„Nach fünf Stunden kenne ich mich jetzt aus“, denke ich mir. Gezielt gehe ich Richtung Ausgang. Vorbei an Mazedonien, Kanada, Estland, Tschechien und China geht’s durch gefühlt sämtliche Regionen Spaniens, entlang der dänischen Küste. Über Italien erreiche ich Vietnam, Peru und Marokko. Zu meiner Rechten zieht Österreich vorbei. Ich durchquere Belgien, Frankreich und Thailand und bin endlich beim Ausgang. Oje, das gibt’s ja nicht. Denke ich mir, als ich „Ausgang Mitte“ lese. Ich bin beim falschen Ausgang, der richtige ist denkbar weit weg und der Bus fährt in 20 Minuten.

Viele denken bei Bio an kleine, romantische Bauernhöfe. Dabei gibt es auch Bio-Betriebe in allen erdenklichen Größenordnungen von Klein bis Riesig. Der Bio-Markt ist ein Weltmarkt und das Bio-Dorf ein globales. Bio ist ein wichtiger und wachsender Wirtschaftszweig, Bio-Produkte und deren Zutaten werden weltweit gehandelt.

Land schafft Leben, 2018

"More than Bio"

In den fünf Stunden auf der Biofach-Messe sammelte ich bleibende Eindrücke. Einige Bio-Produkte, zum Beispiel Datteln aus Saudi-Arabien, schmecken so herrlich, dass ich alles vergesse, wofür ich mich als Land schafft Leben-Redakteur sonst immer interessiere. Der Geschmack nach Karamell oder eigentlich nach etwas noch Besserem lässt mich nicht mehr an Arbeitsbedingungen beim Anbau und Transportwege denken.

Eine Gefahr, die bei Bio besteht. Die Bezeichnung „Bio“ alleine kann schonmal vermuten lassen, dass eh alles super ist. Dass es keine Pestizidrückstände geben darf, ist klar. Außerdem gibt es das grün-weiße EU-Bio-Zeichen, das EU-Standards erstaunlicher Weise auch für Lebensmittel aus weit entfernten Ländern vorschreibt. Alles, was man nicht am Produkt im Labor nachweisen kann, bleibt aber offen. Das betrifft etwa die Entlohnung der Arbeiter. Gerade Bio-Lebensmittel brauchen viel Handarbeit, vor allem weil das Unkraut nicht mit Herbiziden vernichtet wird. Nicht umsonst werben einzelne Hersteller mit „More than Bio“ und Wänden voller Siegel wie Fairtrade. Um eben nicht nur Bio zu sein.

Land schafft Leben, 2018

Wer ist hier Europameister?

Der Österreich-Bereich ist ähnlich groß wie Dänemark und die Niederlande und viel kleiner als Spanien, Italien, die Türkei und China. Von knackigen Äpfeln über Milchprodukte bis zu Verpackungsmaterial. Exporte sind für die Bio-Nation Österreich wichtig und das sieht man auch. Die Hersteller geben sich alle Mühe. Dass Österreich das Land mit dem höchsten Anteil Bio-Agrarfläche ist, sieht man nicht. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Dänemark präsentiert sich gar als „World Leading Organic Nation“, obwohl nur die Bio-Nachfrage der dänischen Bevölkerung weltmeisterlich ist (fast 10 Prozent der Lebensmittel-Käufe 2016). Estland wirbt mit besonders viel Bio-Fläche.

Erstaunlich ist, welche Länder präsent sind. Burkina Faso ist dabei, Sri Lanka und Myanmar. Es duftet herrlich vor den exotischen Ständen, solange sich nicht zu viele Düfte vermischen. Wenn die Arbeiter gerecht entlohnt werden, das Lebensmittel in Mitteleuropa nicht wächst und auch noch herrlich schmeckt, warum sollte man es nicht als Delikatesse den weiten Weg zu uns transportieren? Das macht doch viel mehr Sinn als Bio-Äpfel und Co aus Irgendwo zu kaufen, nur weil es sie momentan nicht aus heimischer Landwirtschaft gibt.

Land schafft Leben, 2018

Einmal noch um die ganze Welt

Ich habe mich schon von der Bio-Welt verabschiedet, als ich feststelle, dass ich beim falschen Ausgang und auf der ganz falschen Seite des Messezentrums bin. Im Pötzblitz-Tempo geht’s noch einmal durch Thailand, Frankreich, Belgien, Österreich, Marokko, Peru, Vietnam, Italien, Dänemark, Spanien, China, Tschechien, Estland, Kanada und Mazedonien. Ich finde den „Ausgang Ost“, gerade noch rechtzeitig. Die Busfahrt bei Schneetreiben nach Österreich gibt Zeit, die tausenden Eindrücke von meiner Reise um die Bio-Welt sickern zu lassen.

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