2. Lektion: Sprechen und Denken - ein komplexer Zusammenhang

Das Verhältnis von Sprache und Bewusstsein oder Sprechen und Denken ist eins der schwierigsten Kapitel der Sprachphilosophie und der Psycholinguistik. Eine Untersuchung und vorläufige Beantwortung der Frage, wie Sprechen und Denken zusammenhängen, ist aber wesentlich sowohl für das Gendern wie auch die Kritik daran. Das Problem ist, dass sich die relevanten Vorgänge im Gehirn abspielen und dass sie dort behandelt werden als black-box-Phänomene, wie das die Hirnforschung generell tun muss, auch wenn sie inzwischen raffinierte bildgebende Verfahren entwickelt hat.

Meine Kritik an den Sprachfeministinnen ist, dass sie den Zusammenhang zwischen Sprache/Sprechen und Bewusstsein/Denken unzulässig vereinfachen und damit die wahren Faktoren des Sprachwandels verkennen.

Die Gender-Theorie sowie die Sprachfeministinnen unterstellen einen unmittelbaren, manchmal sogar linearen Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken nach dem Muster: Die Sprache beeinflusst das Denken, also müssen wir die Sprache ändern, damit sich das Denken ändert. Deshalb kann überhaupt erst die Idee aufkommen, dass über feministische Sprachpolitik (Gendern) ein neues Denken (in Richtung mehr Geschlechtergerechtigkeit) gefördert werden könnte. Sie treiben damit die Sapir-Whorf-Hypothese auf die Spitze, eine Theorie, die schon längst nicht mehr Stand der Forschung ist. Die Macht der Sprache wird überbewertet, es sind schon fast sprachmystische Vorstellungen im Spiel. Interessant dazu das Video von Philipp Hübl „Macht und Magie der Sprache“ https://www.youtube.com/watch?v=7Hw-hWtix8E

Der Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken ist bei genauerer Betrachtung wesentlich komplexer, als es die Sprachfeministinnen suggerieren. Die Beeinflussung ist mindestens eine wechselseitige. Die Sprache beeinflusst das Denken, das Denken und noch mehr die gesellschaftlichen Realitäten sowie die kommunikativen Erfordernisse beeinflussen die Sprache. Unsere Sprache bildet die Welt ab, wie wir sie wahrnehmen. Sie ist unser Modell der Welt. Sie ruft Gefühle und Bilder hervor, sie lenkt unsere Assoziationen. Die sprachliche Verpackung eines Sachverhaltes („framing“) spielt für die Akzeptanz einer Sache eine große Rolle. "Framing" ist z. B. in der Werbung und in der Politik ein zentrales Mittel zur Verfolgung von Interessen.

Ich bestreite nicht, dass es mannigfache Versuche gegeben hat und gibt, Menschen durch Sprachvorschriften und Sprechverbote zu lenken und zu manipulieren. Diese Versuche beschränken sich aber auf totalitäre Systeme, die glaub(t)en, sie könnten die Menschen kontrollieren, wenn sie die Sprache kontrollieren. Das kann auch funktionieren, jedenfalls solange die totalitären Systeme genug Druck aufbauen. Nach dem Ende dieser Systeme kehren die Menschen in der Regel aber wieder zu ihrer "normalen" Sprache zurück.

Das Gendern ist in meinen Augen ein Versuch, ein bestimmtes Denken durch die Veränderung der Sprache zu erreichen. Ich will es zwar nicht mit der Praxis totalitärer Systeme vergleichen, dazu ist es zu harmlos, aber es benutzt moralischen und politischen Druck zur Durchsetzung seiner Ziele. Oft wird argumentiert, es würden ja lediglich Vorschläge gemacht. Jeder könne es mit dem Gendern halten, wie er wolle. Das verkennt aber die Realität. Abgesehen davon, dass man nicht mehr von „Vorschlägen" sprechen kann, wenn ins Sprachsystem eingegriffen wird, ist das Gendern inzwischen durch feministische Sprachwissenschaftlerinnen sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Universitäten, Verwaltungen, Parteien und anderen Institutionen zum Standard erhoben worden. Obwohl die Verfechter des Genderns eine kleine Minderheit sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine feministische Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig und muss mit Sanktionen rechnen. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung.

Die Sprache verändert sich jedenfalls nicht durch wie auch immer motivierte Eingriffe, Vorschriften oder Empfehlungen, sondern durch den Sprachgebrauch. Nicht alle Veränderungen setzen sich durch, manche verschwinden auch wieder. Festzuhalten ist, dass neue Begriffe auf Grund von Veränderungen in der gesellschaftlichen Realität entstehen. Das Internet als neue Technologie hat zum Beispiel in kurzer Zeit eine Menge neuer Begriffe hervorgebracht: googeln, downloaden, scannen, bloggen usw. Auf der lexikalischen Ebene ist das relativ unproblematisch. Diese Begriffe werden wahrscheinlich in kurzer Zeit zu ganz selbstverständlichen Bestandteilen der deutschen Sprache werden. Auf der grammatischen Ebene ist der Sprachwandel wesentlich komplizierter.

Von sprachfeministischer Seite werden oft Befragungen ins Feld geführt, die zeigen sollen, dass bestimmte Begriffe ausschließlich oder überwiegend männlich konnotiert sind. Daraus wird dann der Schluss gezogen, dass die "Männersprache Deutsch" (L. Pusch) durch Zusatzzeichen wie Innen,/innen,*,x, a etc. oder durch die Verwendung des generischen Femininums als Standardform verweiblicht werden müsse. Dass bei generisch maskulinen Ausdrücken wie Ingenieur, Arzt, Experte vorwiegend Männer assoziiert werden, liegt jedoch nicht an der Sprache oder der Boshaftigkeit der Männer, sondern an den historisch entstandenen (aktuellen) Realitäten. Das wird sich erst dann ändern, wenn sich die Realitäten ändern, wenn also Frauen in nennenswerter Anzahl zum Beispiel den Ingenieursberuf ergreifen. Bei Erzieher werden fast immer Frauen assoziiert. Auch das wird sich nur ändern, wenn mehr Männer sich für den Erzieherberuf entscheiden. Es ist schon merkwürdig, wenn Sprachfeministinnen glauben, dass durch die Umbenennung von Automechanikern in Automechaniker*innen mehr Frauen diesen Beruf ergreifen würden.

Wenn sich die gesellschaftlichen Realtäten wandeln - und das tun sie zum Glück! - wird die Sprache sich dann über den Gebrauch ebenfalls ändern, falls die Sprecherinnen und Sprecher eine Änderung für nötig und praktikabel halten (!).

Was sich in unseren Gehirnen beim Hören und Verwenden gegenderter Sprachformen (wie z. B. „Wähler*innen“) abspielt, lässt sich empirisch nur schwer fassen. Es nützt nichts, Hirnströme zu messen und zu interpretieren. Man kann nur Hypothesen aufstellen und sie durch repräsentative Befragungen überprüfen.

Etwa so:

- Ein Teil der Sprecherinnen und Sprecher hat eine positive Einstellung zum Gendern und wird Automechaniker*innen als Bestätigung der eigenen Einstellung interpretieren.

- Ein Teil wird denken: Ist mir doch total egal ...

- Ein anderer Teil wird achselzuckend darüber hinweggehen und denken: Was ist denn das für ein seltsamer Rechtschreibfehler?

- Wieder ein anderer Teil fühlt sich durch den Gender-Stern provoziert und ärgert sich über die Verhunzung der Sprache durch die Sprachfeministinnen.

Dazwischen und daneben gibt es wahrscheinlich noch eine ganze Reihe anderer Reaktionen.

Repräsentative Umfragen ergeben, dass eine Mehrheit von durchschnittlich 70% der Sprecherinnen und Sprecher des Deutschen das Gendern ablehnt, 15-20% ist es egal, und ca. 10% wenden es an.

Warum also die Aufregung, und warum mein Engagement gegen das Gendern? Ich mache meine Kritik am Gendern öffentlich, weil ich den Eindruck habe, dass es in Parteien, Universitäten, Verwaltungen auf Grund moralischen und politischen Drucks ungehindert um sich greift, ohne dass seine politische Legitimation, seine wissenschaftliche Basis und seine gesellschaftliche Sinnhaftigkeit breit diskutiert worden wäre. Mich ärgert zudem, dass sich die Sprachaktivistinnen meist der Sachdiskussion entziehen und sich auf ihre „richtige“ Gesinnung berufen. Das finde ich intellektuell unredlich.

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