Dreisatz auf Stammtischniveau

Wir haben heute so ein Pamphlet lesen müssen, das sich über viele Absätze hinweg als wirtschaftliche Analyse, gesellschaftliche Bestandsaufnahme und große Entlarvung zugleich verkauft. Tatsächlich ist es vor allem eines: ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie man aus einer einzigen Zahl, einer Handvoll Vorurteilen und einer gewaltigen Portion Selbstüberschätzung einen ganzen Roman zusammenfantasiert.

Der Ausgangspunkt ist ebenso simpel wie absurd.

Die AfD steht irgendwo bei rund 30 Prozent.

Also, so die Logik, müssen auch 30 Prozent der Industriearbeiter AfD wählen. 30 Prozent der Handwerker. 30 Prozent der Pflegekräfte. 30 Prozent der Feuerwehr. 30 Prozent der Beamten. 30 Prozent der Ehrenamtlichen.

Und wenn diese Menschen plötzlich verschwinden würden, dann käme es zum Zusammenbruch Deutschlands.

Was hier als kluge Analyse verkauft wird, ist in Wahrheit ungefähr das statistische Niveau einer Bierdeckelrechnung um halb eins nachts.

Denn so funktionieren Wahlen nicht.

So funktionieren Berufsgruppen nicht.

Und so funktionieren Gesellschaften schon gar nicht.

Wer ernsthaft glaubt, man könne einen bundesweiten Wähleranteil einfach auf jede einzelne Berufsgruppe übertragen, offenbart vor allem, dass er von Statistik ungefähr so viel versteht wie eine Kuh vom Rückwärtsfahren. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass sich Wähler keineswegs gleichmäßig über alle Bildungs- und Sozialgruppen verteilen. Die AfD ist in bestimmten Milieus überrepräsentiert und in anderen deutlich schwächer. Menschen mit niedrigerer formaler Bildung gehören häufiger zu ihrer Wählerschaft als Hochschulabsolventen und akademische Milieus.

Damit zerbröselt bereits die gesamte Konstruktion.

Denn plötzlich stellt sich eine unangenehme Frage:

Woher kommt eigentlich die Gewissheit, dass ausgerechnet 30 Prozent aller Ärzte verschwinden würden?

Woher weiß man, dass 30 Prozent aller Fachärzte AfD wählen?

Oder 30 Prozent aller Universitätsmediziner?

30 Prozent aller Ingenieure?

30 Prozent aller Richter?

30 Prozent aller Professoren?

30 Prozent aller Wissenschaftler?

Die Antwort lautet natürlich: Gar nicht.

Man weiß es nicht.

Man behauptet es einfach.

Und weil die Behauptung die Grundlage für den Rest des Textes ist, wird sie vorsichtshalber nie hinterfragt.

Besonders lustig wird es dort, wo praktisch sämtliche Leistungsträger des Landes stillschweigend in das eigene politische Lager eingemeindet werden.

Plötzlich sind Industrie, Handwerk, Pflege, Ehrenamt, Feuerwehr, Wirtschaft und Gemeinwesen im Wesentlichen die Leistung einer einzigen politischen Wählerschaft.

Man liest das und fragt sich, wer eigentlich die Medikamente entwickelt.

Wer die Flugzeuge konstruiert.

Wer die Brücken berechnet.

Wer die Forschung betreibt.

Wer die Universitäten betreibt.

Wer die Ärzte ausbildet.

Wer Software entwickelt.

Wer Krankenhäuser leitet.

Wer Stromnetze plant.

Wer Unternehmen gründet.

Wer in Laboren arbeitet.

Wer neue Maschinen entwickelt.

Anscheinend sollen wir glauben, dass all diese Leute ebenfalls geschlossen derselben politischen Richtung angehören oder für das Funktionieren des Landes nicht weiter relevant sind.

An dieser Stelle schlägt die Argumentation endgültig in Selbstbeweihräucherung um.

Die eigentliche Botschaft lautet nämlich nicht:

"Eine Gesellschaft braucht viele unterschiedliche Menschen."

Die eigentliche Botschaft lautet:

"Wir sind die Gesellschaft."

Und genau dort wird es unerquicklich.

Denn wer sich selbst gleichzeitig zur Feuerwehr, zur Pflege, zur Industrie, zum Ehrenamt, zum Wirtschaftsstandort und zum Rückgrat des Landes erklärt, betreibt keine Analyse mehr. Er schreibt Fanfiction über die eigene politische Blase.

Dazu kommt die obligatorische Opfermythologie.

Da wird ein riesiger, allmächtiger, linksgrüner Hassmob beschworen, der angeblich nur darauf wartet, Millionen Menschen aus Arbeitsplätzen, Vereinen, Geschäften und Wohnungen zu vertreiben.

Aus dieser Fantasie wird anschließend ein gigantisches Katastrophenszenario gebaut.

Das erinnert an jemanden, der ausrechnet, welche Folgen es hätte, wenn morgen alle Bäcker, Friseure oder Briefträger verschwinden würden.

Natürlich wären die Folgen gravierend.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis.

Nur weil ein frei erfundenes Szenario schlimme Folgen hätte, wird das Szenario dadurch nicht realistischer.

Das eigentlich Faszinierende an solchen Texten ist aber die völlige Blindheit gegenüber der Realität einer pluralistischen Gesellschaft.

Deutschland funktioniert nicht deshalb, weil Millionen Menschen dieselbe Partei wählen.

Deutschland funktioniert, weil Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten zusammenarbeiten.

Der AfD-Wähler wird von einer Ärztin behandelt, die vielleicht Grün wählt.

Der Grünen-Wähler fährt über Brücken, die ein konservativer Ingenieur geplant hat.

Der Sozialdemokrat wird von einem CDU-Bürgermeister verwaltet.

Der Konservative wird von einer möglicherweise linken Pflegekraft versorgt.

Der liberale Unternehmer beschäftigt Angestellte aller politischen Richtungen.

Der Handwerker, der die Heizung repariert, interessiert sich wahrscheinlich genauso wenig für das Wahlverhalten seines Kunden wie umgekehrt.

So sieht die Wirklichkeit aus.

Nicht die Welt der politischen Echokammern, in denen man sich gegenseitig erzählt, ohne die eigene Gruppe würde binnen drei Tagen jede Ampel ausfallen, jedes Krankenhaus schließen und jede Feuerwehrwache zusammenbrechen.

Am Ende bleibt deshalb von der vermeintlich großen Analyse erstaunlich wenig übrig.

Ein wackliger Dreisatz.

Ein paar unbelegte Behauptungen.

Eine ordentliche Portion Selbstmitleid.

Und die Überzeugung, dass die eigene politische Anhängerschaft nicht bloß ein Teil der Gesellschaft sei, sondern nahezu die gesamte Gesellschaft.

Das mag am Stammtisch für zustimmendes Nicken sorgen.

Als ernsthafte Betrachtung von Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft taugt es ungefähr so viel wie eine Wettervorhersage, die auf Kaffeesatz basiert. Die Zahlen wirken bedeutend, die Gewissheit klingt beeindruckend, und am Ende stellt sich heraus, dass alles nur eine Frage des Glaubens war.

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