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Was wurde da noch einmal gejubelt, in der Wahlkampfzentrale der Kurzianer, als das erste Hochrechnungsergebnis der ÖVP bekannt gegeben wurde. Es ist schön, Menschen zu sehen, die vor großer Freude gar nicht wissen, wie laut sie brüllen können. Dieses wunderbare Gruppengefühl, wenn man weiß, dass man besser als alle anderen ist und die eigenen Gegner fertig gemacht hat. Das freut mich für die rechte Reichshälfte. Ich bekam richtig Gänsehaut.

Ich selbst bin links sozialisiert worden. Tut mir leid, ist aber so. Nicht links im Sinne von Geburt – Arbeiterhaushalt – Vater Gewerkschaft – jeden Morgen die Internationale – vor dem Schlafen gehen ein Kapitel aus dem Kapital, sondern: Mutter früh gestorben – mit Vater zu Oma gezogen – Oma christliche Fundamentalistin und Kerzelschluckerin – Vater damals noch ÖVP Mitglied – Volkschule und Gymnasium in katholischer Privatschule – früh rebelliert – Haare bunt gefärbt – Punkrock – Antifa. Es war ein harter Kampf, aber ein schöner. Damals war ich echter Utopist.

Mit der Zeit wurde ich politisch fauler. Ich lernte meine Frau kennen, ging gerne campen und rauchte eine Menge Gras. Auch das war eine schöne Zeit. Ich habe studiert und fing an zu arbeiten – ja wirklich – und ich begann irgendwann zu schreiben. So wurde ich Journalist und leidenschaftlicher Tastentipper. Wer viel schreibt, sollte auch viel lesen und wer über politische Themen schreibt, sollte auch politische Bücher lesen. Das tat ich. Mehr und mehr. Damals, es ist schon über 12 Jahre her, habe ich begonnen mich zunehmend zu ärgern. Über die Politik, über die Wirtschaft und über uns alle, die wir uns auf den Kopf scheißen lassen ohne die Zusammenhänge zu kapieren.

Je mehr ich mich mit diesen politischen Themen auseinandergesetzt habe, umso politischer wurde ich auch selbst. Ich vergaß meine gesellschaftliche Faulheit, mein Dessinteresse und wurde wieder politisch, und wanderte wieder nach weiter nach links. Dort ist das Wetter gar nicht so schlecht, wenn man sich an den Gegenwind von der anderen Seite gewöhnt hat. Aber jetzt scheint ein regelRECHTER Sturm aufzuziehen. Ich weiß nicht, ob ich dem gewachsen bin und suche seit dem spannenden Wahlsonntag nach einer Lösung. Nach der zweiten schlaflosen Nacht in Folge, habe ich die Lösung gefunden.

ICH MÖCHTE RECHTSRADIKAL WERDEN.

Jiepieeeh!

Und ich möchte wieder faul werden. Möchte mich wieder in die österreichische Gesellschaft integriert wissen. Zu diesem Behufe habe ich mir einen Mehr-Punkte-Plan überlegt, den ich in den nächsten Wochen nach und nach umsetzen möchte:

o) ich möchte regelmäßig, aber mindestens einmal täglich, öffentlich jammern und mich als „kleiner Mann, dem es sehr schlecht geht“ präsentieren

o) ich möchte positive politische Entscheidungen ignorieren und alles ins Negative kehren

o) ich möchte ein neues WIR-Gefühl entwickeln: WIR Österreicher, WIR Fleißigen, WIR Braven usw.

o) ich möchte eine neue Identität in strenger Abgrenzung zu den Anderen entwickeln: den Linken, den Ausländern, den Asylanten und den Wirtschaftsflüchtlingen

o) ich möchte aufhören Bücher zu lesen

o) ich möchte mein Wissen nur mehr aus den Boulevardmedien und von der Seite unzensuriert.at beziehen

o) ich möchte mich einer hiesigen Stammtischgruppe anschließen

o) und möchte politische Hintergründe gar nicht mehr analysieren, sondern mir selbst zusammen reimen

o) ich möchte meinen negativen Gefühlen einfach freien Lauf lassen

o) ich möchte Menschen, die Gutes tun nicht mehr bewundern müssen, sondern sie als Gutmenschen schlecht machen

o) ich möchte in Gruppen die offensichtlich nicht rechts sind endlich sagen dürfen: „Ich bin nicht gegen Ausländer, aber …!“ Unter anderen Rechtsradikalen würde ich meiner Wut natürlich freien Lauf lassen

o) ich möchte andere Volksverräter nennen dürfen

o) ich möchte mein eigenes Versagen endlich den anderen in die Schuhe schieben können

o) ich möchte laut Lüüüügeeeeenpreeesseeee schreien, wenn ich mit einem Artikel in der Zeitung oder im TV nicht zufrieden bin

o) ich möchte Themen, die mein Weltbild ins Wanken bringen könnten, als Verschwörungstheorie abtun können – das funktioniert immer

o) ich möchte die heimische Politik gänzlich von den Geschehnissen auf der Welt abkoppeln, das hat nichts mit uns zu tun, und das ist mir auch scheißegal

o) ich möchte über die Gurkenkrümmung der EU schimpfen dürfen

o) ich möchte mir den ganzen gesellschaftlichen Scheiß einfacher machen

o) und ich möchte die John Otti Band endlich einmal live sehen!!!

Ich merke richtig wie mir ein Stein vom Herzen fällt. Das Leben kann so schön sein, wenn man sich einfach wie ein Segel mit dem Wind dreht! Herrlich. Vielleicht werd ich mir gleich ein türkis-blaues Parteibuch holen, …oder sind das noch zwei verschiedene? Egal, rechts ist rechts.

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