Wie Flüchtlinge einen Ort revitalisieren können

Ich arbeite nicht nur als Psychiater, sondern bin auch im Vorstand der Pro Mente Oberösterreich. Der Verein kümmert sich seit fünf Jahrzehnten um die psychosoziale Betreuung. Jüngst haben wir in der zweeinhalbtausend Einwohner-Gemeinde Lichtenberg erstmals eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet. Und das läuft mehr als toll.

35 Jugendliche wohnen nun seit einiger Zeit im Ort. Sie sind 14 bis 16 Jahre alt und sind im laufenden Asylverfahren. Im Vorlauf zur Eröffnung gab es einiges zu tun. Ich war mehr als positiv überrascht, wie sehr sich die Bürgermeisterin für uns eingesetzt hat. Immerhin ist ja nicht nichts, wenn plötzlich 35 junge Menschen in eine Gemeinde kommen. Sie sind dort 24 Stunden am Tag betreut, erhalten einen Deutschkurs, bekommen Freizeitangebote. Zusätzlich werden die Flüchtlinge in Werkstätten der pro mente nach ihren Fähigkeiten auf eine mögliche Berufsentscheidung vorbereitet. Wenn sie schulpflichtig sind, dann organisieren wir den Besuch in der entsprechenden Schule.

Trotzdem erfuhren wir bei einer Infoveranstaltung die Befindlichkeit der Bevölkerung. 350 Menschen kamen zu der Infoveranstaltung und die konnten in drei Gruppen eingeteilt werden. Die, denen es wurscht ist. Die, die das toll finden. Und die, die Sätze sagen wie: „Da kann ich meine Tochter nicht mehr alleine rauslassen." Der Mann meinte nicht nur nachts, sondern generell. Das ist irrational, da hätte ich mehr Angst, die Kinder nach Linz in die Altstadt oder Disco gehen zu lassen...

Aber reden wir lieber über die guten Seiten. Es organisierte sich sofort eine Bürgerplattform, die nicht nur Spenden organisiert, sondern quasi die Organisation der Spenden organisiert. Wer braucht ein Fahrrad? Gibt es schon genug? Die Deutschkurse werden von der pro mente angeboten, eine ortsansässige Lehrerin wollte gratis Deutschunterricht anbieten. Oder eine Gruppe Jugendlicher, die nach Linz gefahren ist und in der Fußgängerzone 500 Euro an Spenden ersungen hat. Außerdem plant die pro mente, in einem still gelegten Sportcafe eine Begegnungszone zu schaffen, in der die Flüchtlinge mithelfen und Menschen aus der Ortschaft trinken und essen können. Hier hat die pro mente schon gute Erfahrungen. Und der Ort profitiert auch davon, weil sich mehr tut, weil die Menschen gemeinsam etwas auf die Beine stellen.

Was ich auch noch mitbekomme ist, dass viele der Kids mit den Erfahrungen der Flucht gut umgehen können. Wir haben im letzten Beitrag über Traumata gesprochen – viele von ihnen erkranken nicht an PTBS. Klar, sie sind traurig, sie leiden. Aber in so einem guten Umfeld sinkt eben die Wahrscheinlichkeit, wirklich zu erkranken. So profitieren nicht nur die Jugendlichen, sondern auch der Ort.

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