neuronale Korrelate der Geschlechtsidentität“ (Seite 215): „…Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung der 1960er und 1970er Jahre, dass Kinder tabula rasa geboren werden und erst im Laufe der frühen Sozialisierung eine Geschlechtsrolle erlernen, geht man heute davon aus, dass Geschlechtsidentität bereits in einem kritischen Zeitfenster während der intrauterinen Hirnentwicklung festgelegt und in das sich entwickelnde Gehirn quasi programmiert wird. In den ersten Schwangerschaftsmonaten kommt es zur Anlage der Geschlechtsorgane unter der Wirkung von Geschlechtshormonen. In Anwesenheit von Testosteron entwickeln sich die Anlagen der männlichen Geschlechtsorgane, in Abwesenheit von Testosteron kommt es zur weiblichen Sexualdifferenzierung. Mit der 13. Schwangerschaftswoche ist dieser Prozess abgeschlossen. Demgegenüber findet die Geschlechtsdifferenzierung des Gehirns erst in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft statt. Auch hier geht man von einem direkten Einfluss von Testosteron aus. Ist Testosteron vorhanden, kommt es zur Vermännlichung, ansonsten zur Verweiblichung der Hirnstruktur. Durch die Tatsache, dass die Ausdifferenzierung der Geschlechtsorgane und die Geschlechsdifferenzierung des Gehirns zeitlich voneinander getrennt sind, ist es möglich, dass beide Prozesse unabhängig voneinander beeinflussbar sind. In seltenen Fällen kann es beispielsweise zu einer Vermännlichung der Geschlechtsorgane, aber einer fehlenden Vermännlichung des Gehirns (oder umgekehrt) und damit zur biologischen Grundlage von Transidentität kommen. …“

Um diese Theorie zu untermauern, möchte ich hier auch die traurige Geschichte von David Reimer aufwerfen, der als John/Joan-Fall in die Wissenschaftsgeschichte einging: David, 1965 in den USA geboren, wurde bei einem fehlerhaften chirurgischen Eingriff im Alter von 8 Monaten sein Penis irreversibel zerstört. Auf Anraten des Sexualwissenschafters John Money entschieden sich seine Eltern dazu, eine geschlechtsverändernde Operation durchführen zu lassen und den Jungen als Mädchen zu erziehen. Im Alter von 22 Monaten wurden David die Hoden entfernt und aus der Haut seines Hodensacks Schamlippen geformt. David wurde ab diesem Zeitpunkt Brenda genannt. Darüber hinaus wurde David etwa ab dem 12. Lebensjahr mit weiblichen Hormonen behandelt.

Die Forscher wollten an David ein Exempel statuieren, und feierten das Kind als eindeutigen Beweis dafür, dass die Erziehung in den frühen Lebensjahren eine Hauptrolle bei der Ausprägung der geschlechtsspezifischen Identität spiele. Demnach wurde David von Money als „normales, glückliches Mädchen“ beschrieben; Spätestens in der Pubertät wurde jedoch klar, dass er sich keineswegs in seiner ihm zugeschriebenen weiblichen Rolle wiederfinden konnte. Familie und Freunde beschrieben ihn als ein zutiefst unglückliches Kind mit großen sozialen Problemen. Mit 14 Jahren wechselte er in die Rolle des Mannes zurück. Er unterzog sich einer konträren Behandlung mit Brustentfernung, Testosteroninjektionen und Phalloplastik. Trotzdem beging David, nach jahrelanger Depression und finanzieller Instabilität, am 4. Mai 2004, im Alter von 38 Jahren, Suizid.

Dieser und ähnliche Fälle zeigen den Einfluss der pränatalen Prägung auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität.

Aber zurück zu mir: abgesehen von meinen Ausflügen in die Welt der Rollenspiele im Kindergarten, wusste ich nicht wirklich, was mit mir los war. Ich bemerkte eine Erleichterung und Wohlempfinden, wenn ich alleine zu Hause war, und dann heimlich die Kleidung meiner Mutter anzog. Ja, heimlich. Interessanterweise hat man schon als Kind dieses ständige Gefühl, dass es verboten, oder zumindest „nicht normal“ sei, obwohl man gar keine Ahnung hatte, worum es sich denn hier überhaupt handle. In den 70er Jahren waren wir noch weit vom Internet-Zeitalter entfernt, und Lifestyle-Zeitschriften, die über alle möglichen Kuriositäten berichteten, waren ebenfalls nicht im heutigen Ausmaß vorhanden. So dämmerte mir, dass ich eventuell der einzige Mensch auf der Welt sein könnte, der dieses seltsame Bedürfnis hatte. Ich war als Kind eher zierlich und klein, und da ich auch etwas längere Haare trug, wurde ich des öfteren für ein Mädchen gehalten. Was zu gespaltenen Reaktionen meinerseits führte. Nach aussen hin musste ich mich natürlich empören. Welcher „Junge“ lässt sich schon gerne als Mädchen bezeichnen? Innerlich jubelte ich jedoch. Ich war aber nicht das durchwegs „typische“ Transkind. Denn ich interessierte mich auch für Fußball. Und ich konnte recht schnell laufen, was immerhin in einer, wenn auch mäßig erfolgreichen, Leistungssport-Karriere in der Leichtathletik, gipfelte. Durch diese sportlichen Fähigkeiten blieb mir Gehänsel bezüglich meiner Femininität erspart.

Natürlich fragte ich mich einerseits, warum gerade ich „so“ war, andererseits wollte ich es aber auch nicht missen, weil ich mich jedes mal, wenn ich heimlich in die Rolle der Frau schlüpfen konnte, unglaublich wohl fühlte. Trotzdem befand ich mich im ewigen Kampf mit mir selber. Der Versuchung nachgeben oder dagegen ankämpfen? Meist konnte ich nicht widerstehen und gab nach. Ich traute mich auch immer mehr, und nutzte die Zeit, wenn ich mal ein paar Stunden alleine zu Hause war, immer besser aus. Irgendwann begann ich, mit Lippenstift und Schminke zu experimentieren, nur um festzustellen, dass sich diese Produkte nicht so einfach mit Wasser wieder entfernen ließen. Panisch rubbelte ich mir die Gesichtshaut und Lippen wund, nur um möglichst alle Spuren zu beseitigen, bevor meine Eltern wieder zurück kamen. Manchmal war es eben learning the hard way.

Es dauerte bis zu meinem 14. Lebensjahr, bis ich endlich in einer Zeitschrift einen Artikel über Transsexualität las. Und mich sofort wiedererkannte. Ja, das war es. Was hier beschrieben wurde, traf auf mich zu. Meine seltsame Neigung hatte nun einen Namen. Und - viel wichtiger, ich war offensichtlich doch nicht die einzige Person auf der Welt mit dieser Veranlagung.

Trotz dieser Erleuchtung war ich noch immer weit davon entfernt, mich irgendjemandem anzuvertrauen. Es geschah alles auch weiterhin heimlich.

Mit 14 bekam ich, zu allem Überdruss, auch nochmal einen Wachstumsschub, und wuchs somit aus den meisten Kleidern und den Schuhen meiner Mutter raus. Es gab nur noch vereinzelte Sachen, die mir passten. Sehr zu meinem Missfallen. Online-Shopping gab es damals, eben mangels Internet, nicht. Und wo hätte ich denn die Sachen hinbestellen sollen, im Elternhaushalt? Irgendwann fand ich dann doch heraus, dass man auch postlagernd bestellen kann. So sparte ich Taschengeld und bestellte mir beim Quelle-Katalog das eine oder andere Kleid, von dem ich dachte, es könnte mir passen. Und lernte ziemlich bald, dass es eine Sache ist, wenn ein Topmodel ein Kleid trägt, aber eine ganz andere, wenn man dasselbe ohne weibliche Kurven überzieht. Naja, an die Öffentlichkeit traute ich mich, zum Glück, damals ohnehin noch nicht.

Um das ganze jetzt abzukürzen: mit ungefähr Mitte 20 outete ich mich zunächst bei meiner Mutter. Und sie reagierte so, wie man es sich als transidenter Mensch von seiner Mutter nur wünschen kann: sie meinte, egal ob männlich oder weiblich, Hauptsache glücklich. Ich weiss von vielen Freundinnen aus der Trans-Szene, dass dies durchaus nicht selbstverständlich ist, und ich hier echtes Glück mit meiner Mutter hatte.

Es mussten auch einige Beziehungen und Partnerschaften zu Bruch gehen, bis ich die Stabilität und Akzeptanz gefunden habe, die mir meine derzeitige Partnerin gibt. Und das seit bereits sechs Jahren. Erst durch ihre Unterstützung lernte ich, mich selbstverständlich als Frau in der Öffentlichkeit zu bewegen. Und ich weiß heute: es ist so gut wie alles möglich. Vielleicht gehe ich auf mein späteres Leben in einem gesonderten Blog ein.

In der Arbeitswelt und vor meinem Sohn bin ich nach wie vor Mann. Wann und ob sich das ändert, wird die Zeit zeigen. Ich bin jedenfalls schon gespannt, was die Zukunft bringen wird.

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