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Nach meinem letzten Blog „Ich möchte rechtsextrem werden“, fand in meinem privaten Posteingang eine echte Österreich-Party statt. Traditionell, rustikal mit Volksmusik und ohne unbeliebte Fremdkörper. Rund 200 Mal macht es dingeling-geling – oder palim-palim, für die deutschen LeserInnen. Jedes Mal wenn mein Beitrag kommentiert wurde, bekam ich eine E-Mail zur Erinnerung. Ich fühlte mich wie ein schlimmes Kind, das mit gezielten Regelbrüchen um Aufmerksamkeit bettelt. Es ist mir gelungen.

Ja, ich gebe es zu: Ich war ungezogen, immer schon. Aber diesmal war es mehr als reine Provokation, auch wenn ich ganz gern mal ein bisschen provoziere. Ich möchte hier jetzt ein paar Punkte klarstellen:

1) Ich möchte natürlich nicht rechtsextrem werden – was dem Einen oder der Anderen nicht entgangen sein dürfte.

2) Ich habe ganz absichtlich mit platten Vorurteilen um mich geworfen (macht ja direkt Spaß, so unreflektiert zu argumentieren, aber jetzt ist es auch wieder genug)

3) Die John Otti Band würde ich mir nicht einmal als überzeugter Rechter anhören, geschweige denn ansehen wollen.

Ich war einfach nur neugierig wie die fisch und fleischlichen UserInnen auf meine dummen Vorurteile reagieren. Ein paar FuFs haben die Satire erkannt und dementsprechend reagiert, andere wiederum fühlten sich offenbar persönlich angegriffen oder gar gekränkt. Was ich persönlich besonders interessant fand, waren die verbalen Angriffe jener, die mit meinem Text so gar nicht einverstanden waren. In vielen Fällen Menschen, die sich selbst eher zur rechten Seite des politischen Spektrum zählen – auch wenn man darüber sicher diskutieren könnte.

In Wahrheit bin ich auch kein Freund der ewigen rechts-links Einteilerei – es hat sich halt einfach so etabliert und hilft dabei politische Meinungen rasch in Kategorien abzulegen. Auch das ist eine Art von Vorurteil.

„Vorurteil heißt ein Urteil, wenn eine Person, eine Gruppe, ein Sachverhalt oder eine Situation vor einer gründlichen und umfassenden Untersuchung, Abklärung und Abwägung beurteilt wird, ohne dass die zum Zeitpunkt der Beurteilung zur Verfügung stehenden Fakten verwendet werden. Es gibt negative und positive Vorurteile.“

Bei der Verwendung von Vorurteilen fehlen also Fakten. Fakten, die es bereits gibt, die aber nicht zur Verfügung stehen, einfach ignoriert oder als Fake abgetan werden. Die dritte Variante ist im Moment sehr beliebt. Sogar am internationalen politischen Parkett. Fake News sind eine tolle Erfindung, um andere Meinungen einfach nicht gelten zu lassen. Der Hassgegner der Fake News sind die Fakten.

Die Reaktionen unter meinem Text waren für mich der Beweis, dass niemand gern nach Vorurteilen beurteilt werden möchte – Rechte nicht, Linke nicht, Inländer nicht und Ausländer auch nicht. Niemand! Sogar die, die ihr gesamtes politisches Weltbild auf Vorurteilen aufbauen – aktuell im Speziellen gegen Flüchtlinge gerichtet – sogar die, reagieren auf Vorteile meist mehr als gereizt. Niemand wird gern in Schwarz-Weiß Kategorien gesteckt. Die Rechten gibt es nicht, genauso wenig wie die Linken oder die Flüchtlinge. Teilen wir unsere Mitmenschen in Gruppen ein, mag es das Verständnis unserer Welt vereinfachen, wir übersehen dabei allerdings, dass wir es mit Individuen, mit ganz unterschiedlichen Menschen zu tun haben. Das Hervorheben der Individualität hilft Vorurteile zu überwinden. Versuchen Sie es, es funktioniert, auch wenn in den Boulevardmedien nichts davon zu lesen ist.

„Die Rechten sind alle dumm“, ist ein Vorurteil, dass leicht zu wiederlegen ist. Menschen wie H.C. Strache oder Norbert Hofer sind alles andere als bescheuert. Man kann ihre Meinungen ablehnen, aber sie agieren und reagieren wohlüberlegt und haben wohldurchdachte Ziele und demensprechendes Wissen. Es gibt dumme „Rechte“, aber es sind eben nicht alle so.

„Alle Flüchtlinge sind Verbrecher und kosten uns nur Geld“, ist ebenfalls ein Vorurteil, dass bei näherer Betrachtung schnell in sich zusammenbricht. Man kann sagen, dass man gegen Zuwanderung ist, das ist legitim, das obige Vorurteil ist es nicht. Sieht man sich die großen Einwanderungswellen der letzten Jahrzehnte an (nicht nur in Österreich), so erkennt man, dass Zuwanderung langfristig gesehen finanzielle Vorteile bietet. Gegen andere Kulturen zu sein, ist eine andere Geschichte. Es gibt sicher auch Flüchtlinge die eine Karriere im Kriminal anstreben, die meisten wollen allerdings nur in Frieden leben und wirtschaftlich wieder auf sicheren Beinen stehen. Wer könnte es ihnen verübeln. Ich würde auch flüchten, wenn das System in Österreich zusammen- und Gewalt ausbricht.

„Die Linken wollen alle reinlassen.“ Was ist denn das? Richtig: ein Vorurteil. Es mag Menschen geben, die für unkontrollierte Zuwanderung sind und Flüchtlinge an den Grenzen beklatschen. Ok, mag so sein. Viele treten aber einfach nur für einen menschlichen und vernünftigen Umgang mit Menschen ein, die zumeist schwer traumatisiert nach Europa kommen. Es ist ja nicht so, dass die sogenannte westliche schuldlos an diesem Dilemma wäre. Die geschichtlichen Fakten kann man jederzeit nachlesen.

Wenn unsere Politiker nur mehr mit einem Thema punkten können, dass auf Vorurteilen beruht. Einem Thema das gegen etwas ist und nicht dafür. Einem Thema, das auf negativen Emotionen aufbaut und für gesellschaftliche Kälte sorgt. Dann sollten wir uns ernsthaft überlegen, ob diese Politik nicht einfach nur von anderen Themen ablenken will. Themen, die uns wirklich betreffen und nicht nur unsere absichtlich geschürten Ängste füttern.

Bin schon gespannt, wer sich jetzt angegriffen fühlt.

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Claudia Tabachnik

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