Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz war ein Schicksalsschlag, dem es die Fresse zu polieren gilt. Wer darin einstimmt, was Dr. Alexander Kissler im Cicero vollkommen zu Recht „Floskelbingo“ nennt, tut genau das Gegenteil.

Ein Kommentar

Paralysierende „Besonnenheit“ durch groteske Vergleiche

Das Uncodewort des Monats Dezember 2016 war definitiv "Besonnenheit". Die Aufrufe zur "Besonnenheit" nach dem Berliner Terroranschlag kamen mir vor, wie notdürftig verschlüsselte Appelle an Fatalismus und Lethargie. Sie und, oft mit ihnen einhergehende, groteske Vergleiche kommen Forderungen an die Bevölkerung gleich, brav weiterhin weiche Ziele darzustellen.

Unzählige Male mussten wir uns in den letzten Wochen anhören, es sei viel wahrscheinlicher bei einem Verkehrsunfall, Gewitter, etc. ums Leben zukommen als bei einem Terroranschlag. Nach dem Terroranschlag von Nizza am Abend des französischen Nationalfeiertages bediente sich selbst die renommierteste deutsche Nachrichtensendung „Tagesschau“ dieser Argumentation.

Das stimmt vielleicht, aber solche Statistiken zu bemühen, ist eine extrem dreiste Verharmlosung der Geschehnisse. Diese bizarren, zumeist vollkommen abwegigen Vergleiche sind ein exzellentes Beispiel dafür, wie die Droge Soma aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ im übertragenden Sinne zu verstehen ist. Sie lassen sich aber ebenso, was nicht weniger abwegig ist, von der exakt entgegengesetzten Richtung aus ziehen. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit in Europa durch einen Terroranschlag zu sterben deutlich höher als z.B. durch einen Wildschweinangriff oder den Biss einer Kreuzotter oder ähnliches.

Fakt ist, dass seit dem Spätherbst 2015 Frequenz, Intensität und Opferzahlen von vislamistisch motivierter Gewalt bzw Terroranschlägen in Europa deutlich steigen. Vergleiche zu allerlei anderen unnatürlichen Todesursachen sind möglich aber so themenbezogen, wie sich Gustav auf Gusto reimt. Anders gesagt, um eine Floskel der Floskeldrescher zu benutzen: sie sind „wenig hilfreich“.

Logische Schlussfolgerung ist nicht „unverantwortlich“

„Unverantwortlich“ sei es gewesen, schnell nach dem tödlichen Anschlag von Berlin zu kommunizieren, dass von einem islamistischen Terrorakt ausgegangen werden müsse. Selbst in einer ZDF-Boulevardsendung wie „Hallo Deutschland“ (Sendung vom 28. Dezember, Äußerungen von Elmar Theveßen) bekommt der Zuschauer solche Wertungen vorgesetzt.

Tatsächlich war es eben NICHT "unverantwortlich" sofort von einem Anschlag des IS auszugehen. Erstens hat sich diese mutmaßliche „Unverantwortlichkeit“ mittlerweile bewahrheitet. Zweitens deuteten bereits die Stichverletzungen, die die Leiche des getöteten polnischen LKW-Fahrers Lukasz Urban aufwies, auf Motivation und Charakter der Tat hin. Es gibt mehr als genug Präzedenzfälle, in denen islamistische Täter zum Messer griffen, z.B. im Juli 2016 als in Bangladesch in Hindupriester auf diese Weise ermordet wurde oder die seit Monaten stattfindenden Attacken palästinensischer HAMAS-Sympathisanten in Israel. Indiens größtes englischsprachiges Nachrichtenportal „One India“ beispielsweise spricht von der „IS-Strategie“ des „Stab and run“.

Drittens hatten wir es mit einer Kopie des Anschlags auf die Strandpromenade von Nizza am französischen Nationalfeiertag 2016 zu tun. Damals lenkte der IS-Terrorist einen LKW in die Menschenmenge. So tötete er mindestens 86 Personen und verletzte weitere 400 Menschen. Eine Methode, die sich nun in Jerusalem auf tragische Weise wiederholt hat.

Aus diesen eindeutigen Indizien einen islamistisch motivierten Terroranschlag abzuleiten, ist nicht „unverantwortlich“, sondern das Ergebnis logischer Schlussfolgerung. Es zu leugnen oder zu diskreditieren ist die eigentliche Unverantwortlichkeit.

Angst sinnvoll einsetzen!

Zusammen mit dieser Forderungen, kommt eine andere Forderung daher; die, keine Angst zu haben. Das ist grundlegend falsch.

In Rocky V sagt Rocky Balboa zu seinem Schützling Tommy Gunn, er müsse verinnerlichen, dass als Boxer sein bester Freund „ein Typ namens Frankie Furcht“ sei. Furcht ist für einen Boxer ein Motivator. Sie hilft ihm wachsam und aufmerksam zu bleiben.

Nicht nur im Boxkampf werden Angst positive Wirkungen zugeschrieben. In ihrem Lied „Parce que tu pars“ singt Lara Fabian:

„Wenn wir noch nicht einmal mehr Angst empfinden, dann macht wirklich gar nichts mehr einen Sinn.“

An späterer Stelle heißt es dort:

"Und wenn du es wirklich willst, dann lass uns diesem Schicksalsschlag, der uns einsam macht, die Fresse polieren!"

Anders gesagt; wir müssen Angst kontrollieren lernen und sie sinnvoll einsetzen!

Mit dem Terror leben lernen? – Nein!

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In der, bereits angesprochenen, Sendung von „Hallo Deutschland“ wird die Öffentlichkeit, wie bereits abermals zuvor durch eine Unzahl von Politikern und Medienvertretern, aufgefordert, mit dem Terror leben zu lernen.

Nach den Anschlägen von Nizza und Ansbach waren solche Äußerungen bereits von Bundesinnenminister Thomas de Maizière zu vernehmen. Nach Berlin stimmte z.B. Bundespräsident Joachim Gauck in diesen Tenor mit ein.

Nein, wir müssen nicht lernen mit dem Terror zu leben! Es ist vielmehr Aufgabe und Pflicht der Politik dafür zu sorgen, dass wir es nicht müssen!

Politiker die dazu nicht in der Lage oder gar nicht willens sind, haben zurückzutreten!

Und Journalisten, die in diesen Tenor mit einstimmen, haben den Beruf verfehlt. Wir brauchen keine Renaissance der Hofberichterstatter! Sie gehören ins Mittelalter und in die Zeiten des Absolutismus!

Parlamentarier werden nicht gewählt, um die Bevölkerung aufzurufen, sich mit bestehenden Missständen und Fehlentwicklungen abzufinden, sondern um sie zu beseitigen.

Möglichkeiten gibt es einige. So ist es höchste Zeit über eine deutsche Version des australischen FPÖ oder eine Ausnahmejustiz für islamistische Terroristen und Gefährder wie sie der französische Konservative Bruno Le Maire von der Partei Les Républicains fordert, nachzudenken, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Kritiker solcher Maßnahmen kontern gerne mit dem Argument, dass so weitere Radikalisierung erreicht werde, und die Terroristen ihr Ziel einer tieferen Spaltung erreichten. Auch das stimmt nicht! Die Gesellschaft spalten, das wollen IS-Terroristen zweifelsohne. Das tun sie aber nicht durch ihre Terroranschläge. Dabei geht es ihnen in erster Linie um die Vernichtung von, in ihren Augen un- oder minderwertigem Leben. Um Spaltung zu erreichen setzen sie, wie es taktisch gesehen näher liegt, nicht beim vermeintlichen Kontrahenten an, sondern beim Verbündeten bzw. Rekruten. Tatsächlich wird gesellschaftliche Spaltung durch Islamisten in jener Art fundamentalistischer Gebetshäuser vorangetrieben, wie sie der Berliner Attentäter Anis Amri vor dem Anschlag regelmäßig aufsuchte, und wo er sich auch unmittelbar nach seiner Bluttat einfand.

Es versteht sich von selbst, dass es niemals 100%ige Sicherheit geben kann. Die Politik hat aber die Pflicht diese anzustreben, denn nicht zuletzt dafür wird sie gewählt.

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