Max Neumeyer

Von einem, der die Schnauze voll hat

Teil 10

Die letzten Wahlergebnisse sprechen für sich, aber nicht für mich. Die Entscheidung unser bisheriges Leben hinter uns zu lassen, die Entscheidung ins Grüne zu ziehen, um zu versuchen nachhaltiger und mit weniger Ballast zu leben, hat sehr viel mit Zufriedenheit zu tun. Mit Glück. In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema „Glück“ auseinandergesetzt. Was ist eigentlich ein glückliches Leben?

Immer öfter werde ich Zeuge von Gesprächen meiner Mitmenschen. Leuten die, wenn man sie kennt ausgesprochen nette Menschen sind, die sich um ihre Familie, ja sogar um ihre direkten Nachbarn kümmern. In diesen Gesprächen tritt eine unglaubliche Unzufriedenheit zu Tage. Ich habe versucht diese Unzufriedenheit zu verstehen. Woher kommt sie?

Es gibt viele Gründe sich im Leben unglücklich zu fühlen, oder übervorteilt. Ganz vorne sollte meines Erachtens die eigene Gesundheit stehen. Wer gesund ist, sich halbwegs fit fühlt, hat schon einmal einen Grund weniger unglücklich zu sein. Weiters ist es das soziale Umfeld, dass einen großen Beitrag zum Glück leistet. Ist man in einem intakten Familienverband eingebettet, hat man gute Freunde, denen man alles erzählen kann und die einem zuhören, dann ist einem das Glück hold. Dann gibt es noch die wirtschaftliche Sicherheit, die viel dazu beiträgt, ob wir zufrieden sind oder eben nicht. Dieser dritte Punkt ist heutzutage wahrscheinlich ausschlaggebend für die gespaltene Stimmung in unserer Gesellschaft.

Österreich ist sicher keine Insel der Seeligen mehr, wie es früher einmal war, aber haben wirklich alle Unzufriedenen gerechtfertigte Gründe für ihr Jammern? Unser Sozialstaat ist teuer und war sicher schon einmal besser, bietet aber immer noch guten Schutz gegen so manche Talsohle des Lebens. Wenn man sich unter die Bevölkerung mischt und den Menschen „aufs Maul schaut“ könnte man meinen, wir würden kurz vor der Apokalypse stehen – selbst hier in unserer neuen Heimat, dem Südburgenland.

Erst letztens wurden meine wunderbare Frau und ich wieder Ohrenzeugen eines Gesprächs zwischen waschechten Burgenländern – im Grunde freundlichen und hilfsbereiten aber anscheinend zutiefst desillusionierten Menschen. Nach der Begrüßung wurde bereits begonnen darüber zu jammern, wie schlecht es ihnen denn nicht gehe. Zu viele Ausländer, zu hohe Steuern und dem „armen, kleinen Manne“ würde nichts mehr zum Leben bleiben. Diese Gespräch fand vor dem großzügig ausgestatteten Haus eines der beiden „kleinen Männer“ statt. Das Haus, mit elektrischem Gartentor, mehreren tausend Quadratmetern Grund, kleiner Landwirtschaft und drei (!) neuen Autos der Mittelklasse und darüber (einer mit den vier Kreisen), wurde bei diesem Gespräch wohl nicht bedacht. Hätte ich die Kulisse nicht vor Augen gehabt, hätte ich den armen Leuten sicherlich mit ein paar Euros und einer Einladung zu einem guten selbstgekochten Essen ein wenig Leidenslinderung verschafft.

Auch in unserem Land gibt es Armut. Es gibt Menschen, die nicht wissen wie sie ihre Miete zahlen können oder was in den kommenden Tagen auf dem Tisch landet. Aber sind das wirklich so viele? Fährt man mit dem Auto durch Österreich, sieht man die vielen luxuriösen Häuser, die unzähligen neuen Autos und die Menschen in teurer Markenkleidung, könnte man fast annehmen, dass hier auf sehr hohem Niveau gejammert wird. Ein Grund dafür könnte meines Erachtens nach die Diskrepanz zwischen der Angst vor einem schleichenden Ende des wirtschaftlichen Wachstums und dem steigenden Druck der Werbung sein. Mehr als bloß unterschwellig werden wir jeden Tag mit schrill-bunten Botschaften bombardiert, um unser hart erarbeitetes Geld in die Geschäfte zu tragen. Neue technische Gerätschaften, ein 10. Paar Schuhe und die nächste Pauschalurlaubsreise in einen All inclusive-Club, der aussieht wie der andere (vom Urlaubsland kriegt man in solchen Anlagen ohnehin nichts mit) müssen abbezahlt werden, sonst ist man kein vollwertiges Mitglied unserer wirtschaftshörigen Gesellschaft.

Schade, dass es in unseren Schulen kein Fach „Zufriedenheit“ gibt. Ja, wo würde es denn hinführen, wenn alle ÖsterreicherInnen mit dem was sie haben auskommen würden, ja sogar glücklich wären? Ich habe für mich beschlossen, dieses „Fachwissen“ durch mehr Achtsamkeit nachzuholen. Der erste Schritt war das Pickerl am Postkasten: Keine unaddressierten Zusendungen mehr. Zweiter Schritt: Weniger Fernsehen. Wenn ich etwas sehen will, dann schaue ich gezielt – ohne Werbung, ohne Medienmanipulation. Der Boulevardpresse habe ich schon vor Jahren den Rücken zugekehrt.

Der dritte und letzte Punkt ist die bewusste Suche nach den positiven Seiten des Lebens. So freue ich mich bereits über Sonnenschein am Morgen – die Sonne spendet Lebensfreude und Vitamin D. Aber auch wenn es regnet gibt es Grund zu Freude: Öffnen die Wolken ihre Pforten freut sich die Pflanzenwelt, was wiederum gut für uns Menschen ist. Ich freue mich über einen gedeckten Tisch und gesunde Lebensmittel. Ich freue mich darüber mich bilden und meine Meinung sagen zu dürfen, ohne dafür mit Repressalien rechnen zu müssen. Ich freue mich über die Freiheit selbst entscheiden zu können, wo mein Leben hinführt. Diese Freiheit ist ein großes Glück, das ich mir nicht nehmen lassen möchte – meine lieben Mitmenschen sicherlich auch nicht! Baba, wir lesen uns.

Max Neumeyer

Lassen wir uns einfach nicht mehr vorschreiben, wie ein "glückliches Leben" auszusehen hat.

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Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 06.05.2016 11:12:10

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