Meine Sichtweise zu den Vorfällen in Graz

Gleich vorneweg: Ja, es ist wahnsinnig schlimm, was sich am Samstag hier abgespielt hat. Gar keine Frage. Ein schwer fassbares Ereignis, das die Menschen nun erst einmal langsam verarbeiten müssen.

Und das spürt man dieser Tage ganz enorm hier in Graz. Ein großer, tiefschwarzer und bleischwerer Nebelschleier durchsetzt die ganze Stadt. Und auch die Menschen hier. Es ist im Moment an manchen Orten erdrückend still. Man bekommt fast den Eindruck, positiv gepolte Emotionen seien dieser Tage verpönt. Abgesehen von öffentlichen Veranstaltungen, und dazu zählten unter Anderem ein Fußballspiel sowie ein Ball, haben am Wochenende auch zahlreiche Bars, Clubs etc. geschlossen gehabt. Aus Mitgefühl, Trauer, Solidarität. Die Trauer ist hier schon fast unausweichlich, kaum jemand kommt drum rum. Graz trägt Trauer, dieser Spruch (mit dazugehörigen Bildern) wird in den letzten Tagen zuhauf gesagt. Facebook-Profile in Schwarz soweit das Auge reicht.

Ein herzloser und kalter Mensch, wer dieser Tage Katzenvideos anschaut oder gar teilt.

Als ich mir Samstag die Frage im Freundeskreis erlaubte, ob denn irgendwer am Abend etwas unternimmt, waren einige drauf und dran, mir Pietätlosigkeit vorzuwerfen. „Wie kannst du nur auf die Idee kommen? Ernsthaft? Geht dir das denn so gar nicht nahe?“. Das waren noch die netten Beispiele davon, anhören durfte ich mir noch einiges.

Aber zuerst mal alles auf Anfang. Ich saß Samstagmittag vor dem Bildschirm und las. Die ersten Meldungen habe ich gar nicht mitbekommen. Stutzig wurde ich, als ich langsam von zahlreichen Familienmitgliedern und Freunden Nachrichten erhielt, ob es mir wohl gut geht. Als ich daraufhin den Fernseher einschaltete, wurde mir dann alles recht schnell klar.

Mein erster Gedanke nach einem Schockmoment war dann recht schnell da. Da wird wohl einem schweren Psychotiker nach einem Familienkrach das Hirn endgültig durchgebrannt sein.

Und ja, ich weiß, das allein klingt schon sehr hart. Wenn man das ganze Unglück jedoch runterbricht und betrachtet, kann man das (mit sehr viel Zynismus) genau so sagen. Was mir allein dieser Satz schon an Hass eingebracht hat.

In meiner Familie gibt es zahlreiche psychische Erkrankungen, die auch vor mir nicht halt gemacht haben. Jedenfalls kenne ich mich mit vielen Krankheitsbildern dort gut aus, und für mich war dies die schlüssigste und erste Erklärung des Vorfalls. Geplant konnte das kaum sein, dazu wirkte die ganze Sache viel zu dilettantisch und spontan. Also wohl eine Affekthandlung. Auch hätte es bei irgendeiner Form von Terrorismus wohl viel mehr Tote gegeben. Echter Terror findet schließlich nicht mit einem 08/15 Messer aus einem SUV heraus statt. Solche Menschen blasen sich vor einem großen Publikum in die Luft. Stellt mal kurz die Gefühle ab und betrachtet das Ganze nüchtern. Denn genau so hab ich das Zuhause zu Beginn durchgespielt. Allerdings behielt ich meine Meinung sehr lange für mich.

Wie richtig das im Grunde eigentlich war, wurde mir erst sehr viel später bewusst, als nach und nach die Informationen durchsickerten.

Was die Menschen jedoch nicht verstehen wollten war, dass ich mir auf Gedeih und Verderb keine Sorgen um Angehörige oder Freunde machen wollte. Dazu sollte man mich allerdings kennen. Ich bin ein Mensch, der zuallererst einmal seinen Verstand benutzt. Bevor ich mich also der kollektiven Panik und Angstmacherei anschließe, halte ich für einen Moment inne, hole Luft und schalte meinen Kopf ein. Und beginne zu überlegen. Einsatzkräfte handeln sehr rasch und effizient. Hätte es nun also wen erwischt, den ich kenne, würde ich es wohl schon wissen. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits über drei Stunden in den Medien, ich hätte längst etwas gehört. Ich las nach, um wen es sich bei den Todesopfern handelte, machte ein Ausschlussverfahren, es musste also alles gut sein.

Ich hatte für mich also keinen Grund zur Sorge. Damit war das für mich einmal vorerst erledigt. Ich hatte meine Hypothese, allen schien es gut zu gehen, ich wollte es dabei belassen. Später am Tag wird schon die Berichterstattung zeigen, was tatsächlich passiert ist.

Was ich allerdings nicht kommen sah: ich war weit und breit der einzige Mensch, der so zu denken schien. Der Strom nach Erkundigungen aus dem Freundeskreis riss einfach nicht ab. Scheinbar war eine allgemeine Sorge um die Angehörigen unter den Menschen ausgebrochen. Leute erkundigten sich beinahe verzweifelt über die sozialen Netzwerke, ob denn jemand etwas von der Tante, Bruder, Hund oder sonst wem gehört hätte. Denn der oder diejenige reagiert ja seit 20 Minuten nicht auf sein Handy.

Kaum steht das große Monster der Gewalt plötzlich mal ganz nahe, scheinen die Menschen ihre Ratio komplett auszuschalten. Der Panik wird Tür und Tor geöffnet, das Hirn ignoriert, und wehe man probiert hier einen Menschen zu beruhigen! Alle tun so, als würden wir uns mitten in einem echten Terroranschlag befinden. Ein einzelner Mensch läuft Amok, und die ganze Stadt wägt sich in einem Krieg. In einer WhatsApp-Gruppe meiner Arbeit glaubte ernsthaft die Hälfte ein Gerücht, wonach es sich nicht um einen, sondern um insgesamt fünf (!) Täter gehandelt haben sollte. Die übrigens alle mit Messern quer durch die Stadt laufen würden. Das ist jetzt tatsächlich kein Witz. Weiter Öl ins panische Feuer gießen, das macht ihr wirklich gut.

So ein Handeln ärgert mich wahnsinnig. Denn es ist dumm, falsch und noch dazu höchst gefährlich. Und langsam merkte man mir dann mein schmelzendes Nervenkostüm im Umgang mit meinen Mitmenschen auch langsam an. Vor allem bei meinen Antworten auf Erkundigungen zu meinem Wohl war das mehr als deutlich rauszuhören.

So beschloss ich, meine Meinung dazu für das Erste mal wirklich ganz für mich zu behalten. Und so entstand dieser Beitrag hier nun.

Ich schaffe es nicht ansatzweise, dieselbe Trauer zu empfinden wie der Rest meiner Mitmenschen. Und das will ich auch gar nicht. Aber das will ich zumindest erklären, bevor man mich ein weiteres Mal als herzloses Stück beschimpft. Denn das ist wohl das allerletzte, das man mir nachsagen darf.

Ich bin jemand, der tagtäglich am Weltgeschehen teilnimmt. Dazu gehört es unter Anderem auch, dass ich mich mit dem Terror, der auf dieser Welt grassiert, auseinandersetze. Ob das nun Länder wie Nordkorea sind oder durchgeknallte Irre wie Boko Haram spielt dabei keine Rolle. Ich sehe das Übel der Welt tagtäglich, und genau so oft nimmt es mich auch schrecklich mit. Jeden Tag werden unzählige Kinder zu Soldaten ausgebildet, vergewaltigt, verstümmelt. Menschen werden zerhackt und in kleinen Teilen an Schweine verfüttert. In Säure aufgelöst, nachdem sie zuvor an den eigenen Genitalien erstickt sind. Das ist kein kranker Irrsinn den ich mir jetzt ausdenke, das passiert täglich in allen Ecken unseres Planeten. Zu so etwas sind Menschen tatsächlich im Stande, viel mehr noch als wir nur zu denken wagen.

Im Jänner kam ans Licht, dass Boko Haram in Nigeria eine ganze Stadt einfach angezündet hat. Dabei starben über 2000 Menschen, unzählige davon waren Kinder. Im US-Staat  South Carolina läuft ein junger Weißer in eine Kirche und metzelt 9 Schwarze nieder. Rassismus und Religion, zwei der größten Dummheiten unserer Existenz.

Auf dieser Welt grassiert ein unsäglicher Hass des Menschen. Und das nimmt mir so oft die Zuversicht, den Optimismus, die Liebe zum Menschen. Das bringt mich zum Weinen, zum Verzweifeln. Und kein Mensch hört es sich an. Denn für diese Schandtaten interessiert sich hier, in der kleinen Bananenrepublik Österreich, kaum jemand. Niemand kann diese Empathie teilen, an beinahe allen geht es spurlos vorüber. Und genau das ist es, was mich so fürchterlich erzürnt. Dieser kleine Horizont, dieses Desinteresse an menschlichen Gräueltaten. Belanglos, solange es nur die Anderen trifft. Was interessieren mich Massengräber und Schändungen in aller Welt? Hauptsache, der nächste Kroatienurlaub ist finanziert. Und währenddessen schimpfen wir noch ein wenig über die bösen Asylanten oder die hohen Mieten. Obwohl das sicher was miteinander zu tun hat. Tu felix Austria.

Aber dann, dann passiert es doch ganz im Ernst einmal hier. Und dann nicht einmal waschechter Terrorismus mit Bomben und Körperteilen. Nein, nur so ein kleiner Wahnsinniger. Aber immerhin ein Ausländer! Wie lang hat es denn gedauert, bis dieser kleine, widerliche Wurm von Strache erneut seine fette Demagogenkeule schwang? Da ist es dann erst richtig widerlich geworden. Ich gehe nicht mal darauf ein, dass die Herkunft des Täters hier wohl so viel gemein hat wie HC mit einer richtigen Matura. Das ist mir zu blöd. Es wird sich wieder groß echauffiert werden, schlussendlich aber mal wieder was passieren? Nix. Richtig. Deshalb lass ich den rechten Affen jetzt wieder außen vor.

Denn die FPÖ braucht man diesmal nicht mal zwingend zum Fremdschämen, soll auch mal passieren. Aber dieses Mal reichen die Schandblätter der Nation, Die Kronen Zeitung und Österreich, vollkommen aus. Das war, kurz gesagt, die wohl abstoßendste Berichterstattung seit langem. Wenige Stunden erst her, gibt´s bereits Bilder vom Haus des Täters. Inklusive verwahrlostem Spielzeug im Garten und so haarsträubenden Geschichten von Nachbarn, laut denen der Täter nachts mal ganz gern mit der Schrot durch die Gegend schoss. Mal ganz ernsthaft, geht´s noch? Gibt es von euch denn irgendwen, der sich vielleicht ein bisschen schämt für das, was er da geschrieben hat? Ihr seid ja wirklich das Letzte.

Um das jetzt noch einmal zusammenzufassen: Trauer ist legitim. Das waren schlimme Tage, es kommen noch viele finstere. Aber so etwas lässt sich nicht verhindern. Gegen Amokläufer kann man nicht vorgehen, jeder Mensch hat rein hypothetisch das Potenzial zu solch einer Tat. Nur hört auf, plötzlich von der Endlichkeit des eigenen Daseins zu philosophieren. Ihr habt weder ein Interesse noch scheinbar eine Ahnung, was in der Welt rundherum passiert, also spielt euch nicht auf als wärt ihr die einzig armen. Denn schlussendlich ist es vor allem eins: unendlich heuchlerisch. Denn was macht denn das Leben eines kleinen österreichischen Kindes wertvoller, als das eines kleinen Kindes irgendwo am anderen Ende dieser Welt? Ich glaube, tief in ihnen drinnen glauben die Menschen wohl wirklich, dass sie hier etwas Besseres sind, das ihr Leben mehr zählt. Nur würde das wohl nie jemand zugeben.

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G. Szekatsch

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AnneVian

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fischundfleisch

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