Mehr Mut zur Komplexität - "Komplex ist sexy!"

Wir bekommen immer gesagt, wir würden in einer hochkomplexen, immer vernetzteren u. globaleren Welt leben. Die Spezialisierung und immer mehr Komplexität – nicht nur in Wissenschaft und Technik, sondern auch im Alltag machen uns immer abhängiger, hilfloser und lassen uns schon bei Alltagsdingen, wie beim Heimwerken an Möbelschrauben oder Rucksackschlaufen im Urlaub fast verzweifeln und resignieren. Auch unsere sozialen Beziehungen werden durch Job- u. Ortswechsel, Trennungen, Patchwork-Familie u. Lebensabschnittspartner schmerzhaft komplexer u. verworrener.

Die Reaktionen auf diese stressigen und frustrierenden, ja letztlich entmündigenden Erfahrungen reichen von "Jetzt erst recht!" über "Kopf in den Sand" und fast totalem Rückzug bis zur wütenden, hilflosen Forderung nach einfachen, simplen Lösungen.

Fatale Folgen hat die letzte und scheinbar beste Strategie, einfache Lösungen zu suchen aber gerade im für uns so wichtigen Privatleben und in der Politik. Das Wort "Idiot" kommt aus dem Griechischen u. bezeichnet dort "... Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war." Dementsprechend ist unsere Welt mit immer mehr "IdiotInnen" im griechischen Sinn bevölkert, die sich um immer weniger kümmern, zurückgezogen haben und dieses Idiotentum auch auf ihre Beziehungen ausweiten. Man scheut da erst recht Verantwortung, denkt lustfixiert, kurzfristig und egoistisch.

Massiv unterfüttert von Politik und Medien, die immer einfachere Lösungen anbieten und präsentieren, verdummender Werbung verkümmert jedes Denken, Reflektieren und Dahinter-Blicken, falls es überhaupt je gelernt wurde. Doch den Denkapparat benutzen bringt auch massive Lustgewinne, ja es ist Basis von Lust und Attraktivität, macht mündig und frei. Es ist auch überlebenswichtig, wollen wir nicht an diesem Auseinanderklaffen von höherer Komplexität und simpler Denke scheitern. "Machen wir Dinge möglichst einfach, aber nicht zu einfach." - damit deutete schon Einstein diese gefährliche Grenze der Vereinfachung an.

Wäre da nicht dieser Druck der Gesellschaft, die Denker u. Hinterfrager noch immer als "Streber", Kritikaster und "Nerds" vernadert und denunziert, wir täten uns leichter uns mit Denkkraft zu bewaffnen, uns über Diskussion, Reflexionsvermögen, Recherche und Wissen zu emanzipieren.

Der härteste erste Schritt dabei ist, wie untrainierte Jogger, aus dem Zustand des Übergewichts heraus, gegen die eigene Trägheit und Schwerkraft mühsam abzuspecken u. wieder fit zu werden. Dynamik nimmt das Ganze auf, wenn wir auf diesen zuerst einsamen Jogging-Strecken TrainingspartnerInnen finden.

Mit erstem spannenden, anregendem Gedankenaustausch, Erkenntnisgewinnen und neuen, durch ihren Intellekt attraktiven MitstreiterInnen, steigt nicht nur die Lust auf mehr davon, sondern auch die Lust, sich nur noch mit diesen Menschen einzulassen, sie zu suchen und auch sich selbst darüber zu definieren - wir haben entdeckt, dass wir sapiosexuell sind. Alltag und Leben werden nun erhobenen Hauptes, selbstbewusster und freier angegangen, die Komfortzone wieder erweitert.

Dehnen wir letztlich diesen Zugang auf unsere Beziehungen aus, treffen wir eine klar bessere Partnerwahl nach sapiosexuellen Kriterien, haben stabilere, glücklichere Beziehungen mit kompetenterem Gegenüber und damit neue Impulse, Bestätigung und Glück.

Kein Mensch sagt, dass Komplexität zulassen, angehen, durchdringen und letztlich meistern leicht oder ohne Mühe u. Blut, Schweiß und Tränen ist. Aber es ist letztlich für jeden Einzelnen der einzige Weg in Freiheit und Würde, egal welche Ausbildung, Herkunft und Erfahrungen er oder sie hat. Und für die Gesellschaft als ganzes die letzte Chance unsere Standards zu halten, Populisten, Vereinfachern, Scharlatanen das Handwerk zu legen.

Mit einer Gesellschaft, Medien und Politik, die "Komplexität zum neuen Sexy" erklären und fördern, hat auch jedeR Einzelne die Chance, sich ohne Gegenwind und Ächtung da endlich reinzustürzen und zu befreien.

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Maria Lodjn

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fischundfleisch

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